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Der Dokumentarfilm "6 Jahre, 7 Monate & 16 Tage - Die Morde des NSU" erinnert an die Schicksale der Opfer mit ihren Familien. Am 18. Mai kommt er in die Kinos.

Morde in Schwarz-Weiß

Vier Jahre NSU-Prozess: Dokumentarfilm kommt ins Kino

München – Die Mordserie des NSU hat Deutschland erschüttert. An die Morde, Ermittlungspannen und Schicksale der Opfer mit ihren Familien erinnert zum vierten Jahrestag ein Kinofilm.

Die Tatorte, in Schwarz-Weiß. Viel Zeitlupe. Lange Passagen nur von Musik getragen. Während im Münchner NSU-Prozess Plädoyers und Urteile näher rücken und damit eine juristische Sühne für die Mordserie der rechtsextremen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“, befasst sich Regisseur Sobo Swobodnik in seiner Dokumentation „6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage“ filmisch nochmals mit den Taten. Die Täter, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, sind tot. Vor Gericht steht als Hauptangeklagte Beate Zschäpe, die mit den beiden jahrelang unentdeckt im Untergrund lebte.

Film erzählt Geschichten der Opfer

Der Streifen, der am 18. Mai wenige Tage nach dem vierten Jahrestag des Prozessbeginns in die Kinos kommt, erzählt die Geschichten der Opfer, zitiert Aussagen von Angehörigen und zeigt dabei auch die eine oder andere Facette in der Persönlichkeit der Ermordeten. Diese lebten teils seit Jahrzehnten in Deutschland und verdienten ihren Lebensunterhalt als Schneider, Gemüsehändler, Schlüsseldienstbetreiber oder Imbissbudenbetreiber.

6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage vergingen vom ersten Mord an dem Blumenhändler Enver Simsek bis zur Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn am 25. April 2007. Der Film seziert die Taten, beschreibt dezidiert die Verletzungen der neun türkisch- und griechischstämmigen Opfer und der deutschen Polizistin. Und er erinnert an das Martyrium, das Angehörige teils nach dem Tod ihrer Liebsten durch falsche Verdächtigungen erlitten.

Semiya Simsek, Tochter des ersten Opfers, berichtet, die Ermittler hätten ihrer Mutter das Bild einer blonden Frau gezeigt, die angebliche Geliebte des Vaters – „um das Vertrauen in der Familie zu zerstören“. „Meine Mutter ist natürlich auf den Trick nicht reingefallen.“ Ihre Eltern hätten höchstes Vertrauen zueinander gehabt.

Behördenversagen sollte aufgeklärt werden

Angehörige mussten Speichelproben abgeben, die Ermordeten wurden in die Nähe von Drogenhandel, Mafia, illegalen Wetten, kurz: von kriminellem Milieu gerückt. Das Wort „Dönermorde“ verschwand erst aus der Berichterstattung, als mit dem Tod von Böhnhardt und Mundlos der rechtsextreme Hintergrund der Taten erwiesen war. Untersuchungsausschüsse hatten versucht, das Versagen der Behörden bei den Ermittlungen aufzuklären. Bis heute ist unklar, was gut bezahlte V-Männer aus der rechten Szene wussten. Als Halit Yozgat am 6. April 2006 in seinem Kasseler Internetcafé erschossen wurde, war ein Mitarbeiter der hessischen Verfassungsschutzes im Nebenraum. Laut Ermittlungen offenbar Zufall.

Zeitlupe und elektronische Klänge

Swobodnik drehte die Tatorte mit den heute vielfach geschlossenen Läden der Opfer zwischen November und März, auch wenn die Morde teils im Sommer geschahen – eine unwirtliche Szenerie. Autos und Fußgänger versetzt er in Zeitlupe und lässt die Bilder oft lange stehen, nur untermalt von der Komposition des Berliners Elias Gottstein: elektronische Musik mit Saiteninstrumenten, darunter eine Baglama, eine türkische Laute. Auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival München erhielt der Streifen den Dokumentarfilmmusikpreis 2017.

Die Aussagen und Zitate stammen allesamt aus Medienmeldungen, Ermittlungsprotokollen oder Prozessaussagen; Schauspieler des Berliner Ensembles sprechen sie. Eigene Recherche mit neuen Fakten bietet der Film nicht. Aber er erinnert. Über die Jahre sind Details in Vergessenheit geraten, die Opfer und ihr Schicksal aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit verschwunden.

Angehörige: Aufklärung statt Beileid

„Die Neonazis haben das geschafft: Ich fühle mich fremd im eigenen Land“, sagt die Tochter des in Nürnberg ermordeten Dönerladeninhabers Ismail Yasar. Die Schwester des Hamburger Gemüsehändlers Süleyman Tasköprü erzählt, sie habe mit ihrem Bruder gealbert, wer zuerst sterbe. Sie habe ihm im Scherz einen Stern versprochen wie in Hollywood auf dem Walk of Fame für Sylvester Stallone, dem er ähnlich gesehen habe; darauf sei er stolz gewesen. Nun sei dieser Stern vor dem ehemaligen Geschäft der Familie in Hamburg im Bürgersteig eingelassen. „Nie hätte ich gedacht, dass ich mein Versprechen auf so traurige Weise einlösen müsste“, sagt die Schwester. „Ich will Aufklärung. Nicht Beileid.“

dpa

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