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Wenn Kinder für den Amoklauf üben: Amerika braucht keine Helden

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Von: Foreign Policy

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Ein als Superman gekleideter Mann geht auf den leeren Hollywood Boulevard zu.
Ein als Superman gekleideter Mann geht auf den leeren Hollywood Boulevard zu. © David Crane/dpa

US-amerikanische Kinder bereiten sich für den Fall eines Amoklaufes vor, weil sie müssen. Warum das deutsche Konzept der Zivilcourage für die Ära Biden wichtig ist.

Als eine der wichtigsten Lektionen erlernen Schulkinder in den USA, dass sie gefährdet sind. Kidnapper und Drogendealer waren die unheimlichen Bösewichte der 1980er und 1990er Jahre und wurden durch „Drug Abuse Resistance Education“-Programme und Schulversammlungen über gefährliche Fremde mit Leben gefüllt. Heute führen mehr als 95 Prozent der K-12-Schulen in den Vereinigten Staaten mit ihren Schülern Übungen für den Fall eines Amoklaufes durch. Kinder kauern im Dunkeln leise unter ihren Schreibtischen und simulieren ihren Tod auf den Fluren der Bildungseinrichtungen.

Anders sieht es in einigen Teilen Europas aus, wo die Kinder stattdessen Unterricht in Zivilcourage erhalten. Die Schüler lernen, wie sie in Notsituationen eingreifen können, um andere zu schützen und sich für gemeinsame Werte einsetzen. Dieser Unterricht, der von Gemeinden, Polizeidienststellen und Nichtregierungsorganisationen entwickelt wurde, soll junge Menschen stärken, anstatt sie zu verschrecken. In Zürich erklären Beamte, dass mit der Bildung zur Zivilcourage dafür gesorgt werden soll, „dass Kinder und Jugendliche eine realistische Einschätzung von herausfordernden Situationen vornehmen und darin als selbstbewusste Menschen handeln können“.

Zivilcourage in Deutschland: Höchste Zeit das USA unter Biden das Konzept verwenden

Das Konzept der Zivilcourage findet in Deutschland besonders viel Anklang. Im Großen und Ganzen bedeutet es, für das einzustehen, was richtig ist, selbst wenn ein echtes persönliches Risiko besteht. Zivilcourage kann kollektive Kämpfe beschreiben, bezieht sich aber meist auf das Handeln eines Einzelnen: die Verteidigung von Mitreisenden gegen rassistische Beleidigungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Anprangern von Lügen und Fehlinformationen im Internet, Whistleblowing am Arbeitsplatz oder sogar die Zurechtweisung von jemandem, der dort raucht, wo es verboten ist. Polizeidienststellen führen regelmäßig Informationskampagnen über Zivilcourage durch. In den Medien wird sie als spezielles Thema behandelt. Zivilcourage wird von Politikern, Akademikern und Normalos gleichermaßen beschworen und lehrt, dass die Aufrechterhaltung der Standards einer friedlichen, pluralistischen Gesellschaft eine Verantwortung ist, die von allen gemeinsam getragen wird.

In der Tat ist Zivilcourage zu einem stillen Mittelpunkt der modernen deutschen Gesellschaftsvorstellung geworden. Zivilcourage wurde auch von verschiedenen politischen Gruppen beansprucht, wovon einige überzeugender waren als andere. Bundeskanzlerin Angela Merkel (und ihr Vorgänger Gerhard Schröder) haben den Begriff verwendet, um die Wiedervereinigung zu feiern und vor Antisemitismus zu warnen. In den letzten Jahren haben sich aber auch Rechtspopulisten die Zivilcourage zur Rechtfertigung von Protesten gegen Einwanderung und Kundgebungen gegen Lockdown-Maßnahmen und die angebliche „COVID-Diktatur“ in Berlin angeeignet.

Es ist höchste Zeit, dass auch Amerikaner das Konzept der Zivilcourage verwenden. Obwohl US-Präsident Joe Biden seinen Wahlkampf um die „Seele der Nation“ gewonnen hat, sind die Lebensbedingungen in den Vereinigten Staaten immer noch außergewöhnlich hart und gnadenlos. Die Lebenserwartung sinkt und die Fälle von „Tod aus Verzweiflung“ steigen. Im Vergleich zu anderen wohlhabenden Demokratien besitzen Amerikaner mehr Schusswaffen pro Kopf und ermorden damit mehr Menschen. Auch die Polizei tötet mehr Zivilisten, viele von ihnen People of Color.

Der Angriff auf das US-Kapitol am 6. Januar* war ein erschreckender Akt politischer Gewalt, der das Gefühl der Dringlichkeit, das viele Amerikaner in Bezug auf die Zukunft der Republik empfinden, noch verstärkte. Aber Gewalt muss nicht eindrucksvoll oder gar explizit politisch sein, um eine ernsthafte Bedrohung des demokratischen Lebens darzustellen. Es ist kein Zufall, dass eine Nation, in der manche Körper mehr zählen als andere, sich nun am Rande des Verlustes ihrer Demokratie befindet. Der Grund dafür, dass amerikanische Kinder für den Fall eines Amoklaufes üben, ist, dass sie müssen.

Definition von Zivilcourage: winzigsten moralischen Entscheidungen des Alltags sind bedeutsam

Zivilcourage zeigt, wie und warum körperliche Sicherheit für die Demokratie wichtig ist: Es ist wichtig, dass sich jeder selbstbewusst und sicher genug fühlt, um in der Öffentlichkeit für seine Überzeugungen einzustehen, sich gegenseitig vor Gewalt oder Belästigung zu schützen und gemeinsame Werte zu bewahren. Wenn das nicht möglich ist, verschlechtert sich die Lage der Demokratie schnell. Die Deutschen sind weder mutiger als die Bürger anderer Länder, noch sind ihre zivilgesellschaftlichen Normen und Einrichtungen nicht bedroht. Aber Zivilcourage hilft zu verdeutlichen, wie die winzigsten moralischen Entscheidungen des Alltags kollektiv bedeutsam sind, wie einfache Momente von Mut die Demokratie selbst vor dem Untergang bewahren können.

Zivilcourage hat in Mitteleuropa eine lange und traditionsreiche Geschichte. Gewöhnlich wird der Begriff dem preußischen Staatsmann des 19. Jahrhunderts, Otto von Bismarck, zugeschrieben, der sich 1864 darüber beklagte, dass Zivilisten (insbesondere Politiker und Bürokraten) der Mut von Soldaten fehle. Aber es ist die Nazi-Vergangenheit, die der Zivilcourage ihr moralisches Gewicht und ihre Resonanz verleiht. „Zivilcourage war im Nationalsozialismus lebensgefährlich. Umso kostbarer war sie“, argumentierte der spätere Bundespräsident Christian Wulff 2008. Heute ist der Begriff vor allem mit Widerstandsfiguren wie den Geschwistern Hans und Sophie Scholl verbunden, die Flugblätter gegen den Nationalsozialismus schrieben, 1943 vom Regime hingerichtet wurden und heute als Vorbilder für Zivilcourage gefeiert werden.

Dass Zivilcourage im Nationalsozialismus Mangelware war, ist auch in Deutschland weithin bekannt, und die Geschichte der Zivilcourage ist auch eine Geschichte dieses Mangels. Diese Ansicht vertrat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, eines der berühmtesten Opfer des Dritten Reiches. In einem Weihnachtsbrief an Freunde im Widerstand schrieb Bonhoeffer 1942: „Wir haben [...] fast nirgends Civilcourage gefunden, auch bei uns selbst nicht.“ Das Problem waren laut ihm nicht Feigheit der Einzelnen, sondern strukturelle Kräfte in der deutschen Gesellschaft, die es gewöhnlichen Menschen erschwerten, im Kleinen mutig zu sein, wo es ihnen abverlangt wird.

Nach Nationalsozialismus: Zivilcourage als ein zu trainierender Muskel – „Mut kann jeder lernen“

Heute, so erklärte mir die Bonner Psychologin Anna Baumert, ist das Interesse für das Thema Zivilcourage in Deutschland sehr groß. Baumert leitet eine Forschungsgruppe zum Thema Zivilcourage am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern. Sie erklärte mir, dass Zivilcourage in Deutschland „relativ regelmäßig“ diskutiert wird. Außerdem ist sie gesetzlich vorgeschrieben: so ist es bundesweit ein Straftatbestand, Zeuge eines Unfalls oder Angriffs zu werden und nicht sein Bestes zu tun, um zu helfen.

Eine Folge der nationalsozialistischen Vergangenheit des Landes ist, dass Zivilcourage als eine zu praktizierende Gewohnheit oder ein zu trainierender Muskel verstanden wird. Anders als beim amerikanischen Heldentum ist sie keine angeborene oder geheimnisvolle Eigenschaft, die manche besitzen und andere nicht – sie ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann. „Mut kann jeder lernen“ lautet ein offizieller Slogan. Die Hamburger Polizei verspricht, dass man auch ohne die Superkräfte von Superman oder Cat-Woman mutig sein kann.

In den meisten Situationen, so erklärten die Behörden, kann Zivilcourage auch gezeigt werden, indem man einige einfache Bedingungen erfüllt: sich nicht selbst in Gefahr bringen, andere um Mithilfe bitten, die Polizei rufen, Opfern erste Hilfe leisten und ein zuverlässiger Zeuge sein. Vor zehn Jahren war eine Werbekampagne in den 173 Berliner U-Bahn-Stationen nicht zu übersehen. Auf dem Heimweg in der Dunkelheit starrte von den Plakaten eine selbstbewusste junge Woman of Color, die ihre Finger zur Pistole geformt hatte. „Deine Waffe gegen Gewalt“ war es laut dem Text, den Notruf zu drücken, um Mitreisende zu schützen, ebenso wie eine wichtige Art und Weise, Zivilcourage zu zeigen.

Heldentum in den USA, Zivilcourage in Deutschland: Gegenseitiger Schutz im öffentlichem Raum

In den 1990er und frühen 2000er Jahren setzte sich diese bescheidenere Betrachtung von Zivilcourage durch. Sie bezieht sich weniger auf den Widerstand gegen eine Diktatur als vielmehr darauf, sich gegenseitig vor Belästigungen und Kleinkriminalität im öffentlichen Raum zu schützen. Beamte wurden durch verschiedene beunruhigende Trends motiviert. In den Jahren nach der Wiedervereinigung war die einwandererfeindliche Stimmung erschreckend hoch (1992 stimmte ein Viertel der Deutschen der Parole „Ausländer raus“ zu), neonazistische Bewegungen waren auf dem Vormarsch, und Gewalt gegen Ausländer nahm immer weiter zu. In den 2000er Jahren ermordeten rechtsextreme Terroristen mehrere griechische und türkische Einwanderer und erregten damit die öffentliche Aufmerksamkeit. Zivilcourage in Form von aktivem Eingreifen zum Schutz von Minderheiten schien zum zweiten Mal in der neueren deutschen Geschichte erschreckend abwesend zu sein.

Obwohl Zivilcourage inzwischen von staatlichen Stellen als Waffe gegen rassistische Diskriminierung dargestellt wird, warnt Baumert, dass die Realität komplexer ist. Auf die Frage nach der Zivilcourage erklärte sie, dass einige Deutsche immer noch vorschnelle Schlüsse ziehen und in den Situationen, die sie sich vorstellen, oft Asylbewerber oder Einwanderer als Angreifer ausmachen. Zu viele Fälle von rassistischer oder religiöser Belästigung werden von Schaulustigen ignoriert. Und das Land beginnt gerade erst, sich mit systemischem Rassismus in der Polizeiarbeit auseinanderzusetzen, und auch das nur zögerlich und mit Unwohlsein.

Natürlich lassen sich mit Geschichten über mutige Passanten Zeitungen verkaufen und sie sorgen in vielen Ländern für öffentliche Aufmerksamkeit. Das Besondere an Zivilcourage ist die explizit politische Aufladung des Konzepts. In Deutschland ist Zivilcourage zeigen – ob auf dramatische Art und Weise oder im Kleinen – ein wahrhaft demokratischer Akt: laut der Bundeszentrale für politische Bildung ist sie eine grundlegende Tugend der Demokratieerfahrung. Warum sollte das so sein? Baumert erklärt, dass es in Demokratien wichtig sei, dass Normen von normalen Menschen und nicht nur von der Polizei oder dem Staat durchgesetzt werden. Mit anderen Worten: Zivilcourage verwandelt das Eingreifen von Unbeteiligten in einen Akt, der viel tiefgreifender ist als einfaches gutnachbarliches Verhalten. Es wird zur Angelegenheit gleichberechtigter Bürger, ihr politisches Zusammenleben zu stärken.

Deutscher Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: demokratische Funktion von Zivilcourage

Keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens setzt sich so entschieden für die demokratische Funktion von Zivilcourage ein wie der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Angesichts des wiedererstarkenden Rechtspopulismus und des zunehmenden Misstrauens in die politischen Institutionen betonte Steinmeier, dass Elitenpolitiker allein die Demokratie nicht retten können. Was die Selbstverwaltung wirklich stärke, so argumentierte er, sei die alltägliche Zivilcourage: gewöhnliche Menschen, die sich für die Normen und Verhaltensweisen einsetzen, die für den Erhalt einer freien Gesellschaft notwendig sind. Im Jahr 2019, kurz nachdem ein rechter Schütze eine Synagoge in Halle angegriffen hatte, sagte Steinmeier dem Land, was die Demokratie von ihnen allen verlange, sei einfach, aber wichtig: sie braucht keine Helden, sondern „selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger – mit Zuversicht und Tatkraft, mit Vernunft, Anstand und Solidarität“. Die Demokratie gehört den Mutigen, glaubte Steinmeier. Und Zivilcourage ist ihr Herzblut.

In den frühen 2000er Jahren, als die Deutschen das Konzept der Zivilcourage auf Anti-Diskriminierung ausrichteten, kodifizierten auch die Vereinigten Staaten eine neue Position zu Mut in der Öffentlichkeit: „If you see something, say something.“ (Wenn du etwas siehst, sag etwas.) Dieser Slogan, der am 12. September 2001 von einem New Yorker Werbefachmann geprägt und später vom US-Ministerium für innere Sicherheit übernommen wurde, hat das Verhalten der Amerikaner im öffentlichen Raum fast zwei Jahrzehnte lang geprägt. Er fordert die Menschen weniger auf, sich gegenseitig zu verteidigen, als sich gegenseitig zu überwachen. Er basiert auf Bauchgefühlen und Annahmen, die von rassistischen Vorurteilen geprägt sind. Im US-Sicherheitsstaat nach dem 11. September verpfeift der mutige Bürger andere.

Ob „moral courage“ oder „civilian bravery“ – keine der direkten Übersetzungen aus dem Deutschen haben in den Vereinigten Staaten wirklich viel Bedeutung. „Heroism“, zu Deutsch Heldentum, ist vielleicht der Begriff, der in den Vereinigten Staaten ähnlich viel Anklang findet wie Zivilcourage in Europa. Es könnte der letzte Fetzen von überparteilichem Konsenses sein, der noch übrig ist: der Glaube, dass Bürger mit übermenschlichem Mut und Tugendhaftigkeit unter uns wandeln, deren außergewöhnliche Tapferkeit sich offenbart, wenn die Umstände es erfordern. Es sind jetzt vor allem Demokraten, die das amerikanische Heldentum von Bürgerrechtlern wie John Lewis oder Rosa Parks feiern. Eine der letzten Amtshandlungen des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump war der Vorschlag eines „Gartens der amerikanischen Helden“ , in dem von Walt Disney bis Kobe Bryant jeder geehrt würde. (Joe Biden hat ihn im letzten Monat stillschweigend rückgängig gemacht.)

US-amerikanisches Heldentum wird als natürliche Eigenschaft eines Menschen verstanden

Was jedoch über die Parteigrenzen hinweg geteilt wird, ist das generelle Gefühl, dass amerikanisches Heldentum nicht trainiert oder gelehrt werden kann. Heldentum ist eine Eigenschaft, die natürlich vorkommt wie Größe oder Haarfarbe. Wenn zivile Helden wie Lewis oder Chesley „Sully“ Sullenberger oder dem Kapitol-Polizisten Eugene Goodman geehrt werden, dann liegt dem die Annahme zugrunde, dass die meisten von uns nicht so mutig sind, und dass ein unbedeutenderer (oder einfach durchschnittlicherer) Bürger nicht gehandelt hätte.

Nicht umsonst ist der wichtigste US-amerikanische Beitrag zur Diskussion über Zivilcourage der „Bystander-Effekt“, eine Theorie in der Psychologie, nach der die Anwesenheit von Zuschauern die Wahrscheinlichkeit verringert, dass jemand in einer Notsituation eingreift. Er wurde größtenteils widerlegt, aber der Mythos ist sehr schwer zu zerstreuen: dass die meisten Menschen einfach nicht mutig handeln werden, um einem anderen Menschen zu helfen, dass die menschliche Natur uns keine Wahl lässt und dass nur Helden ihre eigene psychologische Veranlagung überwinden können.

Befürworter der Zivilcourage und Kenner ihrer historischen Bedeutung mögen das anders sehen. Deutschland musste nach 1945 neu aufgebaut werden. Der Entnazifizierungsprozess verlief ungleichmäßig, aber mit der Zeit wurden die Regeln des friedlichen Pluralismus wieder erlernt. Aus Nazis wurden wieder Deutsche. Das sind die Lektionen, die der Zivilcourage zugrunde liegen, einer Idee, die auf der Annahme beruht, dass Bürger lernen können, besser und mutiger zu sein, so wie es eine demokratische Regierung ihnen abverlangt. Mutigere Gewohnheiten können aufgebaut werden.

Helden können helfen, Kriege zu gewinnen. Sie können keine kränkelnden Demokratien heilen.

Ian Beacock

Helden können helfen, Kriege zu gewinnen. Sie können keine kränkelnden Demokratien heilen

Auch die jüngste Geschichte der Vereinigten Staaten ist aufschlussreich. Waffengewalt und Polizeibrutalität sind zwei der tödlichsten und markantesten sozialen Probleme des Landes. Da sie die Beurteilung jeder bedrohlichen physischen Situation so drastisch verändern, haben diese Kräfte Konsequenzen für die Zivilcourage. Ein Eingreifen zum Schutz von Nachbarn oder Normen wird zu einer risikoreicheren und kostspieligeren Entscheidung, als es anderswo der Fall sein könnte. Es ist schließlich nie eine Kleinigkeit, in eine angespannte oder gewalttätige Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit einzugreifen – wenn man aber Grund zu der Annahme hat (wie man in den Vereinigten Staaten haben sollte), dass Schusswaffen im Spiel sein könnten, ist die Hemmschwelle höher. Den Notruf zu wählen, nachdem man jemanden in Not gesehen hat, ist keine unverfängliche Lösung, wenn man Grund zu der Sorge hat, dass die Polizei die Situation verschlimmern könnte. Die unberechenbare Gewalt, die im amerikanischen Leben heimisch geworden ist, macht die Aufgabe, aufeinander aufzupassen –also die Aufgabe des Bürgerseins – viel schwieriger und beängstigender, als sie sein sollte.

In keiner anderen wohlhabenden Demokratie ist der mögliche Preis der Zivilcourage so hoch. Ohne größere Reformen wird dieser Preis weiter steigen. Die Verschärfung der Waffengesetze und ein entschlossener Umgang mit Polizeigewalt – das sind gerechte Ziele. Aber sie sollten auch als dringende und unverzichtbare Beiträge zum Überleben der Republik behandelt werden. Während wir nach Anzeichen dafür suchen, dass sich die US-Demokratie erholt, wäre es ein Fehler, sich zu sehr auf die Wahlergebnisse zu konzentrieren. Aufschlussreicher wird sein, ob es der Politik gelingt, mehr Raum für alltägliche Zivilcourage zu schaffen, damit Menschen im Kleinen mutig sein können, wo es nötig ist.

Europäer, die über Zivilcourage schreiben und nachdenken, zitieren oft einen Aphorismus, der der Journalistin Franca Magnani zugeschrieben wird: „Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“ Helden können helfen, Kriege zu gewinnen. Sie können keine kränkelnden Demokratien heilen.

von Ian Beacock

Ian Beacock ist Journalist und Stratege und lebt in Vancouver, Kanada. Er ist Historiker mit Abschluss von der Stanford University und arbeitet derzeit an einem Buch über demokratische Emotionen. Twitter: @IanPBeacock

Dieser Artikel war zuerst am 20. Juni 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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Lesen Sie auch: Die US-Regierung hat die Möglichkeit nicht genutzt, die Stürmung des Kapitols* zu untersuchen. Diese Entscheidung wird sie bald bereuen. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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