Vater von Taliban-Opfer: Vorwürfe gegen Bundeswehr

Istanbul - Im Sommer 2010 starb ein deutscher Wachmann bei einem Angriff der Taliban in Kundus. Die „FAS“ berichtet nun, der Ex-Soldat habe kurz vor seinem Tod die Bundeswehr um Hilfe gebeten.

„Holt mich raus, ich sterbe.“ Die Truppe rückte dennoch nicht aus.

Drei Jahre nach dem Tod eines deutschen Wachmanns bei einem Taliban-Angriff im nordafghanischen Kundus wirft dessen Vater der Bundeswehr unterlassene Hilfeleistung vor. „Die haben meinen Sohn verrecken lassen“, sagte Rolf Beinecke der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“). Das Verteidigungsministerium wies die Anschuldigung in einer Stellungnahme an die „FAS“ zurück. Die Bundeswehr sei nicht zuständig gewesen.

Rolf Beineckes Sohn Rouven arbeitete als Schutzmann für die US-Hilfsorganisation DAI in Kundus. Bei dem Taliban-Angriff am 2. Juli 2010 auf das DAI-Gebäude in der Stadt war die Bundeswehr nicht ausgerückt, obwohl Rouven Beinecke laut „FAS“ in dem drei Kilometer entfernten deutschen Feldlager telefonisch um Hilfe rief. Der damals 32-Jährige war zuvor selber Bundeswehr-Soldat gewesen.

Neben Beinecke kamen bei dem Angriff ein Brite, ein Philippiner, ein afghanischer Polizist und ein afghanischer Wachmann ums Leben. Auch alle sechs Taliban-Angreifer starben in einem stundenlangen Gefecht mit afghanischen Sicherheitskräften. US-Soldaten rückten von ihrer Basis nahe des deutschen Feldlagers in die Stadt aus, um die Afghanen zu unterstützen.

Die Bundeswehr griff nicht ein, wie sie bereits damals bestätigte. Bislang unbekannt war aber, dass Beinecke in der deutschen Gefechtszentrale um Hilfe gebeten haben soll.

Vor seinem Tod habe Beinecke zweimal per Telefon um Hilfe gerufen, berichtete die „FAS“ unter Berufung auf einen damals in der Gefechtszentrale anwesenden Soldaten. Dieser erinnere sich wie folgt an die letzten Worte des Anrufers: „Holt mich raus, ich sterbe.“ Zu dem Zeitpunkt habe der Wachmann blutend auf dem Dach des umkämpften Gebäudes gelegen. Die „FAS“ schrieb weiter, der deutsche Kommandeur in Kundus habe das Leben seiner Soldaten nicht riskieren wollen und deshalb keinen Befehl zum Ausrücken gegeben.

Die „FAS“ berichtete, Beinecke habe die Bundeswehr 2009 nach zehn Dienstjahren verlassen und sich zum Personenschützer ausbilden lassen. Mit dem Geld der privaten Sicherheitsfirma, die ihn für den Job in Kundus anheuerte, habe er Schulden aus dem Kauf eines Hauses abbezahlen wollen. Seine Ehefrau sei damals schwanger gewesen.

dpa

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