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Ein Roter, weit unten: Peer Steinbrück kämpft mit miesen Werten in Umfragen.

SPD in der Krise

Vorwärts mit Steinbrück – irgendwie

Berlin – Ruhe sei jetzt oberstes Gebot, betont die SPD. Man dürfe sich von Umfragen nicht kirre machen lassen. Die Partei will keine Zweifel aufkommen lassen, dass sie die Kanzlerkandidatur mit Peer Steinbrück durchziehen wird. Auch mangels Alternative.

Manuela Schwesig schweigt und greift erst mal zum Wasserglas. Die SPD-Vizevorsitzende trinkt einen Schluck, sagt dann: „Ich nehme die Frage noch mal mit und denke darüber nach.“ Ob sie in ihrer Partei eine Rebellion oder eine Depression fürchte, wenn es mit dem rot-grünen Wahlsieg in Niedersachsen am 20. Januar doch nicht klappen sollte, war sie gefragt worden. Auch wenn es kaum jemand offen sagt: Die SPD fürchtet einen Peer-Steinbrück-Malus.

Der Kanzlerkandidat ist am Freitag auch beim Abschluss der Fraktionsklausur im Berliner Reichstag dabei. Auf einer Anzeige im Hintergrund werden sogar die Stunden bis zum möglichen Regierungswechsel heruntergezählt. Kann Steinbrück das noch schaffen? Nach Angaben von Teilnehmern beschönigt er nichts, mahnt aber zur Besonnenheit. Er will weitere Fehltritte vermeiden. Inhalte, Inhalte, Inhalte, heißt die Devise. „Er hat Nehmer- und Steherqualitäten“, wird betont.

Die kann Steinbrück gerade brauchen. Pünktlich zum 66. Geburtstag hatte er am Donnerstag miese Zahlen serviert bekommen. Laut ARD-„Deutschlandtrend“ liegt er im direkten Vergleich inzwischen mit 30:55 Prozent Welten hinter Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Nur 36 Prozent schätzen seine Arbeit, das ist weniger als beim lange Zeit unbeliebten Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Am Freitag kam es im ZDF-„Politbarometer“ noch schlimmer: 25:65 hinten. Merkel vorn. Selbst unter SPD-Anhängern wollen ihn nur noch 63 Prozent lieber als Kanzler. „Das sind Umfragen, die immer besser werden“, stöhnt Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann.

Diese Woche startete die SPD zwar eine inhaltliche Offensive. Doch die Vorstöße für mehr Kindergeld für Eltern mit kleineren Einkommen und eine Mietpreisbremse drohen schon wieder in den Hintergrund zu rücken. In der Partei heißt es, die Medien würden einige Dinge bei Steinbrück über Gebühr zuspitzen. „Bundespolitisch bekommen wir derzeit nicht gerade Rückenwind“, sagte Bayerns SPD-Chef Florian Pronold unserer Zeitung. „Natürlich ist das, was da gegen Peer Steinbrück läuft, eine Kampagne. Aber leider müssen wir feststellen, dass sie verfängt.“

Selber schuld, bemerken Experten. „Er hat einfach eine extrem negative Presse und ist nicht unbeteiligt daran“, analysiert der renommierte Politik-Professor Jürgen Falter. „Erst die Honorare, dann der Frauenbonus von Merkel, die Forderung nach einem höheren Kanzlergehalt. Dass jemand, der einen Mindestlohn fordert, nicht unbedingt wahnsinnig glaubhaft ist, wenn er so hohe Honorare kassiert, ist naheliegend.“ Steinbrück sei „kein überzeugender Vertreter eines Gerechtigkeitswahlkampfs, wie ihn die SPD führen will“. Falls Niedersachsen für Rot-Grün nicht gewonnen werde, prognostiziert Falter, „wird man einen Sündenbock suchen. Und einige werden sagen: Peer Steinbrück war ein Fehlgriff.“

Alternativen aber – nicht in Sicht. Hannelore Kraft, absoluter Liebling der Partei, hat sich fest NRW verschrieben. Fraktionschef Steinmeier wollte zuletzt schon nicht, so dass fast nur Parteichef Gabriel übrig bliebe – der aber war schon früher nicht sonderlich beliebt.

In der Fraktion regiert nun eine Mischung aus Enttäuschung, Kampfgeist, Trotz, Galgenhumor und demonstrativer Gelassenheit. Umfragen sind zwar nur Momentaufnahmen, die Intervalle beim Auf und Ab werden immer kürzer. Aber ein Wert ist bedenklich: die Glaubwürdigkeit. Nur 36 Prozent glauben laut ARD-Umfrage, dass Steinbrück, der Nebenverdienst-Millionär, sich mehr als Merkel für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Und genau dieses Thema soll doch im 150. Jahr des Bestehens der Partei im Mittelpunkt des SPD-Bundestagswahlkampfs stehen. Der einzige Trost: Lieber jetzt im Tief stecken als im Sommer.

Georg Ismar, Mike Schier und Marcus Mäckler

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