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Die 81-jährige Auschwitz-Überlebende Eva Kor reichte dem früheren SS-Mann Oskar Gröning im Gerichtssaal die Hand.

Überlebende (81) bei Jauch

Auschwitz-Prozess: Versöhnungsgeste sorgt für Protest

Lüneburg - Eine KZ-Überlebende hat am Rande des Lüneburger Auschwitz-Prozess dem angeklagten SS-Mann Oskar Gröning die Hand zur Versöhnung gereicht. Die anderen Nebenkläger protestieren.

Nach den öffentlichen Versöhnungsgesten der Auschwitz-Überlebenden Eva Mozes Kor am Rande des Lüneburger NS-Prozesses gegen den früheren Auschwitz-Buchhalter Oskar G. haben andere Nebenkläger und deren Anwälte ihr Vorgehen scharf kritisiert.

Kor war bereits am Donnerstag im Gerichtssaal auf den 93-jährigen G. zugegangen und hatte ihm die Hand gegeben. Dies und ein Foto davon verbreitete sie auf Facebook und Twitter. Sie wisse, dass viele Menschen sie dafür kritisieren würden, schrieb sie dazu. Das müsse dann so sein. "Ich werde beim besten Willen nie verstehen, warum Zorn einer Geste des guten Willens vorzuziehen sein sollte."

"Wir können Herrn G. nicht die Mitwirkung am Mord unserer Angehöriger und weiterer 299.000 Menschen verzeihen - zumal er sich bisher frei von jeglicher strafrechtlicher Schuld fühlt", erklärten 49 Überlebende und Hinterbliebene in einer am Montag verbreiteten gemeinsamen Erklärung.

Verzeihen als Akt der Selbstheilung und Selbstbefreiung

Kor hatte in der vergangenen Woche vor Gericht erklärt: „Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei.“ Sie nannte das Verzeihen einen Akt der Selbstheilung und Selbstbefreiung. Die 81-Jährige hatte mit ihrer Zwillingsschwester grausame medizinische Experimente in Auschwitz überlebt, die übrigen Familienmitglieder starben dort.

Niemand als die Überlebendem von Auschwitz wüssten besser, dass jeder seinen Weg finden müsse, mit dem Erlittenen umzugehen, hieß es in der Mitteilung der Anwälte der Mehrheit der insgesamt 67 Nebenkläger des Prozesses, der am Dienstag vergangener Woche vor dem Lüneburger Landgericht begonnen hatte. Ihre Mandanten hätten "hier nichts zu kommentieren", wenn "Frau Kor ihr 'Verzeihen und Vergeben' mit dem Angeklagten nicht immer wieder öffentlich machen würde", schrieben diese.

In der von ihren beiden Anwälten Cornelius Nestler und Thomas Walther herausgegebenen Mitteilung wurde vor allem die öffentliche Art des Vorgehens Kors moniert, die am Sonntag in der ARD-Talkshow von Günter Jauch aufgetreten war und ein Ende von Anklagen wie die gegen G. gefordert hatte. Statt dessen müsse auf Gespräche gesetzt werden, sagte sie dort. Konkret schlug sie vor, G. statt einer Haftstrafe Besuche in Schulen aufzuerlegen, um junge Menschen aufzuklären.

Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen

Der 93-Jährige ist angeklagt, während des Zweiten Weltkriegs als SS-Buchhalter in der Verwaltung des Konzentrations- und Vernichtungslagerkomplexes von Auschwitz das jüdischen Holocaust-Opfern angenommene Geld verwaltet sowie nach deren Ankunft ihr Gepäck bewacht zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vor. Zu Prozessbeginn vergangenen Woche hatte G. ausführlich ausgesagt und sich dabei "moralisch mitschuldig" an der "millionenfachen Ermordung von Menschen" erklärt. Strafrechtlich schuldig bekannte er sich aber nicht.

Kor kam als Kind nach Auschwitz-Birkenau, als auch der Angeklagte dort Dienst hatte. Sie wurde gemeinsam mit ihrer inzwischen verstorbenen Zwillingsschwester von dem berüchtigten Arzt Josef Mengele für medizinische Experimente ausgewählt, überlebte diese aber.

afp

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