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Panzer auf Schienen: Ein Soldat in Fort Carson, Colorado, lotst das schwere Fahrzeug.

Massive Aufrüstung an Grenze zu Russland

USA verlegen Kampfbrigade nach Osteuropa: Das Ende der Entspannung

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Colorado Springs – Mehr als nur ein Hauch von Kaltem Krieg: Die USA schicken Kampfpanzer und eine Elite-Einheit nach Osteuropa. Die Mission soll den Nato-Partnern versichern: Wir schützen euch vor Russlands Aggressionen. Es ist ein ungewöhnlicher und umstrittener Einsatz.

Die letzten Trainingseinheiten für die Division aus Fort Carson in Colorado.

Beim Einparken mit einem Kampfpanzer sind kleine Parklücken eine dehnbare Sache. In diesem Fall braucht es aber Demut und äußerste Vorsicht. Langsam dirigiert Alexzander Boehmer sein tonnenschweres Monster in die Lücke, die zwei Handbreit zu schmal ist. Zentimeter um Zentimeter rollt der US-Panzer auf die Spur, Boehmer weist mit beiden Händen den Weg. Unfallfrei. Am Ende steht das Gerät auf einer Eisenbahn-Plattform, abfahrbereit, die Ketten ragen rechts und links ein Stück hinaus.

Mit dem Parkmanöver beginnt die Weltreise der Kampfpanzer. Bei klirrender Kälte am Fuß der Rocky Mountains, Fort Carson im Bundesstaat Colorado, rüsten sich Soldaten der 4. Infanterie-Division der Vereinigten Staaten für ihren Einsatz in Europa. Specialist (das ist ungefähr Stabsgefreiter) Boehmer sichert seinen sandfarbenen Panzer mit schweren Eisenketten. Vor Gefährt und Besatzung liegt eine Reise nach Texas, an die Küste, dann mit dem Schiff über den Atlantik nach Bremerhaven. Auf Gleisen geht es Anfang Januar weiter nach Polen und von dort in sechs, sieben weitere osteuropäische Staaten.

Die Heeresdivision aus Colorado hat den ungewöhnlichen Einsatzbefehl, mit ihrer 3. Brigade Osteuropas östliche Natogrenze zu sichern; zumindest mit den dortigen Armeen und mit der auf Litauen fokussierten Bundeswehr gemeinsam zu trainieren. Im Februar beginnen die größten Übungen in der jüngeren Geschichte der Nato.

Der Umzug nach Osteuropa ist ein extremer Kraftakt

Das soll mehr als nur ein Zeichen sein an die Verbündeten, sie nicht allein zu lassen mit der Angst vor Russland. „Es ist klar, dass wir und unsere Alliierten mehr tun müssen“ für ein freies, sicheres Europa, sagte Präsident Barack Obama vor einigen Monaten. Die Mission läuft nun, ein logistischer, finanzieller, personeller Kraftakt. Über 100 000 Tonnen Material rollen los, allein Munition für hunderte Millionen Dollar. Zum ersten Mal seit 30 Jahren rüsten die USA in Europa massiv auf. „Wir lernen wieder, was wir schon vergessen hatten“, sagt einer der Planer.

Am Fuß der Rocky Mountains werden die Panzer in diesen Tagen verladen. Ein Dutzend Züge rollt Richtung Ostküste.

Nein, es ist kein Lippenbekenntnis. Obama ließ die „European Reassurance Initiative“ heuer mit 3,4 Milliarden Dollar ausstatten, eine Vervierfachung der Mittel. Er schickt bewusst genau diese Einheiten über den Atlantik: Das ist jene Division, die im Zweiten Weltkrieg, am 6. Juni 1944, in der Normandie anlandete, später Paris befreite und als erste in Deutschland ankam. Sie wurde für den Vietnam-Krieg wieder in Dienst gestellt, kämpfte später in Afghanistan und im Irak. Wer im Museum der Division in Colorado Springs um die letzte Ecke biegt, steht plötzlich dem gefesselten Saddam Hussein gegenüber. Eine Wachsfigur, lebensgroß. Die Soldaten sagen stolz, sie seien es gewesen, die den Diktator 2003 aus einem Erdloch zogen.

Der Besuch in Colorado, wo im „3rd Armored Brigade Combat Team“ die letzten Trainings laufen, beruhigt und beunruhigt zugleich. Irak, Afghanistan, gut – aber Baltikum und Bulgarien? Die USA müssen Europa schon massiv bedroht sehen nach der Krim-Annexion durch Putin. Die Kampfbrigade (Wahlspruch: „sturmfest und loyal“) mit 4500 Mann, 80 Panzern, Hubschraubern und 2000 schweren Fahrzeugen nach Osteuropa zu senden, ist ein Kurswechsel, auch für Obama persönlich. In seiner Zeit schrumpfte die Zahl der US-Brigaden von vier auf zwei – jetzt kommt wieder eine dritte hinzu, er lässt sogar in der Nähe von Kaiserslautern Material für eine vierte einlagern.

Ein M88A2 - eine Art Bergepanzer - wird auf den Zug gelotst. Insgesamt rollen 2000 Fahrzeuge auf Schienen nach Texas, von dort per Schiff nach Bremerhaven und weiter auf Schienen nach Polen und in weitere Länder Osteuropas.

Das soll abschrecken, wie aus dem Handbuch des Kalten Kriegs. Eine Machtdemonstration, allein das Beladen der Züge vor der Kulisse der schneebedeckten Rocky Mountains: Was hier eine US- Brigade aufs Gleis schiebt, ist mehr, als manche Armeen kleiner osteuropäischer Länder insgesamt besitzen. „Wir bringen die beste Ausrüstung mit“, sagt ein hoher Offizier, keine Altgeräte für Europa.

Die Mission ist umstritten. Aufrüsten, Nato-Aufmärsche – genau das war es, was Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier im Juni als „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ verurteilte. Offizielle in Washington reagieren noch heute schroff darauf. Ob er daran selber glaube, oder ob Steinmeier eher innenpolitische Motive getrieben hätten, fragt James J. Townsend, einer der ranghöchsten Politiker im US-Verteidigungsministerium, bissig. „Die Geschichte hat uns seit Jahrzehnten gelehrt, dass es Abschreckung braucht, keine Schwäche.“ Russland solle „die Grenze rauf und runter sehen: Wir sind da.“ Und zwar nicht mit einem „Gardebataillon oder mit Urlaubern, sondern mit Kampfeinheiten“. Im Übrigen richtet Townsend die Warnung an Europa, sich nicht allein auf US-Truppen zu verlassen, sondern die eigenen Verteidigungsbudgets aufzustocken.

Experten sagen: Trump wird das nicht stoppen

„In Sicherheit“: Alexzander Boehmer, 20, und seine Frau Savannah in einer Betreuungsei nrichtung für Soldaten und ihre Familien in Fort Carson.

Das ist ein Punkt, in dem sich die Amerikaner selbst nach der Präsidenten-Wahl nicht auseinanderdividieren lassen. „Ich sage euch: Der Ruf nach Lastenteilung wird sehr laut und dringend“, sagt Townsend. Er selbst muss in sieben Tagen raus aus dem Pentagon, Regierungswechsel, bezieht das aber auf Demokraten wie Republikaner. Tatsächlich erwarten Beobachter in Washington, dass Donald Trump als Präsident das Europa-Programm weitgehend nahtlos fortsetzen und von den Staaten mehr Eigenbeteiligung einfordern wird. „Ich tippe, dass da mehr Kontinuität sein wird, als alle glauben“, sagt etwa Franklin Kramer, ein erfahrener Experte des „Atlantic Council“.

Zurück in Colorado, der Wind pfeift durch das Areal. Die Soldaten machen sich natürlich Gedanken, was sie in Osteuropa erwartet. Veraltete Panzer aus Sowjet-Beständen, Besatzungen, die kaum ein Wort Englisch sprechen? Oder junge, modernisierte Armeen? Manche Einheiten kennen sich zumindest ein bisschen von gemeinsamen Afghanistan-Einsätzen. Die Vorauskommandos berichten von einem herzlichen Empfang in Osteuropa, allenfalls technische Probleme gibt es mit verschiedenen Spurbreiten der Gleise und mit verdächtig knarzenden Brücken.

Für viele Soldaten ist es aber der erste Einsatz. Abrianna Archuleta zum Beispiel, Dienstgrad Private (das ist der unterste), 18 Jahre alt und direkt von der Highschool, wird mit ihrer Artillerie-Einheit in Kürze in Polen anlanden. „Zum ersten Mal verlasse ich die USA“, sagt sie, „ich weiß nicht, was mich erwartet. Man hat mir gesagt: Wir sollen sicherstellen, dass in Europa Frieden bleibt.“ Man hat ihr außerdem gesagt, dass es in Polen ähnlich kalt ist. „Mein bester Freund“, sagt sie, zeigt auf ihre Fleecejacke und packt sie in den olivgrünen Rucksack. Nein, ängstlich sei sie nicht, aber „vielleicht ein bisschen nervös“.

„Ängstlich? Nein. Ein bisschen nervös.“

Archuleta, Boehmer und all ihre Kameraden werden neun Monate in Europa bleiben, dann kommt die nächste Einheit. Der Einsatz mag nur Training sein, ein Symbol für die Nato-Beistandsverpflichtung, für viele Soldaten macht das privat aber kaum Unterschiede: Sie sind neun Monate von der Familie getrennt. Keine Heimreisen, keine Zeit für Besuche.

Boehmer, 20, jung verheiratet, wusste das bei der Berufswahl. Sein Vater kämpfte in der gleichen Division 1991 im Irak, Operation „Desert Storm“. Boehmer junior wird nun in Ungarn eingesetzt. „Excited“ sei er, erklärt der junge Soldat, gespannt also. Früher oder später sagen alle Soldaten in Fort Carson dieses Wort. Es klingt gut und es verdeckt, dass kaum jemand absehen kann, wie sich dieser Einsatz in Europa entwickelt.

Boehmers Frau Savannah, 21, nimmt seine Hand. „Er ist in Sicherheit, ich muss keine Angst haben“, sagt sie. Hoffentlich behält sie Recht.

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