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Joe Biden, Präsident der USA, spricht während einer Feier zum Unabhängigkeitstag auf dem Südrasen des Weißen Hauses.

Foreign Policy

Letze Ausfahrt vor der Eskalations-Spirale: Warum Staaten einander besser verstehen sollten

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Die globale Ordnung wird geprägt durch unser (Un)Vermögen, uns in die Perspektive anderer Länder hineinzuversetzen.

  • In der Sozialpsychologie gibt es den Begriff des „fundamentalen Attributionsfehlers“ als menschliche Tendenz.
  • Das Phänomen ist auch in der Geopolitik zu beobachten: Staaten haben eine verzerrte Wahrnehmung voneinander.
  • Außenpolitische Realisten sind zu der Erkenntnis gelangt, dass alle Staaten und politischen Anführer in einer unsicheren Welt agieren und in ihrem Streben nach mehr Sicherheit wahrscheinlich beklagenswerte Dinge tun werden.
  • Der Politikwissenschaftler Stephen M. Walt erklärt ein Grundproblem der internationalen Beziehungen. Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 27. Juni 2021 das Magazin Foreign Policy.

Es gibt viele Gründe dafür, dass Staaten miteinander in Konkurrenz treten oder in Streit geraten – und manchmal sind diese Gründe für die beteiligten Parteien klar ersichtlich. Häufig ist es jedoch so, dass diese Gründe schwerer erkennbar sind und das Ausmaß an Feindseligkeit dementsprechend größer ist, alt nötig. In diesem Fall wissen Staaten zwar, dass sie sich nicht einig sind, aber nicht genau, was die eigentliche Ursache dafür ist. Unter diesen Umständen ist die Klärung eines Problems viel schwieriger und es ist wahrscheinlicher, dass die Beteiligten in eine Eskalationsspirale geraten.

Daher betone ich in meinen Kursen immer und immer wieder die große Bedeutung der Empathie, das heißt, der Fähigkeit, Probleme aus der Perspektive einer anderen Person (oder eines anderen Landes) zu betrachten. Dazu muss man nicht unbedingt mit der Sichtweise des Gegenübers einverstanden sein. Es geht vielmehr darum, zu begreifen, wie andere eine Situation wahrnehmen, und zu verstehen, warum sie so handeln, wie sie es tun. Für eine solch empathische Sichtweise gibt es einen unmittelbaren praktischen Grund: Es ist viel schwieriger, einen Konkurrenten davon zu überzeugen, sein Verhalten zu ändern, wenn man die Ursachen für dieses Verhalten nicht versteht.

Sozialpsychologie: „Fundamentaler Attributionsfehler“ als menschliche Tendenz

Dieses Problem wurde mir bei der Lektüre einiger Nachrufe auf Lee Ross wieder einmal bewusst. Ross war ein bahnbrechender Sozialpsychologe, der viele Jahre an der Stanford University gelehrt und Pionierarbeit in seinem Fach geleistet hat. Ross ist am besten bekannt für seine Arbeiten zu einem Phänomen, das er als „fundamentalen Attributionsfehler“ bezeichnete.

Dieser Begriff wurde in der Sozialpsychologie breit rezipiert und gilt inzwischen als einer der Kernbegriffe des Fachs. Kurz gesagt, beschreibt der fundamentale Attributionsfehler die menschliche Tendenz, das Verhalten anderer eher durch „dispositionelle“ Faktoren und weniger durch „situative“ Faktoren erklären zu wollen. Anders ausgedrückt: Menschen neigen dazu, das Verhalten anderer als einen Ausdruck ihrer Persönlichkeit, ihres Charakters, ihrer Wünsche oder ihrer Grunddispositionen zu betrachten und nicht als Reaktion auf die jeweilige Situation, in der sich eine andere Person gerade befindet. Im Gegensatz dazu neigen wir dazu, unser eigenes Verhalten als eine Reaktion auf die Umstände zu sehen, mit denen wir konfrontiert sind, und nicht allein als Ausdruck dessen, „wer wir sind“.

Wenn uns beispielsweise jemand anlügt, neigen wir dazu, dieser Person einen Charakterfehler und einen Mangel an Integrität zuzuschreiben. Die andere Person hat in unseren Augen gelogen, weil sie nun einmal so ein Mensch ist. Und manchmal stimmt das auch. Aber wenn wir selbst die Unwahrheit sagen, entschuldigen wir das tendenziell dadurch, dass wir in der jeweiligen Situation schlicht keine andere Wahl hatten, und nehmen dies nicht als Beleg für eine eigene Charakterschwäche. Wenn eine andere Person die Fassung verliert und ausrastet, schließen wir daraus, dass diese Person von Natur aus hitzköpfig ist oder Probleme mit der Frustbewältigung hat, anstatt zu überlegen, ob sie vielleicht überarbeitet ist, drei kleine Kinder im Lockdown betreuen muss oder an Schlafmangel leidet.

Die geopolitische Dimension der Empathie: Verzerrte Wahrnehmung anderer Staaten

Daher sind wir häufig der Ansicht, dass andere Menschen bei ihren Handlungen mehr Spielraum oder diese Handlungen besser unter Kontrolle haben als wir selbst. Wir denken, dass unsere eigenen Handlungsoptionen stark durch unsere Umstände eingeschränkt werden, aber dass das, was andere tun, weitgehend dadurch bestimmt wird, wer sie sind und was sie wollen. Wenn wir ein Problem mit einer anderen Person haben, nehmen wir daher häufig an, dass unser Gegenüber viel mehr Möglichkeiten hat als wir, dieses Problem zu lösen. Dementsprechend sollte die andere Person auch die Hauptverantwortung für die Lösung des Problems tragen.

Wie der Politikwissenschaftler Robert Jervis in seinem bekannten Buch „Perception and Misperception in International Politics“ herausgearbeitet hat, können uns die Erkenntnisse von Ross und anderen Sozialpsychologen dabei helfen, zu verstehen, weshalb Konfliktspiralen so häufig sind und ihre Dynamik nur schwer umkehrbar ist. Wenn beide Seiten der Ansicht sind, dass die Handlungen der Gegenseite durch innere Faktoren motiviert und größtenteils freiwillig sind, während die eigenen Handlungen aus der Defensive heraus, widerwillig und größtenteils als Reaktion auf äußere, kaum beeinflussbare Bedingungen erfolgen, wird es sehr schwierig sein, eine gemeinsame Basis zu finden.

In der Außenpolitik wimmelt es förmlich von Beispielen für eine solch verzerrte Wahrnehmung. Experten im Bereich der Außenpolitik sind besonders anfällig dafür. Sie neigen nahezu reflexartig dazu, das Verhalten von Staaten zu erklären, indem sie sich auf deren Anführer oder Regimes konzentrieren. Weshalb mischt sich Russland in der Ukraine ein? Weil der russische Präsident Wladimir Putin* ein vom KGB ausgebildeter Schurke ist, der fieberhaft daran arbeitet, Russlands Status als Großmacht wiederherzustellen, und der schlicht die Gunst der Stunde genutzt hat. Warum mischt sich der Iran im Irak, in Syrien oder im Jemen ein? Weil das Land von religiösen Fanatikern geführt wird, denen menschliches Leben gleichgültig ist und die darauf erpicht sind, das iranische Modell zu exportieren.

Warum verfolgt und unterdrückt das aufstrebende China die Uiguren*, baut Inseln im Südchinesischen Meer und bedroht Taiwan? Weil der chinesische Präsident Xi Jinping* ein ehrgeiziger Politiker ist, der dem verstorbenen Mao Zedong seinen Platz als größter visionärer Führer der chinesischen Geschichte streitig machen will. Und so weiter. Viel seltener ziehen die Experten in Erwägung, ob diese zugegebenermaßen aggressiven Aktionen Abwehrmaßnahmen als Reaktion auf Ereignisse oder Umstände waren, die die jeweiligen Regierungschefs (zu Recht oder zu Unrecht) als bedrohlich empfanden.

Russische Politik in der Ukraine ähnelt auffallend der Nicaragua-Politik der Reagan-Regierung

Wie ich bereits 2015 festgestellt habe, ähnelt die russische Politik in der Ukraine auffallend der Nicaragua-Politik der Reagan-Regierung in den 1980er Jahren. In beiden Fällen war eine Großmacht besorgt darüber, dass ein nahe gelegenes Land aufgrund von innenpolitischen Entwicklungen ein Bündnis mit ihren jeweiligen Rivalen schließen könnte. Und in beiden Fällen wurde eine Rebellenarmee aufgebaut und unterstützt, die gegen die amtierende Regierung vorgehen sollte. Doch während die Amerikaner ihr eigenes Vorgehen als eine durch die Umstände erzwungene Notwendigkeit betrachteten, sahen sie in Putins Handeln weder eine zwingende Notwendigkeit noch einen gerechtfertigten Grund. Vielmehr diente es ihnen als unwiderlegbarer Beweis für seinen problematischen Charakter.

Wenn Regierungsvertreter und Kommentatoren dagegen auf das Verhalten der Vereinigten Staaten blicken, dann erklären sie dieses in der Regel nicht anhand von Kategorien wie Disposition, Machtstreben oder individuellen Persönlichkeitsmerkmalen, sondern sie erkennen hier vielmehr eine zwingende strategische Notwendigkeit. Warum unterhalten die Vereinigten Staaten Flotten, Truppen und Luftgeschwader überall auf der Welt, und warum mischen sie sich so oft in die inneren Angelegenheiten anderer Länder ein? Nicht, weil das Land unbedingt militärisch agieren will – um Gottes Willen! –, sondern, weil man eine „besondere Verantwortung“ hat oder sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenübersieht, die es abzuwehren gilt. In dieser Sichtweise wurden die USA sogar in die jüngsten „selbstgewählten Kriege“ durch äußere Umstände hineingezwungen.

Durch den zuvor beschriebenen Attributionsfehler wird außerdem der immer wieder zu beobachtende Impuls verstärkt, internationale Probleme nicht durch Diplomatie und Kompromisse, sondern durch Regimewechsel oder andere radikale Schritte zu lösen. Wenn das besorgniserregende Verhalten eines Gegners in dessen Disposition begründet ist – wenn dieses Verhalten etwa dessen wahren Charakter widerspiegelt –, dann ist es nur schwer vorstellbar, dass dieses Verhalten korrigiert werden kann, solange die dafür verantwortlichen Menschen und Institutionen unangetastet bleiben. Falls man es tatsächlich mit einem Anführer oder einem Regime zu tun hat, der beziehungsweise das zwanghaft unehrlich oder unbelehrbar aggressiv ist, dann ist ein Kompromiss wahrscheinlich zwecklos oder möglicherweise sogar gefährlich.

Dämonisierung des Feindes: Tendenzen dazu in den USA zu erkennen – Besser: Außenpolitischer Realismus

Es ist also kein Wunder, dass es im Zuge der Vorbereitungen für einen Präventivkrieg (wie beispielsweise den Irakkrieg im Jahr 2003) stets zu einer Dämonisierung des Feindes kommt, der unwiderruflich böse und unzuverlässig ist, unfähig, sein Verhalten zu ändern oder einen Kompromiss einzugehen. Wahrscheinlich ist dies nicht bloß ein Teil des üblichen Kriegsmarketings. Die Personen, die für die Dämonisierung zuständig sind, glauben womöglich sogar, was sie da sagen. So führt der übermäßige Rückgriff auf „dispositionelle“ Erklärungsansätze dazu, dass die Intensität und das Gewaltpotenzial von Konflikten zunehmen und diese schwieriger zu lösen sind. Bedauernswerterweise sind vergleichbare Tendenzen auch in den USA immer deutlicher zu erkennen.

Ein Vorzug des außenpolitischen Realismus liegt darin, dass die Welt dadurch vor den fundamentalen Attributionsfehlern nach Ross bewahrt werden kann. Anstatt das Verhalten anderer auf verschiedene Eigenschaften auf „Einheitsebene“ zurückzuführen (z. B. auf die Persönlichkeit von politischen Führern, auf politische Ordnungen usw.), beschreibt der außenpolitische Realismus, wie das Fehlen einer übergeordneten souveränen Autorität (wie z. B. einer „internationalen Anarchie“) sämtliche Staaten – und Großmächte im Besonderen – dazu veranlasst, ihre eigenen egoistischen Interessen zu priorisieren, mehr oder weniger ständig mit anderen Staaten zu konkurrieren, relative Vorteile zu verfolgen, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, sowie eine Politik zu betreiben, die von anderen oft als bedrohlich oder störend empfunden wird.

Anstatt die Welt in gute und schlechte Staaten, Status-quo-Mächte und Revisionisten oder friedliebende Staatenlenker und unerbittliche Aggressoren einzuteilen, sind Realisten zu der Erkenntnis gelangt, dass alle Staaten und politischen Anführer in einer unsicheren Welt agieren und in ihrem Streben nach mehr Sicherheit wahrscheinlich beklagenswerte Dinge tun werden. Realisten sind zwar durchaus in der Lage, den Splitter im fremden Auge zu erkennen, aber sie übersehen dabei sehr wahrscheinlich nicht den Balken im eigenen.

Das soll natürlich nicht heißen, dass sämtliche Konflikte auf Fehlwahrnehmungen und Vorurteilen beruhen oder dass individuelle Eigenschaften und Impulse in internationalen Angelegenheiten keine wichtige Rolle spielen. Manche Interessenkonflikte mögen eine völlig rationale Grundlage haben – was sie umso tragischer macht – und die Protagonisten machen sich keine Illusionen darüber, wo ihre Differenzen liegen. Die Paranoia, der Ehrgeiz oder das Ruhmesstreben Einzelner haben mitunter tiefgreifende Auswirkungen auf die Außenpolitik eines Staates, ebenso wie ideologische Visionen, innenpolitische Faktoren oder schiere Inkompetenz. Das Wissen um Attributionsfehler sollte selbstverständlich nicht dazu führen, dass solche möglichen Problemursachen völlig ignoriert werden.

Außenpolitischer Realismus – Situation sie zu etwas zwingt, das sie lieber vermeiden würden

Aber wenn wir es mit einem schwierigen internationalen Problem, einem streitsüchtigen Gegner oder einem Land zu tun haben, dessen Verhalten wir als beunruhigend oder bedrohlich empfinden, erinnert uns Ross‘ zentrale Erkenntnis daran, dass wir zunächst einmal innehalten und uns ein paar wichtige Fragen stellen sollten.

Da wäre zunächst einmal die Frage, ob unser Gegner so handelt, wie er es tut, weil seine politischen Führer dies wirklich wollen, oder ob sie der Auffassung sind, dass ihre Situation sie zu etwas zwingt, das sie lieber vermeiden würden. Wenn Zweiteres möglich erscheint, sollten wir uns außerdem fragen, ob nicht einige unserer eigenen Handlungen auf der Gegenseite das Gefühl der Notwendigkeit verschärfen und wir so nicht ungewollt das von uns als problematisch erachtete Verhalten unseres Gegenübers befördern.

Und wenn dies der Fall ist, sollten wir uns abschließend fragen, ob wir nicht Schritte unternehmen könnten, um diese Bedenken der Gegenseite zu zerstreuen – beispielsweise eine Veränderung von deren Situation –, ohne dass wir dabei unsere eigenen Interessen gefährden.

Es wird nicht immer möglich sein, eine unnötige Eskalationsspirale rückgängig zu machen. Dennoch wären die Vereinigten Staaten* (und andere Länder) viel besser beraten, intensiver nach Möglichkeiten zur Beilegung von Streitigkeiten durch echte Diplomatie zu suchen, statt alle Übel der Welt auf bestimmte Missetäter zu schieben, die im Sinne eines Triumphes der Tugend beseitigt werden müssen. Diese für das Feld der internationalen Beziehungen zentrale Erkenntnis zählt zu den wichtigsten intellektuellen Hinterlassenschaften des verstorbenen Ross. Und dieses Vermächtnis würde noch heller strahlen, wenn seine Grundsätze in der real existierenden Außenpolitik von heute stärker erkennbar wären.

von Stephen M. Walt

Stephen M. Walt ist Kolumnist bei Foreign Policy sowie Robert and Renée Belfer Professor of International Relations an der Harvard University.

Dieser Artikel war zuerst am 27. Juni 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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Lesen Sie auch: Die US-Regierung hat die* Möglichkeit nicht genutzt, die Stürmung des Kapitols zu untersuchen. Diese Entscheidung wird sie bald bereuen.

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