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Auch nach dem NSU-Prozess bleibt Zschäpe ein Rätsel. Von den Morden und Anschlägen des NSU will sie erst im Nachhinein erfahren haben. Über das Leben im Untergrund und das Netzwerk des NSU schweigt Zschäpe beharrlich.

Nach 438 Verhandlungstagen

Vor Urteil im NSU-Prozess: Die Abrechnung

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    Andreas Thieme
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Der Jahrhundert-Prozess geht zu Ende! Am Mittwoch soll das Urteil gegen die NSU-Terrorzelle um Beate Zschäpe (43) fallen.

An 438 Tagen hat das Oberlandesgericht verhandelt, 765 Zeugen gehört und 66 Millionen Euro ausgegeben. Alles, um die Wahrheit über den rechten Terror herauszufinden. Mit Erfolg? Im großen tz-Report folgt die Abrechnung noch vor dem Urteil: Wir erklären die wichtigsten Zahlen, lassen einen Prozess-Experten und Angehörige zu Wort kommen, dazu gibt es wichtige Infos zu den Tätern und allen Opfern der erschreckenden Mordserie, die Deutschland erschüttert hat. 

Gerichtspräsident rechnete mit bis zu zweieinhalb Jahren Prozessdauer

Als der NSU-Prozess am 6. Mai 2013 am Oberlandesgericht München startete, waren die Erwartungen groß. Ein Mammutprozess stand dem Gericht bevor. Doch welches Ausmaß diese Verhandlung annehmen würde, war damals nicht vorstellbar…

„Ich rechne mit neun Monaten bis zweieinhalb Jahren“, sagte der damalige Präsident des Oberlandesgerichts auf die Frage, wie lange der Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre vier Mitangeklagten dauern würde. Über fünf Jahre nach Prozessbeginn wird der Vorsitzende Richter Manfred Götzl heute sein Urteil in diesem außergewöhnlichen Verfahren sprechen.

Die lange Prozessdauer hat mehrere Gründe. Da ist die schiere Menge der den Angeklagten vorgeworfenen Verbrechen: neun rassistisch motivierte Morde in ganz Deutschland, der Mord an einer deutschen Polizistin in Heilbronn, zwei Bombenanschläge und 15 Raubüberfälle. Die besondere Schwierigkeit: Bis heute gibt es keinen Beweis, dass die des Mordes angeklagte Beate Zschäpe an einem der Mord- oder Anschlags-Tatorte war. Deshalb musste das Gericht sich mit unzähligen Zeugenaussagen und Sachverständigengutachten ein Bild von der Lage machen.

Lesen Sie auch: Sieben Gründe, warum der NSU-Prozess so lange dauert

Am Ende sind dabei gut 1000 Ordner Prozessakten zusammengekommen, eine halbe Millionen Seiten sind hier abgeheftet. Darunter ist auch die 488-seitige Anklageschrift. Für die Prozessbeteiligten wurde das Verfahren auch zur Nervenschlacht. Fünf Angeklagte mit insgesamt 14 Verteidigern, aktuell noch 91 Nebenkläger mit 58 Anwälten – sie alle konnten Anträge stellen. Besonders die Angeklagten haben immer wieder Befangenheitsanträge gestellt. Diese müssen dann von anderen Richtern beurteilt werden und ziehen das Verfahren in die Länge.

Als „Hochamt der Zermürbung“ wurde der Mammutprozess deshalb auch bezeichnet. Mit unendlicher Geduld leitete Richter Götzl, der im kommenden Jahr in Pension geht, die Verhandlung, in der es auch darum ging, sämtliche rechtsstaatlichen Standards penibel einzuhalten und das Verfahren „revisionssicher“ zu gestalten.

Das hat sich der Staat Einiges kosten lassen. Gut 150 000 Euro soll jeder einzelne Prozess­tag Schätzungen zufolge gekostet haben. Die Zahl will das Oberlandesgericht zwar nicht bestätigen, aber allein die Kosten für Pflichtverteidiger und Nebenklage-Anwälte lagen insgesamt bei über 23 Millionen Euro. 

Die Terror-Zelle im Untergrund

Die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt (l.) und Uwe Mundlos (r.) waren 1998 nach einer Razzia gemeinsam mit Beate Zschäpe in den Untergrund abgetaucht. Mit einer Waffe vom Typ Ceska zogen Mundlos und Böhnhardt mordend durch die Republik. Im November 2011 haben sich Zschäpes Komplizen nach einem Banküberfall in Eisenach umgebracht.

Celal Özcan, Europa-Chef der Hürriyet

„Viele Fragen wurden nicht beantwortet“

Im Interview spricht Celal Özcan, Europa-Chef der Hürriyet, über den NSU-Prozess.

Sie haben den NSU-Prozess von Anfang an begleitet – an wie vielen Tagen waren Sie vor Gericht dabei?

Celal Özcan, Europa-Chef der türkischen Tageszeitung Hürriyet: Sehen Sie mir nach, dass ich bei insgesamt 438 Prozesstagen nicht mitgezählt habe. Aber die Mord-serie hat mich bereits von Anfang an beschäftigt, damals als Redakteur für Hürriyet in München.

Welchen Eindruck hatten Sie bei Ihren Besuchen im Gerichtsaal?

Özcan: Ich werde den ersten Prozess-tag nie vergessen. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist damals aufgetreten wie ein Star, sie konnte sich völlig frei bewegen. Es war eine große Enttäuschung, dass das in dieser Form möglich war – und dabei war bei ihr nicht mal ein Fünkchen Schuldgefühl zu spüren.

Haben Sie eine Veränderung in den Auftritten  Zschäpes erlebt?

Özcan: Über fünf Jahre sind seitdem vergangen, und man hat auch der Angeklagten eine gewisse Müdigkeit angesehen. Über die Zeit schien mir Zschäpe eine Art Schuldbewusstsein zu entwickeln, ohne aber die eigene Schuld und Beteiligung an den Taten zu akzeptieren.

Ist es in dem Prozess gelungen, die Taten des NSU aufklären?

Özcan: Bisher nicht. Das Gericht hat sehr sorgfältig gearbeitet und war über die Jahre sehr geduldig. Am Mittwoch werden die fünf Angeklagten ihr Urteil bekommen, aber gerade für die Familien der Opfer ging es um mehr. Sie wollten Antworten auf die Fragen, die sie tief bewegen. Das sind Fragen wie: Warum wurde mein Vater ermordet? Wie wurde er ermordet? Gibt es Helfer, die noch frei herumlaufen? Die Angehörigen hatten erwartet, dass Zschäpe spricht und die 300 Fragen, die die Nebenkläger über ihre Anwälte eingebracht haben, auch beantwortet. Das ist nicht passiert.

Wie wird der Prozess in der Türkei beobachtet?

Özcan: Am Anfang wollte man die türkische Presse vom Prozess ausschließen – das hat für große Empörung gesorgt. Der Verdacht war da, dass hier etwas verheimlicht werden soll. Heute überwiegt die Enttäuschung über die mangelnde Aufklärung.

Welche Fragen sehen Sie nach dem Prozess noch offen?

Özcan: Sehr viele! Nur ein Beispiel: Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in Dortmund umgebracht wurde, hatte in seinem Kiosk, in dem er ermordet wurde, eine Videokamera installiert. Ausgerechnet zur Tatzeit hat diese Kamera aber kein Bild aufgenommen. Es spricht vieles dafür, dass hier ortskundige Helfer beteiligt waren. Der Kiosk war in der Straße, in der ein stadtbekannter Neonazi wohnte, und nur 200 Meter entfernt war die Gaststätte Deutscher Hof, ein Treffpunkt der Dortmunder Neonazi-Szene. Diese Fragen wurden in dem Prozess nicht behandelt. Das gilt übrigens auch für die Rolle des hessischen Verfassungsschutzbeamten, der zum Zeitpunkt des letzten Mordes am Tatort in Kassel war. Nach dem Prozess müssen die drängenden Fragen geklärt und das Netzwerk der Helfer im Hintergrund aufgedeckt werden. Ansonsten wird es keine Ruhe für die Öffentlichkeit geben – und erst recht nicht für die Familien der Opfer.

Interview: Marc Kniepkamp

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