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Lehren der Geschichte: Weimarer Republik liefert wichtige Lektionen - auch für Bidens USA

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Von: Foreign Policy

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Reichspräsident Paul Hindenburg auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1935.
Reichspräsident Paul Hindenburg ließ sich von der These der „Einrahmung“ Hitlers als Reichskanzler überzeugen - ein Fehler. © imago stock&people

Hitlers erster Putschversuch scheiterte – aber die deutsche Demokratie brach trotzdem zusammen. Wie können die Vereinigten Staaten das gleiche Schicksal vermeiden?

In den letzten Monaten wurde in den USA immer häufiger die Weimarer Republik als Analogie zur gegenwärtigen politischen Situation in den Vereinigten Staaten herangezogen. Manch einer bezeichnet die Anhänger des ehemaligen Präsidenten Donald Trump als Faschisten; ein Leitartikel in der New York Times nennt deren Weigerung, die Rechtmäßigkeit von Bidens Wahlsieg zu akzeptieren, eine moderne Version der sogenannten Dolchstoßlegende. Die besagte, „innere Feinde“ hätten Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg verursacht.

Trump und die Folgen: Die Geschichte der Weimarer Republik sollte als Warnung dienen

Die Versuchung, solche Vergleiche anzustellen, ist nachvollziehbar. Wie ließe sich die Sorge, dass die amerikanische Republik bedroht ist und sich die politische Gewalt auf den Straßen ausbreiten könnte, besser zum Ausdruck bringen als durch den Vergleich der heutigen Situation mit dem bekanntesten historischen Beispiel einer gescheiterten Demokratie, die sich dem Faschismus ergab?

Natürlich ist es nicht verkehrt, sich von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, solange man nicht vergisst, dass der Untergang Weimars alles andere als unvermeidlich und Hitlers Aufstieg zur Macht ganz bestimmten historischen Umständen geschuldet war. (Zumindest bis Ende 1929, als die Auswirkungen der schlimmsten Wirtschaftskrise der modernen Geschichte durch eine strikte Sparpolitik der deutschen Regierung noch verschärft wurden, waren die Nazis nicht mehr als eine Randgruppe in der deutschen Politik.)

Die Probleme, mit denen die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sind, sollen hier keineswegs verharmlost werden. Es ist jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, inwiefern die gegenwärtige Lage Amerikas trotz allem nicht mit der Deutschlands in den 1920er und frühen 1930er Jahren vergleichbar ist. Einige der Unterschiede entlasten die Vereinigten Staaten – andere hingegen sollten als Warnung dienen.

Bidens USA: Parallelen zur deutschen Geschichte? Nur erste Bewährungsprobe ist bestanden

Zum einen hat die Demokratie im Amerika des 21. Jahrhunderts viel tiefere Wurzeln als in der Weimarer Republik. Wenngleich Deutschland als erstes hochindustrialisiertes Land das Frauenwahlrecht einführte, standen viele hohe Beamte, Richter und Militärs der Demokratie bestenfalls ambivalent, wenn nicht gar gänzlich ablehnend gegenüber. In den Vereinigten Staaten von heute hat der Kongress einem gewalttätigen Mob standgehalten, haben Richter (einschließlich derer, die von Trump selbst an den Obersten Gerichtshof berufen wurden) seine Anfechtungsklagen gegen die Präsidentschaftswahlen abgewiesen und ist ein neuer Präsident vereidigt worden.

Der Schaden, den Trump der amerikanischen Demokratie zugefügt hat, ist beträchtlich, doch die letzten vier Jahre haben die Widerstandsfähigkeit ihrer Institutionen, Gesetze und Verfassung unter Beweis gestellt. Die amerikanische Demokratie hat Schaden genommen, sowohl innenpolitisch als auch in Bezug auf ihr internationales Ansehen. Aber sie hat überlebt.

Doch natürlich lässt sich nicht sagen, was im Falle einer großen globalen Rezession wie der von 1929 passieren könnte. Würden sich die 70 Millionen Menschen, die für Trump gestimmt haben, noch weiter radikalisieren? Müssen die Amerikaner auf absehbare Zeit mit dieser extremen Polarisierung leben?

USA können aus Weimarer Geschichte einiges lernen - nicht mit dem Feuer des Rechtsextremismus spielen

Zumindest in dieser Hinsicht können wir aus der Weimarer Geschichte einiges lernen. Die erste Lektion: Für Konservative ist es fatal, zu glauben, sie könnten mit dem Feuer des Rechtsextremismus spielen, ohne sich zu verbrennen. Trump ist nicht Hitler, aber durch seine bewusste Mobilisierung der extremen Rechten ist die Republikanische Partei nun von Wählern abhängig, zu denen militante Nationalisten, Holocaust-Leugner, Verfechter der „Vorherrschaft der Weißen“ und Verschwörungstheoretiker gehören – kurz: Menschen, die mehr wollen als bloß eine andere Regierung.

Der Sturm auf das Kapitol durch diese Gruppen regte Vergleiche mit dem berüchtigten Hitlerputsch vom 9. November 1923 an. Damals marschierte Hitler mit seinen bewaffneten Anhängern vom Münchner Bürgerbräukeller in Richtung Innenstadt. Sein Plan war es, die bayerische Landesregierung zu einem Marsch in die Hauptstadt zu bewegen, wie es Mussolini 1922 in Italien erfolgreich getan hatte („Marsch auf Rom“), um in Berlin die Reichsregierung zu stürzen. Doch der Putsch wurde von der bayerischen Polizei niedergeschlagen; 16 Hitler-Anhänger wurden dabei getötet, ein Dutzend weitere verletzt. Hitler selbst wurde zwei Tage später verhaftet und saß neun Monate im Gefängnis.

Hitler scheiterte, weil er – nicht anders als der Mob, der am 6. Januar das Kapitol stürmte – ohne relevante Unterstützung aus dem Staatsapparat oder den Führungsriegen von Polizei und Militär die bestehende Ordnung herausgefordert hatte. Es bedurfte eines grundlegenden Umdenkens seiner Strategie, eines Bündnisses mit den alten Eliten und einer beispiellosen Weltwirtschaftskrise, bis Hitler zehn Jahre später die Macht über Deutschland ergreifen konnte.

USA: Kapitol-Sturm als Analogie zum Hitlerputsch? Republikaner und ihr Umgang mit Trump-Fanaten im Fokus

Doch was, wenn die Ereignisse des 6. Januar 2021, analog zum Hitlerputsch, nur den Beginn des Aufstiegs der extremen Rechten in den USA markieren? Schließlich wird der militante Rechtsnationalismus als politische Kraft im amerikanischen Alltag nicht verschwinden. Die Frage ist, wie die Republikaner mit Trumps Erbe und seinen fanatischsten Anhängern umgehen werden. Damals, 1923, waren die deutschen Eliten und Konservativen ähnlich gespalten über die Frage, wie sie sich gegenüber den Nazis positionieren sollten. Während die bayerischen Konservativen (die Bayerische Volkspartei, BVP) alle Verbindungen zu Hitler kappten, tat die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) dies nicht. Als Hitler im Fahrwasser der Weltwirtschaftskrise einige Erfolge an den Wahlurnen verbuchen konnte, glaubten viele Konservative weiterhin, dass sie die Rechtsextremen für ihre Zwecke instrumentalisieren könnten – genau so, wie Trump es versucht hat.

Diese Strategie erwies sich als Desaster. Im Jahr 1933 ließ sich der gealterte Reichspräsident Paul von Hindenburg von seinen konservativen Freunden davon überzeugen, sie könnten Hitlers wachsende Unterstützung in der Bevölkerung für ihre eigene Agenda nutzen, indem sie ihn „einrahmten“ als Marionettenkanzler einer Koalitionsregierung, in der die Konservativen das Sagen haben würden. Sie glaubten, dass sie Hitler „in die Ecke drücken“ könnten – nur um innerhalb weniger Wochen festzustellen, dass sie die Nazis kläglich unterschätzt hatten, so wie zehn Jahre zuvor die italienischen Konservativen Mussolini unterschätzt hatten.

US-Demokratie in der Krise: Ihre Verteidiger müssen wachsam bleiben - und aus Weimarer Fehlern lernen

Die Republikanische Partei und die Amerikaner im Allgemeinen müssen eine viel härtere Haltung gegen diejenigen einnehmen, die ihre demokratischen Institutionen bedrohen. Im Januar 1933 versäumte es die SPD, Deutschlands größte demokratische Partei, ihre stärkste Waffe gegen die Nazis einzusetzen: den Aufruf zum Generalstreik. Dieses Instrument war 1920 erfolgreich eingesetzt worden, als Gewerkschaften und Beamte den von General Erich Ludendorff inszenierten Kapp-Putsch vereitelten. 1933 befürchtete die SPD – vielleicht zu Recht –, dass ein solcher Schritt einen schlimmen Bürgerkrieg auslösen würde, den die Anhänger der Demokratie ohne Unterstützung durch die Wehrmacht wahrscheinlich verlieren würden.

Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs hat sich die Bundesrepublik Deutschland als wehrhafte Demokratie neu erfunden: eine Demokratie, deren Verfassungsgericht wiederholt extremistische Parteien und Gruppen verboten hat und deren Bundeswehr kein Staat im Staate mehr ist. In den USA haben die Streitkräfte zwar keine Anzeichen dafür gezeigt, sich auf die Seite der Extremisten zu stellen, doch die schockierenden Szenen vom Kapitol beweisen, dass Extremisten durchaus das Potenzial haben, zu einer echten Bedrohung für die demokratischen Normen und die Rechtsstaatlichkeit zu werden. Zukünftige bewaffnete Aufstände gegen die Regierung Biden können jedenfalls nicht ausgeschlossen werden. Doch sie sind zum Scheitern verurteilt, wenn die Verteidiger der Demokratie nur wachsam und entschlossen bleiben.

Deutschland als warnendes Beispiel für Bidens USA? Auch die Nazis schufen „alternative Fakten“

Eine zweite Lektion, die Weimar gelehrt hat: Der Kampf um die Wahrheit ist essenziell. Hitlers Aufstieg zur Macht und der Untergang der Demokratie in Deutschland wurden durch die Fähigkeit der Nazis begünstigt, „alternative Fakten“ zu schaffen und zu verbreiten. Von der Dolchstoßlegende bis zu Verschwörungstheorien über das sogenannte Weltjudentum, das Deutschland untergrabe: Was wir heute „Fake News“ nennen, spielte schon damals eine zentrale Rolle in Hitlers Propaganda, und vergebens betonten die Verfechter der Demokratie immer wieder, dass diese Geschichten unwahr seien. In den frühen 1930er Jahren verloren die Unterstützer der Weimarer Republik den Kampf um die Wahrheit, als Hitler viele Wähler erfolgreich davon überzeugte, dass die Demokratie eine undeutsche Regierungsform sei, die dem Land von den Siegern des Ersten Weltkriegs aufgezwungen wurde und mit der sich die Wirtschaftsdepression nicht überwinden ließe.

So viel ist sicher: Hitler hätte die sozialen Medien geliebt. Er war immer bestrebt, die neuesten Technologien – insbesondere Radio und Film – zu nutzen, um seine alternative Wahrheit zu verbreiten. Die Reichweite der sozialen Medien und ihre Fähigkeit, die Qualitätskontrolle und Faktenprüfung seriöser Nachrichtenquellen zu umgehen, haben es noch einfacher gemacht, Verschwörungstheorien ungefiltert zu verbreiten. Laut einem kürzlich erschienenen Artikel der Washington Post hat Trump während seiner Präsidentschaft mehr als 30.000 sachlich falsche oder irreführende Aussagen gemacht. Vor diesem Hintergrund wird es entscheidend sein, wie Biden in seiner Antrittsrede sagte, „eine Kultur zurückzuweisen, in der Fakten manipuliert – und sogar neu geschaffen – werden“.

Desinformation und Verschwörungstheorien, einschließlich derjenigen über die „manipulierte Wahl“, stellen eine große Bedrohung für demokratische Institutionen und Prozesse dar. Das Vertrauen in die Demokratie zurückzugewinnen, wird die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre sein. Dieses Vertrauen könnte sich als der entscheidende Faktor darüber erweisen, ob es der amerikanischen Republik künftig wie der Weimarer ergeht.

von Robert Gerwarth

Robert Gerwarth ist Dozent für Moderne Geschichte am University College Dublin und Leiter des dortigen Zentrums für Kriegsstudien. Er ist der Autor des Buches Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs.

Dieser Artikel war zuerst am 6. Februar 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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