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US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un treffen sich am Dienstag.

Im Interview 

US-Experte erklärt Donald Trumps Twitter-Wutausbrüche

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Wie hängen US-Präsident Trumps Wutausbrüche auf Twitter mit dem historischen Nordkorea-Gipfel zusammen? US-Experte Prof. James Davis hat eine Erklärung. 

St. Gallen/Singapur - Die Welt schaut auf Singapur. Dienstag um 3 Uhr morgens unserer Zeit treffen sich US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un unter vier Augen – begleitet nur von ihren Dolmetschern. „Ich denke, es wird sehr gut laufen“, sagte Trump gestern bei einem Treffen mit Singapurs Regierungschef Lee Hsien Loong. Zuvor hatte Trump erklärt, er werde innerhalb der ersten Minuten wissen, ob Kim zu einer Einigung bereit sei. Die USA wollen, dass Nordkorea vollständig auf seine Atomwaffen und Interkontinentalraketen verzichtet. US-Außenminister Mike Pompeo stellte Kim im Gegenzug „beispiellose“ Sicherheitsgarantien in Aussicht. Der Politikwissenschaftler und US-Experte der tz, Prof. James Davis, erklärt, wie Trumps Twitter-Wutausbrüche gegen die westlichen Partner mit dem historischen Nordkorea-Gipfel zusammenhängen.

Wie kommt Trumps Brüskierung der G7 bei den US-Amerikanern an?

Prof. James Davis: Die Vertreter der US-Regierung haben in den Nachrichtensendern versucht, Trumps Verhalten als angemessene Reaktion auf die Äußerungen des kanadischen Premiers Trudeau darzustellen. Das kommt bei den Trump-Anhängern gut an – aber nicht bei der Mehrheit der Amerikaner.

Hat Trump mit seinem Wut-Tweet recht? Hat der kanadische Premier Trudeau ihm „in böser Absicht ein Messer in den Rücken gerammt“, wie es US-Handelsberater Peter Navarro formulierte?

Davis: Ich glaube nicht. Trump und seine Berater wollten auf dem Weg nach Singapur zum Gipfel mit Kim Jong Un als stark dastehen. Indem Trudeau gezeigt hat, dass er sich mit Rückgrat gegen Trumps Kurs stellen werde, stellte das den US-Präsidenten aber als schwach dar – das erklärt diese übertriebene Reaktion.

Als schwach dazustehen ist das eine – aber so hat Trump doch deutlich gemacht, dass ihm sogar Verträge, die er selbst unterzeichnet hat, egal sind. Ist das nicht fatal vor so einem schwierigen Treffen wie dem mit Kim?

Davis: Trumps Strategie ist extrem widersprüchlich. Er hat das Klimaabkommen und den Atom-Vertrag mit Iran aufgekündigt – und so gezeigt, dass das Wort der Amerikaner nichts wert ist. Man muss sich schon fragen, warum ein nordkoreanischer Diktator daran glauben sollte, dass das, was Trump heute sagt, morgen noch Gültigkeit haben soll.

Was erwarten Sie von dem historischen Treffen mit Kim?

Davis: Nicht allzu viel. Eine Vereinbarung, weitere Gespräche auf militärischer oder Menschenrechtsebene zu führen, wäre noch das Beste. Angst hätte ich vor einer radikalen Neuausrichtung der Beziehungen zu Nordkorea. Denn es hängen zu viele andere Staaten dran – die Folgen für die Japaner, Südkoreaner oder die Chinesen sind überhaupt noch nicht richtig durchdacht.

Ein bisschen hat man den Eindruck, dass der todkranke Republikaner John McCain der einzige US-Politiker ist, der wirklich diesem Trumpismus etwas entgegensetzt. Wo sind eigentlich die US-Demokraten?

Davis: Es gibt noch keinen Favoriten für die US-Präsidentschaftskandidatur, aber es gibt eine Reihe, die sich in Stellung bringen: Ex-US-Vizepräsident Joe Biden, der allerdings schon 75 ist. Bei den Jüngeren scheint es, als hätte die Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts vom linken Flügel der Partei Ambitionen. Aus Kalifornien meldet sich die junge Afroamerikanerin Kamalla Harris. Es gibt also eine Reihe von Figuren, aber noch keinen Favoriten. Aber auch bei den Republikanern gibt es zunehmend Widerstand – und möglicherweise Kandidaten, die bei den republikanischen Vorwahlen um die Präsidentschaftskandidatur gegen Trump antreten wollen. Entscheidend werden die Zwischenwahlen im November sein.

Aber derzeit steht Trump in den Umfragen doch gut da – er setzt ja durch, was er seinen Anhängern versprochen hat…

Davis: Ja, das honorieren seine Stammwähler. Aber die Frage ist, wie die etwas wohlhabenderen Republikanerinnen und Republikaner in den Vorstädten abstimmen werden. Gegen die protektionistische Politik gibt es große Widerstände, auch im Trump-Land. Und der demografische Wandel ist in den USA voll in Gang: Wenn die stark wachsende lateinamerikanische Gemeinde zu den Wahlen geht, könnte es eng werden für Trump.

Angela Merkel sagte: „Wir lassen uns nicht ein ums andere mal irgendwie über den Tisch ziehen.“ Aber was kann Europa eigentlich tun, ohne sich selbst zu schaden? Würden Sie der Kanzlerin zum verschärften Handelskrieg raten?

Davis: Bisher haben die Europäer sich klug verhalten, indem sie auf die Einhaltung der Regeln pochen und mit gezielten Nadelstichen Produkte in den US-Staaten mit Zöllen belegen, wo die Republikaner bei den Zwischenwahlen dadurch verlieren könnten. Trump versucht, alle auseinanderzudividieren, um dann getrennt mit Mexiko, Kanada oder Deutschland zu verhandeln. Deshalb muss die EU geschlossen auftreten, ebenso wie die amerikanischen NAFTA-Staaten.

Ist das Porzellan, das durch Trump in den deutsch-amerikanischen Beziehungen zerschlagen wurde, wieder zu kitten?

Davis: Jene Stimmen, die der Meinung sind, wir müssen Trump nur aussitzen, sind meiner Meinung nach viel zu optimistisch. Es wird nicht so sein, dass wir dann einfach wieder da anknüpfen können, wo wir unter Obama aufgehört haben. Die alte Ordnung wird sich nicht wiederherstellen lassen. Die Aufgabe für die Trump-Gegner wird sein, nach seiner Präsidentschaft eine neue Ordnung zu schaffen.

Alle Infos zum historischen Gipfeltreffen in unserem Newsticker: 

Trump vor Nordkorea-Gipfel - „Vorfreude liegt in der Luft“

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