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Trauer vor dem Eingang zum Jüdischen Museum in Brüssel. Ein islamistischer Terrorist tötete hier im Mai nach seiner Rückkehr aus Syrien vier Menschen.

Mehr als 43.000 Islamisten in Deutschland

Verfassungsschutz warnt vor Gotteskriegern

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Berlin/München  - Was eigentlich, wenn der „Gotteskrieger“ Nemmouche aus Frankfurt nicht nach Brüssel gefahren wäre, sondern nach München? Die Sorgen der Innenminister wachsen.

Es war am 18. März morgens um sechs, als Mehdi Nemmouche nach Deutschland kam. Mit einer Maschine aus Bangkok landete der 29-jährige Franzose, der zuvor in Syrien war, auf dem Frankfurter Flughafen. Bei der Passkontrolle winkte man ihn durch. Zwei Monate später tauchte der selbst ernannte Gotteskrieger im Jüdischen Museum von Brüssel auf, wo er vier Menschen erschoss. Bei seiner Festnahme hatte er eine Kalaschnikow dabei, die in die Flagge der Terrorgruppe Isis (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) eingehüllt war.

Nemmouche ist einer der Gründe, weshalb Deutschlands Sicherheitsbehörden derzeit größere Sorgen haben, dass die Bundesrepublik Ziel eines islamistischen Terroranschlags werden könnte. Was eigentlich, wenn er nicht nach Brüssel gefahren wäre, sondern in die Münchner Innenstadt zum jüdischen Zentrum? Kommt der Terror von Isis nach Deutschland?

Verfassungsschützer Thomas de Maiziere und Hans-Georg Maaßen.

„Aus einer abstrakten Gefahr ist eine konkrete tödliche Gefahr geworden in Europa, mit Deutschland-Bezug“, sagt Innenminister Thomas de Maizière. Das klingt härter als die Warnungen, an die man seit dem 11. September 2001 kennt. Im neuen Verfassungsschutzbericht, der in Berlin vorgestellt wurde, geht es auf über 60 Seiten um Islamismus und den Terrorismus, der von ihm ausgehen kann. So viele waren es in den zwölfeinhalb Jahren seit den Anschlägen in den USA noch nie.

Mehr als 43.000 Islamisten in Deutschland

Alles in allem leben nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes in Deutschland inzwischen mehr als 43.000 Islamisten. Wie viele mit Isis sympathisieren, weiß niemand genau. Die Gruppe, die im Irak gerade spektakulär auf dem Vormarsch ist, hat im Bericht ein eigenes Kapitel. Doch in der Spalte Anhänger/Mitglieder steht nur: „Keine gesicherten Zahlen“.

Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen sieht eine „erhebliche Gefahr“. Besonders große Sorgen bereiten die Rückkehrer. Von mehr als 320 Dschihadisten, die laut Verfassungsschutz seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 aus Deutschland nach Syrien gereist sind, sollen hundert wieder zurück sein. Knapp zehn werden in Bayern vermutet und von den Behörden beobachtet. „Das ist ein echtes Problem“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

„Wenn einer so fanatisiert ist, dass er in den Heiligen Krieg nach Syrien zieht“, sei die Gefahr naheliegend, dass auch in Deutschland Gewalt verübt werden solle. Bei etwas mehr als einem Dutzend der Rückkehrer bundesweit sind sich die Behörden sicher, dass sie tatsächlich gekämpft haben, die meisten bei Isis. Auch jetzt im Irak sollen deutsche Gotteskrieger dabei sein.

Konkrete Hinweise auf einen Anschlag in Deutschland hat der Verfassungsschutz nach eigenen Angaben nicht. Auf Isis-Terrorzellen hierzulande gibt es ebenfalls keine Hinweise. Die Experten sind sich auch noch nicht einig, ob die Gotteskrieger-Miliz überhaupt nach dem Vorbild von Al-Kaida große Anschläge im Westen plant. Allerdings hat Anführer Abu Bakr al-Baghdadi Anspruch auf die Nachfolge Osama bin Ladens angemeldet.

Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik meint: „Wenn al-Baghdadi das wirklich will, muss er aufsehenerregende Anschläge verüben. Insofern ist das eine sehr konkrete Gefahr für uns hier in Europa.“ Der Islam-Wissenschaftler Jörn Thielmann von der Universität Erlangen-Nürnberg betont hingegen: „Sobald Isis in den USA oder Europa Anschläge verübt, wird der Westen antworten müssen – und mit Sicherheit nicht nur mit ein paar Drohnen oder Raketen. Es empfiehlt sich also, vorsichtig zu sein.“

Im Gegensatz zu Organisationen gelten Einzeltäter – wie wohl Nemmouche – als unkalkulierbar. Im Bericht heißt es dazu, der „individuelle Dschihad“ – also Terroranschläge von Einzelnen ohne feste Bindung an eine Organisation – gewinne an Bedeutung. Dabei droht nach Meinung der Experten von Rückkehrern die größte Gefahr.

Herrmann mahnt deshalb, zumindest bei Kämpfern ohne deutschen Pass die Wiedereinreise strikt zu unterbinden. Islam-Wissenschaftler Thielmann formuliert besonders drastisch: „Wer Leuten schon einmal mit eigener Hand die Kehle durchgeschnitten hat, hat wenig Hemmung, in einem deutschen Hauptbahnhof eine ferngesteuerte Bombe zu zünden.“

Von Christoph Sator und Christian Deutschländer 

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