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Viel hoffen, wenig erwarten: Die G8 und die armen Länder

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Erstmals überschreitet die Zahl der hungernden Menschen in diesem Jahr die Milliarden-Schwelle.
Erstmals überschreitet die Zahl der hungernden Menschen in diesem Jahr die Milliarden-Schwelle. © dpa

München/Berlin - Es sind dramatische Zahlen, die die G8-Staats- und Regierungschefs auf dem Weg zu ihrem Gipfeltreffen im italienischen L'Aquila begleiten.

Erstmals überschreitet die Zahl der hungernden Menschen in diesem Jahr die Milliarden-Schwelle. Grund für den massiven Anstieg: die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise. Noch trauriger ist eine Prognose der Weltbank: 400 000 Kinder könnten infolge der Krise pro Jahr frühzeitig sterben. Und bis zu 90 Millionen Menschen werden wohl zusätzlich in extreme Armut gestürzt. Es ist also - so die bittere Kritik von Hilfsorganisationen - ähnlich wie beim Klimawandel: Die Ärmsten der Armen auf der Welt leiden brutal darunter, was ihnen die reicheren Nationen eingebrockt haben. Auch Papst Benedikt XVI. fordert die G8-Staaten kurz vor dem Gipfel deshalb auf, die Hilfe für arme Länder in der Krise zu verstärken.

Doch bei den Hilfsorganisationen, die am Mittwoch ebenfalls nach L'Aquila reisen werden, hat sich größtenteils Ernüchterung breit gemacht. Noch selten vor einem G8-Gipfel lagen ihre Hoffnungen und ihre realistischen Erwartungen so weit auseinander. “Die Befürchtungen überwiegen“, gesteht Heike Spielmans, Geschäftsführerin des Entwicklungspolitik-Verbands VENRO. Es sehe nicht so aus, als ob man von dem Gipfel Großes erwarten könne.

Die Organisation ONE fasst die G8-Versäumnisse Jahr für Jahr in Zahlen: Sie rechnet nach, ob die G8-Staaten ihre im Jahr 2005 im schottischen Gleneagles gemachten Versprechen an die armen Länder einhalten - etwa die Zusage, die Entwicklungshilfe für Afrika bis 2010 um 25 Milliarden Dollar pro Jahr zu erhöhen. Das Ergebnis der aktuellen ONE-Untersuchung: Die G8-Staaten sind drauf und dran, ihre Versprechen deutlich zu brechen. Denn 2008 hatten sie ihr Ziel nur zu einem Drittel erreicht, Ende dieses Jahres könnte gerade mal die Hälfte geschafft sein. Scharfe Kritik übt ONE vor allem an Frankreich und Gipfel-Gastgeber Italien. Italien habe bislang nur drei Prozent der Zusagen eingehalten, sagt ONE-Deutschland-Direktor Tobias Kahler.

Die Hilfsorganisationen fürchten vor diesem G8-Gipfel vor allem eines: dass sich die G8-Staaten in der Krise nur um ihre eigenen Probleme kümmern - und zugesagte Entwicklungshilfe nicht zahlen, geschweige denn noch mehr drauflegen. Dabei habe sich doch in der Krise gezeigt, dass Staaten schnell viel Geld locker machen können, wenn der politische Wille vorhanden sei, meint Sylvia Borren von der Organisation “Global Call to Action Against Poverty“. Und hat eine deutliche Botschaft an die G8-Lenker: “Wie könnt ihr so viel Geld für eure Unternehmen und Banken ausgeben und es auf der anderen Seite zulassen, dass eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern.“ Tobias Kahler von ONE mahnt, die Krise dürfe nicht als Ausrede dienen, jetzt nicht genügend für die Armen zu tun. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank warnen sogar vor einem “Entwicklungs-Notstand“.

Hilfsorganisationen fordern die G8-Staaten derzeit vor allem auf, endlich wirksam gegen den Hunger in der Welt vorzugehen. Schließlich warnte auch die Welternährungsorganisation bereits, die Hungerkrise könne “den Weltfrieden und die Sicherheit erheblich gefährden“. Jörn Kalinski von der Organisation Oxfam betont, nötig sei eine Strategie, um die Landwirtschaft in den armen Ländern wettbewerbsfähig zu machen. Nach wie vor würden von den reicheren Staaten mit Hilfe von Agrarsubventionen viel zu viele billige Produkte auf die Weltmärkte gekippt - und die einheimischen Anbieter hätten keine Chance.

Fortschritte erhoffen sich Umweltorganisationen beim Klimaschutz - auch wenn eine WWF-Studie belegt, dass bislang kein einziger G8-Staat genug tut, um den Klimawandel aufzuhalten. Tobias Münchmeyer von Greenpeace setzt nun aber auf einen “Quantensprung“. Vor allem hofft er auf eine Erklärung, dass die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzt werden muss - was ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem Kyoto-Nachfolgeabkommen wäre. Der Grund für Münchmeyers Optimismus heißt: Barack Obama. “Wir haben uns über Jahre vertrösten lassen, weil es hieß, George W. Bush sitzt mit am Tisch. Jetzt sitzt ein anderer dort - und dementsprechend groß sind unsere Erwartungen.“

dpa

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