Joe Biden und Xi Jinping schütteln sich 2013 in Peking die Hände vor amerikanischen und chinesischen Flaggen.
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Beide kennen sich als Vizepräsidenten. Im Februar 2021 sprachen Joe Biden und Chinas Xi Jinping erstmals als Präsidenten miteinander.

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USA, Russland und China: Mit dem Wettbewerb der Großmächte ist eine Katastrophe vorprogrammiert

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Das neueste, schlecht definierte Schlagwort in Washington führt Experten und politische Entscheidungsträger auf einen gefährlichen Weg.

  • Oft wird von einem „Wettbewerb der Großmächte“ gesprochen. Im selben Atemzug werden Staaten wie USA, Russland oder China genannt.
  • Die blinde Verfolgung des Wettbewerbs als Strategie ist unverantwortlich und kurzsichtig.
  • Das zeigt sich etwa am Zwist zwischen den USA und China: Droht ein „tückischer Konflikt unbekannten Ausmaßes und Umfangs“?
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 1. April 2021 das Magazin Foreign Policy.

Washington - „Amerika ist zurück“, so lauteten die Schlagzeilen nach der Rede von US-Präsident Joe Biden auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar, in der eindeutig ein Schlussstrich unter die Präsidentschaft von Donald Trump gezogen und ein Neuanfang in den transatlantischen Beziehungen markiert werden sollte. „Wir schauen nicht zurück“, versprach Biden. „Wir schauen nach vorne – gemeinsam.“ Doch ein wichtiger Teil der Außenpolitik der Trump-Regierung bleibt offenbar bestehen: der Wettbewerb der Großmächte. „Wir müssen uns gemeinsam auf einen langfristigen strategischen Wettbewerb [...] vorbereiten“, sagte Biden den Konferenzteilnehmern und fügte hinzu, dass „[d]er Wettbewerb mit China hart [wird].“

USA: Der Wettbewerb der Großmächte könnte höchst gefährlich sein

Obwohl der „Wettbewerb der Großmächte“ in den letzten Jahren das beliebteste Schlagwort Washingtons war, bleibt es leider frustrierend schlecht definiert. In der Tat übergehen die meisten Kommentatoren die entscheidenden Fragen (Warum sind wir im Wettbewerb? Im Wettbewerb um was?) und gehen direkt dazu über, darüber zu streiten, wie man denn den Sieg erringen könnte. Da die möglichen Antworten auf diese Fragen aber von völlig vernünftig (d. h., dass westliche Länder sich in der kollektiven Verteidigung der liberalen Demokratie engagieren sollten) bis hin zu gefährlich und völlig unrealistisch (d. h., dass Washington den Zusammenbruch des Regimes in Peking anstreben sollte) reichen, sollten wir sie kaum ignorieren.

Es scheint, dass sich die strategische Gemeinschaft in Washington wieder einmal – genau wie während des globalen Krieges gegen den Terrorismus Mitte der 2000er Jahre oder bei der Stilisierung der Vereinigten Staaten als unverzichtbare Nation in den 1990er Jahren – an einem neuen, schlecht theoretisierten Modell der Welt und des Platzes Amerikas in ihr orientiert. Doch gerade weil er so unzureichend definiert ist, könnte der Wettbewerb der Großmächte als Strategie, also der Wettbewerb um seiner selbst willen, auch höchst gefährlich zu sein.

„Wettbewerb der Großmächte“: Staaten haben schon immer um Macht und Einfluss gerungen

Jemand, der vor fünf Jahren ins Koma gefallen wäre, hätte den Ausdruck „Wettbewerb der Großmärkte“ vielleicht nie gehört, was verdeutlicht, vor wie kurzer Zeit der Ausdruck ins Washingtoner Lexikon eingegangen ist. Obwohl in der nationalen Militärstrategie von 2015 der Obama-Regierung vor Staaten gewarnt wurde, die versuchen, Schlüsselaspekte der internationalen Ordnung zu verändern, hat sich die Verwendung des Begriffes selbst erst in der Trump-Ära verbreitet. Der damalige US-Verteidigungsminister James Mattis sagte im Juni 2017, dass eine Rückkehr zum Wettbewerb der Großmächte die internationale Ordnung angreife. In der später im gleichen Jahr veröffentlichten nationalen Sicherheitsstrategie wird dann festgestellt, dass der Wettbewerb der Großmächte zurückgekehrt ist, nachdem er als Phänomen eines früheren Jahrhunderts abgetan worden war. Seitdem ist das Wachstum des Ausdrucks exponentiell.

Dabei ist „Wettbewerb der Großmächte“ als Beschreibung durchaus zutreffend; der Wettbewerb zwischen Großmächten ist ein bestimmendes Merkmal des internationalen Umfelds. Ob man nun von den Rivalitäten zwischen Großreichen im 16. Jahrhundert, dem imperialistischen Gerangel um Afrika oder dem Kampf zwischen dem kapitalistischen und dem kommunistischen Block im Kalten Krieg spricht – Staaten haben schon immer um Macht und Einfluss gerungen. Aber die Vorstellung, dass er neu ist oder dass er zurückkehrt, als würde sich die Geschichte rächen, ist etwas absurd. Wie es Professor Daniel Nexon der Georgetown University kürzlich formulierte, „kann der Wettbewerb zwischen den Großmächten nicht zurückkehren, weil er nie wirklich weg war.“

Russland, China, EU: Politische Gegenwichte für die Vereinigten Staaten wachsen

Stattdessen ist die „Rückkehr des Wettbewerbs der Großmächte“ im Wesentlichen eine einfachere Art und Weise, zuzugeben, dass die relative Bedeutung der Vereinigten Staaten abnimmt. Die unipolare Phase, d. h. die dreißig Jahre der globalen Vorherrschaft der USA, die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann, gehen zu Ende. In der Sprache der Politikwissenschaft beginnen andere Staaten, ein Gegengewicht gegenüber den Vereinigten Staaten zu werden. Für den Laien bedeutet dies, dass angesichts des relativen Niedergangs der Vereinigten Staaten andere Staaten zunehmend bereit sind, Maßnahmen zu ergreifen, die sie in den 1990er Jahren nicht ergriffen hätten – sei es die russische Intervention in Syrien, chinesische Ansprüche auf das Südchinesische Meer oder europäische Schritte zur Umgehung der US-Sanktionsgesetze.

Irving Kristol, der als Pate des Neokonservatismus gilt, merkte einmal an, dass ein Neokonservativer einfach ein Liberaler ist, der von der Realität beraubt wurde – so sind einige der lautesten Stimmen, die eine Ära des Wettbewerbs der Großmächte verkünden, wohl nur liberale Internationalisten, die von der Realität der Machtpolitik beraubt wurden. Doch wenn das alles wäre, wäre die Debatte um den Wettbewerb der Großmächte weit weniger problematisch. Wissenschaftler und Experten würden einfach ihre mentalen Modelle zugunsten einer wettbewerbsintensiveren Welt aktualisieren und ihrer Wege gehen. Stattdessen sind außenpolitische Kreise in Washington zunehmend auf die Vorstellung fixiert, dass die Vereinigten Staaten sich auf den Wettbewerb mit China, Russland und anderen Staaten einlassen müssen.

Auch Russland und Präsident Wladimir Putin stehen mit den USA im Wettbewerb.

China und die USA: Ist der Wettbewerb selbst Mittel oder Zweck?

Der Wettbewerb der Großmächte wird weniger als Tatsache, sondern vielmehr als eine Strategie an sich dargestellt. Zwar legen einige Autoren einen möglichen Endpunkt des Wettbewerbs der Großmächte an, wie etwa Hal Brands und Zack Cooper, die in ihrem jüngsten Artikel in Foreign Policy argumentierten, dass der Wettbewerb zwischen den USA und China erst dann nachlassen würde, wenn das Regime in Peking zusammenbricht. Aber sie sind sich immer noch nicht im Klaren darüber, warum wir einen existenziellen Kampf im Stil des Kalten Krieges mit China führen sollten, anstatt uns für den umsichtigeren Ansatz einer wettbewerbsintensiven Koexistenz zu entscheiden.

Dieses Beispiel ist ein Sinnbild für die Debatte über den Wettbewerb der Großmächte als Ganzes. Als Grand Strategy, die der Yale-Universitätsprofessor John Lewis Gaddis einmal als die kalkulierte Beziehung von Mitteln zu großen Zwecken beschrieb, ist der Wettbewerb der Großmärkte wenig geeignet. Zunächst einmal ist gar nicht klar, ob der Wettbewerb selbst Mittel oder Zweck ist.

USA: Studienkredite und Geburtenrate - ist der Wettbewerb selbst der Zweck?

So wird die Welt in der nationalen Sicherheitsstrategie von 2017 als eine „Arena des ständigen Wettbewerbs“ beschrieben, auf die sich die Vereinigten Staaten vorbereiten müssen. Ob es um inländische Infrastrukturprojekte, den Erlass von Studienkrediten, die Überarbeitung demokratischer Institutionen oder die Erhöhung der Geburtenrate geht, ein breites Spektrum politischer Prioritäten wird nun als wesentlich für die Verfolgung eines Wettbewerbs der Großmärkte dargestellt. Dies deutet darauf hin, dass der Wettbewerb der Großmächte selbst der Zweck ist. Weshalb das Land aber gezwungen ist, auf diese Weise in Wettbewerb zu stehen, bleibt in der Regel ungesagt.

Wenn der Wettbewerb der Großmächte stattdessen ein Mittel zum Zweck wäre, dann ist völlig unklar, was der Zweck sein soll. Diejenigen, die für den Wettbewerb der Großmärkte als Strategie werben, haben selten ein klares Ziel. Betrachten wir an dieser Stelle einmal, wie das Thema vom ehemaligen nationalen Sicherheitsberater H.R. McMaster in seinem kürzlich erschienenen Buch dargestellt wird. Er beginnt mit der Feststellung, dass Amerika und andere freie und offene Gesellschaften nach dem Ende des Kalten Krieges vergessen hätten, dass sie im Wettbewerb stehen müssen, um ihre Freiheit, ihre Sicherheit und ihren Wohlstand zu bewahren. Später argumentiert er, dass Staaten in einem umfassenden Wettbewerb zueinander stehen müssten, da dies das beste Mittel sei, um Konfrontationen zu vermeiden. Verwirrenderweise stellt er den Wettbewerb sowohl als Alternative zum Konflikt als auch als manichäischen Kampf zwischen Gut und Böse dar, in dem die Vereinigten Staaten von Gegnern auf allen Seiten bedrängt werden.

USA: Eine wettbewerbsintensivere Welt ist nicht das Gleiche wie ein allumfassender Kampf

Es ist leicht, diese Art von Rhetorik als albern abzutun, aber von ihr geht auch eine erhebliche Gefahr aus. Zum einen verbirgt sich hinter der Konzentration auf den Wettbewerb eine ganze Reihe von Grundannahmen über das internationale System und Amerikas Rolle darin. Die politische Klasse in Washington scheint davon überzeugt zu sein, dass wir uns auf eine gefährlichere Welt zubewegen, in der die Vereinigten Staaten gegen die wahrgenommene Aggression von Staaten wie China und Russland zurückschlagen müssen. Obwohl die Artikel fast immer eine obligatorische Randbemerkung enthalten („die Zusammenarbeit mit China beim Klimawandel ist ein Muss!“), bewegen sie sich fast immer in einem konfrontativen Rahmen.

Um es klar zu sagen: Es gibt gute Gründe für die strategische Gemeinschaft in Washington, eine zunehmend wettbewerbsintensive Welt wahrzunehmen. Die Kluft zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern wird beim Militär kleiner; sie hat sich bereits durch einige wirtschaftliche Maßnahmen geschlossen. Und der Widerstand anderer Staaten gegen die außenpolitischen Entscheidungen der USA hat in den letzten Jahren zugenommen – von den chinesischen Versuchen, die Vorschriften für den Seeverkehr zu ändern, bis hin zu Russlands aggressiver Beeinflussung ausländischer Wahlen. Aber eine wettbewerbsintensivere Welt ist nicht das Gleiche wie ein allumfassender Kampf. Der Wettbewerb der Großmächte wird oft als ein Alles-oder-Nichts-Konflikt dargestellt, bei dem revisionistische Autokratien die USA in allen Bereichen herausfordern. In Wirklichkeit sind China und Russland bisher nur selektiv revisionistisch und versuchen, den Status quo dort zu verändern, wo es ihren Interessen entspricht, und ihn an anderen Stellen aufrechtzuerhalten.

USA gegen China: Droht ein „tückischer Konflikt unbekannten Ausmaßes und Umfangs“?

Die Risiken des Alles-oder-Nichts-Ansatzes in der globalen Politik lassen sich kaum überschätzen: Wie Fareed Zakaria es kürzlich formulierte: „Die Vereinigten Staaten riskieren, die hart erkämpften Errungenschaften aus vier Jahrzehnten des Engagements mit China zu verspielen, Peking zu einer konfrontativen Politik zu ermutigen und die beiden größten Volkswirtschaften der Welt in einen tückischen Konflikt unbekannten Ausmaßes und Umfangs zu führen.“ Wenn man nämlich davon ausgeht – wie es in vielen Schriften über den Wettbewerb der Großmächte getan wird –, dass China und Russland unerbittliche Feinde der USA sind, die entschlossen sind, die bestehende Ordnung zu zerstören und die Hegemonie der USA zu stürzen, dann liegen plötzlich politische Maßnahmen auf dem Tisch, die sonst undenkbar wären.

Die militärische Aufrüstung in Europa und Asien wird notwendig, auch wenn sie das Risiko eines offenen Konflikts mit einer anderen Atommacht erhöht. Die wirtschaftliche Entkopplung scheint unerlässlich zu sein, um Lieferketten zu schützen, obwohl Studien zeigen, dass die Kosten für US-Unternehmen und Arbeitnehmer extrem hoch wären. Ein kürzlich erschienener Bericht des China Center der US-Handelskammer schätzte beispielsweise, dass die US-Wirtschaft bis zu 1 Billion Dollar an Wachstum verlieren könnte, wenn die Zölle auf den gesamten Handel zwischen den USA und China ausgeweitet würden. Beschränkungen für den Tourismus oder für chinesische Studenten, die in den USA studieren, würden zwischen 15 und 30 Milliarden Dollar pro Jahr kosten.

Donald Trump (l) und Xi Jinping.

Die blinde Verfolgung des Wettbewerbs der Großmächte als Strategie ist unverantwortlich und kurzsichtig

Unterm Strich bedeutet das: Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, dass der Wettbewerb der Großmächte ein bedeutungsloses Schlagwort ist, oder dass er dafür steht, dass die außenpolitische Elite Washingtons wiederentdeckt hat, dass auch andere Staaten in der Weltpolitik mitreden können. Aber wie der Politikwissenschaftler Robert Kagan kürzlich schrieb, könnte die größte Frage der kommenden Jahrzehnte sein, ob Länder den „globalen Wettbewerb auf den wirtschaftlichen und politischen Bereich beschränken und so sich selbst und der Welt die Schrecken des nächsten großen Krieges oder gar die immer noch beängstigenden Konfrontationen eines weiteren Kalten Krieges ersparen können.“ In diesem Zusammenhang ist die blinde Verfolgung des Wettbewerbs der Großmächte als Strategie unverantwortlich und kurzsichtig.

Das letzte Mal, als die Vereinigten Staaten zielstrebig einen schlecht durchdachten Slogan verfolgten, der sich als Strategie ausgab, endete dies in einem zwanzig Jahre andauernden globalen Krieg gegen den Terrorismus – einem Konflikt, aus dem sie sich noch immer zu befreien versuchen und der immense negative Auswirkungen auf die Außenbeziehungen des Landes und seine inneren Freiheiten hatte. Doch wenn die heutige Führung nicht aufpasst, könnte die Rhetorik des Wettbewerbs der Großmärkte die Vereinigten Staaten in einen noch kostspieligeren und schädlicheren Konflikt hineinziehen.

von Emma Ashford

Emma Ashford ist Senior Fellow der New American Engagement Initiative am Scowcroft Center for Strategy and Security des Atlantic Council. Twitter: @EmmaMAshford

Dieser Artikel war zuerst am 1. April 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Leserinnen und Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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