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Unterstützer der Zeitung Cumhuriyet demonstrieren vor dem Redaktionsgebäude.

„Wir ergeben uns nicht“

Redaktion der unterdrückten Cumhuriyet schreibt in deutschen Medien

München - Wenn es in der Türkei nur eingeschränkt geht, dann über den Umweg Deutschland: Journalisten der türkischen Cumhuriyet berichten in deutschen Medien über die Gängelung und Unterdrückung unter Erdogan. 

In der Türkei geht die Regierung unter Präsident Erdogan weiter mit unveränderter Härte gegen oppositionelle Medien vor. Im Fokus steht dabei die Zeitung "Cumhuriyet", gegen deren Herausgeber Akin Atalay nach seiner Festnahme Untersuchungshaft angeordnet wurde. Auf Initiative der Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“, Bascha Mika, berichten am „Writers-in-Prison-Day" die Journalisten der Cumhuriyet in einem Gastbeitrag von ihren Arbeitsbedingungen in der Türkei. Der Text wird von mehr als 30 deutschen Zeitungen und Online-Portalen veröffentlicht - auch auf Türkisch.

Operation überraschte „niemanden wirklich“

Aktion gegen die Pressefreiheit: Polizeikräfte vor der Redaktion.

„Es ist der 2. November 2016, der dritte Tag, nachdem 13 Journalisten und Manager von uns festgenommen worden sind. Wir Mitarbeiter versuchen, ruhig und gelassen zu bleiben. Es gilt eine Zeitung herauszubringen – egal, wie viele Kollegen inhaftiert sind“, mit diesen Worten beschreibt die Redaktion in ihrem Gastbeitrag die Lage nach der Inhaftierung einiger Kollegen. Und weiter: „Wir Mitarbeiter versammelten uns sofort in unserem "Haus". Schon in unseren ersten Gesprächen stellten wir fest, dass die Operation gegen die "Cumhuriyet" niemanden wirklich überrascht hatte. Weil die Regierung jeden, der ihr widerspricht, zum Schweigen bringen will. Darunter auch unsere Zeitung, wie wir seit Längerem bezeugen können.“

In der Türkei bleibt keine Freude ohne Strafe

Nach der Festnahme der Kollegen erfuhr Cumhuriyet-Redaktion angeblich vier Tage lang nichts über die Inhaftierten - trotz der Hilfe von Anwälten. Die Journalisten berichten: „Von unseren 13 Freunden, die am 5. November vor Gericht gebracht wurden, wurden vier unter Auflagen freigelassen. Dass sie gleich nach ihrer Freilassung nachts um 4 Uhr in die Zeitung kamen und dort von ihren wartenden Kollegen empfangen wurden, zeigt, wie sehr wir unserem Beruf verbunden sind. Aber in der Türkei bleibt keine Freude ohne Strafe. Denn unsere übrigen festgenommenen Freunde wurden von Freitagnacht bis Samstagmorgen im größten Gerichtspalast Europas, dem Çalayan-Gerichtsgebäude, von einem Richter befragt. Am Ende wurden sie verhaftet und nach Silivri gebracht, das man als Europas größtes Gefängnis rühmt. So hat sich die Zahl der in der Türkei inhaftierten Journalisten auf 142 erhöht.“

Stolz auf Solidarität

Bascha Mika von der „Frankfurter Rundschau“ initierte den Gastbeitrag.

Stolz sind die Cumhuriyet-Journalisten auf die Solidarität, die ihnen entgegengebracht wird. Besucher bringen Kaffee und Kuchen in die Redaktion, Studenten, Politiker, Künstler und vor allem Leser „strömten zu unserer Zentrale in Istanbul und unserem Büro in Ankara“. Und: „Die Kollegen, die sich schon am ersten Tag versammelt haben, ihre "Journalisten-Mahnwache" für die "Cumhuriyet", sind die Garantie für Meinungsfreiheit.“ Der Appell der Redaktion ist eindringlich: „Wir Bürger dieses Landes brauchen die Meinungs- und Pressefreiheit, die für jedes demokratische Land unverzichtbar ist. (...) Unsere Arbeit ist schwer, der Druck ist groß, die Bedrohungen ernst. Aber nichts davon wird uns abhalten. Die Nachricht unseres Chefredakteurs Murat Sabuncu, die er aus der Haft geschickt und damit unsere Augen mit Tränen gefüllt hat, ist eigentlich der Grundsatz von jedem, der bei der "Cumhuriyet" arbeitet: "Wir werden uns nur unserem Volk und unseren Lesern beugen."

Lesen Sie hier den kompletten Gastbeitrag bei den Kollegen der Frankfurter Rundschau. Eine Übersetzung ins Türkische findet sich unter anderem bei „Spiegel Online“

mb

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