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Trügerische Einigkeit: Wladimir Putin, Hassan Ruhani und Recep Tayyip Erdogan konnten sich bei ihrem Treffen in Teheran nicht auf ein gemeinsames Vorgehen im syrischen Idlib einigen.

Bürgerkrieg 

Vor Angriff auf Rebellenhochburg Idlib: Letzte Schlacht um Syrien

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Nur noch Idlib, dann hat Baschar al-Assad die Aufständischen im Land geschlagen. Seit Wochen bereitet Syriens Machthaber eine Offensive auf die letzte Rebellenhochburg vor. Es könnte zu den blutigsten Schlachten des Krieges kommen.

München – Der Mann blickt auf den gewaltigen Haufen Schutt, der mal sein Haus war, zwischen seinen Fingern glimmen die Reste einer Zigarette. „Das war Nayefs“, sagt er und legt einen Kinderpullover neben sich ab. „Er war drei.“ Er legt ein anderes Shirt dazu. „Das gehörte Ghada. Sie ist tot.“ Dann noch ein Shirt, noch eins. Als er alles abgelegt hat, lehnt sich der Mann vor und vergräbt sein Gesicht in einem kleinen Sweatpullover mit der Aufschrift „Sports“. Er schließt die Augen. Atmet ein.

Der Mann heißt Ibrahim und lebt mit seiner Familie in einem Dorf in der syrischen Region Idlib. Bis vor kurzem hatte er fünf Kinder, eines von ihnen ist heute noch am Leben. Die anderen vier, heißt es in dem Video des Senders CNN, starben bei einem Luftangriff Ende August. Die Kleidung ist alles, was Ibrahim von ihnen geblieben ist.

Das ist nur eine von vielen Geschichten dieses seit siebeneinhalb Jahren tobenden Bürgerkriegs. Aber zugleich ist sie mehr, ein Vorbote. In Idlib könnte bald die nächste Großoffensive des syrischen Machthabers Baschar al-Assad stattfinden, mit allen Konsequenzen für die Bevölkerung. Die Vereinten Nationen warnen schon vor der größten humanitären Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Am Freitag sprachen die Präsidenten der Türkei, Russlands und des Irans noch mal miteinander – ohne konkretes Ergebnis. Den Angriff ganz abzuwenden, wie es die Türkei wollte, schien ohnehin unmöglich.

Seit Wochen zieht Assad in Idlib seine Truppen zusammen, die russische Luftwaffe bombardiert Rebellenstützpunkte – aber zuletzt offenbar auch ein Zentrum der Hilfsorganisation Weißhelme. Alles deutet darauf hin, dass das Regime bald auch am Boden zuschlagen wird. Auf der anderen Seite bereiten sich die Rebellen vor, bauen Barrikaden, ziehen Gräben, sprengen Brücken. 

Bis zu 100 000 Rebellen sollen in der Region Idlib sein

Die letzten Monate liefen gut für Assad und seine Verbündeten. Sie eroberten ein Rebellengebiet nach dem anderen zurück: Ost-Ghuta, Daraa, davor schon Homs und Aleppo. Idlib ist die letzte Region des Landes, die noch von Islamisten kontrolliert wird. Vorherrschend ist die Dschihadisten-Miliz Hayat Tahrir al-Sham, die aus der Al-Nusra-Front hervorgegangen ist. Neben ihr existieren aber auch andere Islamisten-Gruppen; vor kurzem erst schlossen sich sechs von ihnen zur „Nationalen Befreiungsfront“ zusammen. Manche Experten gehen von bis zu 100 000 Rebellen in der Region Idlib aus.

Schon in den nächsten Tagen könnte Assad losschlagen, der Ton wird jedenfalls schärfer. Syriens Außenminister Walid al-Muallem sagte, man werde „bis zum Ende“ gehen. Sein russischer Kollege Sergej Lawrow nannte die Aufständischen in Idlib ein „eiterndes Geschwür“, das man liquidieren müsse. Und Baschar al-Assad selbst schrieb vor einigen Wochen in einem Brief: „Der Zeitpunkt unseres Sieges ist nahe.“

Es sind solche Sätze, die die Angst befeuern. In der Region leben bis zu drei Millionen Menschen; die Hälfte davon sind Binnenflüchtlinge, die zuvor schon aus anderen Teilen Syriens vor Kämpfen fliehen mussten. Sie leben oft in Zelten, werden nur sporadisch versorgt. Die humanitäre Lage ist also ohnehin angespannt. „Diese Menschen sind jetzt eingekesselt“, sagt André Bank vom Hamburger Giga-Institut für Nahost-Studien. „Die Gefahr einer humanitären Katastrophe ist sehr real. Wir müssen mit zehntausenden Toten rechnen.“

Tatsächlich gehen Beobachter davon aus, dass die Kämpfe härter und unerbittlicher werden als in der Vergangenheit. „Es ist deutlich mehr Widerstand zu erwarten als in Ost-Ghuta oder Daraa“, sagt Bank. Das liegt an einem einfachen Umstand: Auch die Islamisten sind eingekesselt, in Syrien können sie nirgendwo mehr Zuflucht suchen. Schon jetzt gibt es Meldungen über tausende Zivilisten, die versuchen, aus Idlib zu fliehen. Die UN rechnen mit bis zu 800 000 Flüchtlingen.

Lesen Sie auch: Türkei will auf Syrien-Gipfel Plan vorstellen, um kampflos Kontrolle über Idlib zu erlangen 

Die wachsende Anspannung sorgt derzeit auch dafür, dass die großen Konflikte des Krieges noch einmal aufflackern. Die Spannungen mit Israel, das sich von iranischen Milizen in Syrien bedroht fühlt, wachsen wieder. Plötzlich zeigen auch die zuletzt arg defensiven USA wieder Interesse und warnen Assad vor einer Offensive. US-Präsident Donald Trump sagte am Mittwoch, die Vereinigten Staaten würden „sehr wütend werden“, sollte es zu einem „Gemetzel“ kommen. Falls Assad Giftgas einsetzen sollte, hieß es aus dem Weißen Haus, werde man „schnell und angemessen“ reagieren. Plötzlich stünde wieder eine Konfrontation mit Russland im Raum.

Die Einschätzungen hierzu gehen auseinander. Syrien-Experte André Bank hält die US-Drohungen für „heiße Luft“. Ganz anders sei die Sache aber mit der Türkei.

Sie ist in einer schwierigen Lage: Sollten Assad und Putin mit voller Härte zuschlagen und wie in der Vergangenheit Schulen, Krankenhäuser und Wohnblocks bombardieren, müsste das Nachbarland mit hunderttausenden zusätzlichen Flüchtlingen rechnen. Hinzu kommt, dass Idlib als „Deeskalationszone“ gilt, in der die Türkei für Ordnung sorgen soll. 1300 Soldaten sind dort stationiert. Seit Assad mit der Offensive droht, rüstet das türkische Militär seine zwölf Beobachtungsposten auf, schafft Panzer und Material heran. Was, wenn sich das Nato-Land und Russland gegenüberstünden?

Zwischen allen Stühlen sitzen die Zivilisten, die sich auf das Schlimmste vorbereiten. Ob die Türkei ihre Grenzen öffnen wird? Wohl nicht. Auch das Kurdengebiet weiter nördlich um Afrin kontrollieren die Türken. Für die Menschen gibt es keinen Ausweg.

Das Regime in Damaskus träumt derweil schon von einer Zeit danach. Es fordert Flüchtlinge auf, in andere, nicht mehr umkämpfte Landesteile zurückzukehren und versucht sich an einer Inszenierung von Normalität. Von der ist das Land aber noch weit entfernt. Sollte Idlib an Assad zurückfallen, sagt Syrien-Experte Bank, dann „tritt der Krieg in eine neue Phase ein“. Es könnten „Warlord-Strukturen“ entstehen, in denen sich kleine Konfliktgruppen bekämpfen. Außerdem wäre nach wie vor ungeklärt, was mit jenen Landesteilen passiert, die von Kurden oder Türken kontrolliert werden.

Doch erst Idlib. Ein Sprecher der Rebellengruppe Nationale Befreiungsfront sprach am Freitag von einem „Schicksalskampf“. Etwa zur gleichen Zeit gingen Menschen auf die Straße, um gegen die Offensive zu demonstrieren. „Ich bin ein Bürger Idlibs“, stand auf Bannern geschrieben. „Ich habe das Recht, in Würde zu leben.“

Marcus Mäckler

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