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Die Partei wartet nur auf ihn: Horst Seehofer, hier beim politischen Aschermittwoch der CSU.

Seehofer hat sich zurückgezogen

Nachfolge in der CSU: Auf Horst folgt wohl Horst

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Horst Seehofer hat sich zurückgezogen, um nachzudenken. Am Montag dürfte er verkünden, dass er weitermacht. Die CSU, die lange nur über Nachfolger diskutierte, wartet geduldig und ergeben.

München – Arbeitsurlaub. Bei Ministern und Mitarbeitern ist der Ausdruck gleichermaßen gefürchtet. Horst Seehofer zieht sich in sein Ferienhaus in Schamhaupten zurück, in dessen Keller die oft zitierte Modelleisenbahn steht. Dort hat der Ministerpräsident Zeit. Zum Nachdenken. Und viel schlimmer: für neue Ideen. Gerne beruft er dann spontane Sitzungen ein, verteilt Arbeitsaufträge. Auch an Minister, die eben noch irgendwo am Strand lagen. Diesmal aber denkt Seehofer nur über ein Thema nach, für das er kaum Zuarbeit braucht: sich selbst. Er führt ja schon seit Wochen Gespräche. Mit seinen Stellvertretern. Mit seinen Vorgängern. Mit seiner Familie. Am Montag wird er verkünden, ob er weiter macht.

Der CSU-Chef dürfte sich die Hände reiben ob seiner dramaturgischen Meisterleistung. Alle in seiner Partei haben Theorien, aber keiner Gewissheit. Sie warten auf die Verkündung. „Ich rede bis Montag mit keinem Journalisten“, lässt Seehofer aus seinem Eisenbahnkeller ausrichten. Also wird spekuliert. Die wahrscheinlichste Variante: Seehofer macht als Parteichef weiter und tritt 2018 auch wieder als Ministerpräsident an. Die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl überlässt er Joachim Herrmann, der als Innenminister in einem neuen Merkel-Kabinett ein Kernthema der CSU vertreten dürfte.

Entscheidung gibt Seehofer am Montag bekannt

Endgültig lichten wird sich der Nebel erst am Montagmorgen. Für 8 Uhr, wenn alle in ihren Dienstlimousinen auf dem Weg zur Parteizentrale sitzen, ist eine Telefonschalte des Präsidiums geplant. Um 9 Uhr treffen sich die Bezirksvorsitzenden im Franz-Josef-Strauß-Haus. Um 10 unterrichtet Seehofer den kompletten Vorstand darüber, wie sein Spitzenteam aussehen wird, zu dem auch der als Landesgruppen-Chef favorisierte Alexander Dobrindt und Europapolitiker Manfred Weber zählen.

Und über allem thront Horst Seehofer in seinem zweiten, ach was: dem dritten Frühling.

Es ist eine erstaunliche Wendung, die die Personalie in den vergangenen eineinhalb Jahren genommen hat. Monatelang diskutierte seine Partei nur noch über die Kronprinzen des keineswegs bei allen beliebten Chefs, der von den Debatten zeitweise genervt war, um sie dann selbst zu befeuern. Noch im April 2015 antwortete er auf die Frage, ob es vielleicht einen Rücktritt vom Rücktritt gebe: „Nein, 2018 ist unwiderruflich Schluss.“ Das überraschte keinen, denn bei der Landtagswahl im Herbst 2018 wird Seehofer 69 Jahre alt sein.

Schritt für Schritt wuchs der Gedanke weiterzumachen

Dann kam die Flüchtlingskrise. Wer nach der Initialzündung für Seehofers Meinungswandel sucht, muss hier ansetzen. Im September 2015 kamen die Flüchtlingszüge aus Budapest, an der Grenze in Niederbayern herrschte Chaos. Es folgten der Streit mit der Kanzlerin, das Erstarken der AfD – und für Seehofer viele schlaflose Nächte. Die absolute Mehrheit der CSU in Bayern, die Prämisse, der er sein ganzes Handeln unterordnet, drohte in weite Ferne zu rücken. Über Weihnachten 2015 las er eine Biografie von Winston Churchill. Eine anregende Lektüre mit der Erkenntnis: „In der Politik bekommt man gelegentlich Positionen noch einmal, obwohl man sie gar nicht mehr mag.“

Es begann in ihm zu arbeiten. Schritt für Schritt wuchs der Gedanke, doch weiterzumachen. Er sondierte das Feld mit Parteifreunden, warf medial den ein oder anderen Stein ins Wasser – und wartete auf kritische Reaktionen. Schließlich bot er sogar eine Ämterteilung an: Er sei bereit, den Parteivorsitz abzugeben, wenn sein Nachfolger als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl antrete. „Das war ein ernst gemeintes Angebot“, sagt einer, der es wissen muss. Und ein riskantes, das die Partei in eine schwere Schieflage hätte bringen können. Markus Söder lehnte einen Wechsel in Berlin zwar kategorisch ab, stellte intern aber klar, es auf eine Kampfkandidatur ankommen zu lassen, sollten Herrmann, Dobrindt oder Weber nach dem Parteivorsitz greifen. Keiner meldet sich – weshalb jetzt irgendwie alle froh sind, wenn Seehofer weitermacht. Es fehlt ihnen die Fantasie, sich kurzfristig ein anderes Szenario auszumalen.

Söder verhält sich seit Wochen sehr still

Aus Nürnberg ist dieser Tage zu der Personalie wenig zu hören. Söder verhält sich still, auch wenn es ihm manchmal schwer fällt. Geduld gehört nicht zu seinen angeborenen Tugenden, aber der Finanzminister versucht, auch diese Schwäche abzustellen. Er weiß: Unter den Kronprinzen führt er unangefochten, selbst wenn Seehofer noch ein paar Jahre weiter machen sollte. Er darf nur keine Fehler machen. Und derzeit macht er keine. Man arbeite konstruktiv zusammen, heißt es aus Söders Umfeld. Zuletzt bei der Rückkehr zum G9.

Söder hat Zeit. Und Seehofer dürfte sie sich nochmal nehmen. Trotz allem. Oft schon hat der Körper Warnsignale gesendet. 2002 mit der Herzmuskelentzündung, die beinahe tödlich endete. Aber auch in jüngerer Vergangenheit: Zusammenbruch vor der Landtagsfraktion in Wildbad Kreuth. Schwächeanfall beim Tag der offenen Tür in der Staatskanzlei. Aber Seehofer ist seit mehr als vier Jahrzehnten Politprofi. Einer, der von ganz unten kommt und sich mit enormem Fleiß nach oben gearbeitet hat. Das Arbeiterkind, das über den zweiten Bildungsweg als Jahrgangsbester Diplom-Verwaltungswirt wurde. Bundestagsabgeordneter, Bundesminister, Ministerpräsident. Das wird man nicht, wenn man sich zu oft schont.

Seehofer genießt die Autorität des Amtes

Selbst nach seinem dramatischen Abtritt als Unionsfraktions-Vize 2005 suchte er sich mit dem VdK sofort eine neue Machtbasis. Er liebt es, wenn sich bei Veranstaltungen die Menschen um ihn scharen. Er genießt die Autorität des Amtes. Wer Seehofer in solchen Momenten beobachtet, kann sich nicht vorstellen, wie der Ingolstädter ohne diese Aufmerksamkeit leben will. Er wäre auch der erste: Noch nie ist einem bayerischen Ministerpräsidenten eine harmonische Amtsübergabe geglückt. Er strebe so eine „bayerische Welturaufführung“ an, hat er gesagt. Fünf Jahre ist das her.

Natürlich gibt es die unwahrscheinliche Variante, dass Seehofer am Montag alle überrascht. Er besitzt auch ein kleines Spieler-Gen. Aber keiner in der CSU mag sich das vorstellen. „Das würde in der Partei kurz vor der Bundestagswahl enorme Unruhe auslösen“, sagt einer der Strategen. „Das macht er nicht.“

Am vergangenen Wochenende hat Seehofer den Arbeitsurlaub unterbrochen. Für eine Dienstreise nach Rom. Papst Benedikt XVI. feierte seinen 90. Geburtstag. Danach fragte ein BR-Reporter Seehofer, ob er denn den emeritierten Papst um Rat bei seiner Entscheidung gefragt habe. „Das habe ich nicht gewagt“, antwortete Seehofer. „Was hätte ich gemacht, wenn er gesagt hätte: ,Machen Sie es so wie ich.‘“ Dann lachte der Arbeitsurlaubende schallend. Das klang nicht so, als würde Bayern bald einen emeritierten Seehofer erleben. Und selbst wenn: Benedikt war 85 Jahre alt, als er abtrat.

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