Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme heben den Stichkanal vom Klinkerwerk zur Dove-Elbe aus.
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Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme heben den Stichkanal vom Klinkerwerk zur Dove-Elbe aus (Foto der SS, etwa von 1941/42).

NS-Vergangenheit

Ermittlung wegen Kriegsverbrechen: USA liefert KZ-Wächter (95) aus - Jetzt droht ihm der Prozess in Deutschland

  • vonAstrid Theil
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Ein ehemaliger KZ-Wachmann wurde als „Kriegsverbrecher“ von den USA an Deutschland ausgeliefert. Ihm wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

Frankfurt am Main - Die USA haben den ehemaligen KZ-Wächter Friedrich Karl B. nach Deutschland ausgeliefert. Der 95-Jährige landete am Samstagnachmittag (20.02.2021) auf dem Frankfurter Flughafen. Dies teilte ein Sprecher der Bundespolizei mit.

Die Auslieferung erfolgte mit einem Ambulanzflugzeug. Nachdem der 95-Jährige in Frankfurt angekommen war, übergab ihn die Bundespolizei an das hessische Landeskriminalamt (LKA). Laut Aussage eines LKA-Sprechers liegt ein Vernehmungsauftrag der Generalstaatsanwaltschaft Celle vor. Dem 95-Jährigen wird Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

NS-Vergangenheit: USA biete „Kriegsverbrechern“ keinen Schutz

Der Angeklagte habe nach Angaben von US-Behörden gestanden, als Wachmann in einem Außenlager des Hamburger Konzentrationslagers Neugamme Gefangene bewacht zu haben. Das Lager befand sich nahe dem niedersächsischen Meppen. Der 95-Jährige lebte zuletzt im Bundesstaat Tennessee.

Bereits im Februar 2020 wurde seine Abschiebung durch einen Richter in den USA angeordnet. In der Begründung des Urteils hieß es, in dem Außenlager seien unter anderem Juden, Polen, Russen, Dänen, Niederländer, Franzosen und politische Gefangene inhaftiert gewesen. Diese seien im Winter 1945 unter „grauenhaften Bedingungen“ interniert gewesen und hätten „bis zur Erschöpfung und zum Tod“ arbeiten müssen. Es kamen etwa 70 Häftlinge unter diesen „unmenschlichen Bedingungen“ ums Leben.

Schwierige Beweislage: Verfahren aktuell eingestellt

Der Betroffene legte gegen das Urteil Einwand ein. Dieser wurde jedoch im November 2020 von einer Berufungsinstanz abgelehnt. Die Begründung fiel eindeutig aus. Ein Vertreter der Einwanderungsbehörde betonte, dass der 95-Jährige „aktiver Teilnehmer in einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte der Menschheit“ gewesen sei und die USA „Kriegsverbrechern“ keinen Schutz böten.

Bereits im September 2020 hatte die Generalstaatsanwaltschaft Celle die Ermittlungen gegen den Mann übernommen. Das Verfahren wurde jedoch bereits im Dezember „mangels hinreichenden Tatverdachts“ wieder eingestellt. In der Begründung hieß es, dass das Geständnis, Gefangene in einem Konzentrationslager, das nicht der systematischen Tötung von Internierten diente, bewacht zu haben, für einen Tatnachweis nicht ausreiche. Die Ermittlungen hätten den 95-Jährigen „nicht mit einer konkreten Tötungshandlung in Verbindung gebracht“.

Durch Zufall auf die Spur gekommen: Hinweis in versunkenem Schiff in der Ostsee entdeckt

Laut einer Aussage des Sprechers der Generalstaatsanwaltschaft Celle gehe es nun erstmal drum, die Aussagebereitschaft des Mannes zu prüfen. Sollte B. bereit sein, sich genau zu äußern, könne das Verfahren wieder aufgenommen werden. Die Verfahrenseinstellung sei also „nicht in Stein gemeßelt“.

Der 95-Jährige B. war laut Informationen des Spiegels im Jahr 1959 in die USA ausgewandert. Er habe viele Jahre in Tennessee unerkannt gelebt. Der Fund von Karteikarten aus der NS-Zeit in einem gesunkenen Schiff in der Ostsee machten Ermittler zufällig auf B. aufmerksam. Der 95-Jährige habe zwar in seiner Zeit in den USA eingeräumt, dass er als Wächter KZ-Häftlinge bewacht habe. Allerdings argumentierte er wie viele mit einer ähnlichen Vergangenheit, dass er damals lediglich Befehle seiner Vorgesetzten ausgeführt habe. (dpa/at)

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