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Linke vor Spaltung? Wagenknecht dementiert nur halbherzig – SPD wirbt schon um Partei-Überreste

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Von: Florian Naumann

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Deutschland breche einen Wirtschaftskrieg gegen Putins Russland vom Zaun - Sahra Wagenknechts Rede plagt die Linke. Die Konkurrenz scheint sich schon die Hände zu reiben.

Köln/München – Die Linke steckt in Schwierigkeiten: Schon bei der Bundestagswahl wäre die Partei um Haaresbreite aus dem Bundestag gefallen. Nun bringt das einstige Aushängeschild Sahra Wagenknecht ihre Genossen in die Bredouille. Eine vielfach kritisierte Bundestags-Rede gegen die Russland-Sanktionen droht die Linke zu spalten. Am Freitag (16. September) hat Wagenknecht die Sorgen weiter befeuert. Die SPD bereitet sich angesichts dessen schon darauf vor, Überreste der zerstrittenen Konkurrenz im linken Lager zu übernehmen.

Sahra Wagenknecht: Linke-Promis werfen nach Russland-Rede das Handtuch – sie hat kein „Verständnis“

Blick nach rechts? Sahra Wagenknecht polarisiert in der eigenen Partei.
Blick nach rechts? Sahra Wagenknecht polarisiert in der eigenen Partei. © IMAGO/Emmanuele Contini

Wagenknecht hatte die Ampel-Koalition im Bundestagsplenum als „dümmste Regierung Europas“ gerüffelt. Das an sich wäre wohl kein Problem für die Linke gewesen. Die konkreten Vorwürfe stießen allerdings auch vielen Parteifreunden übel auf. Deutschland breche „einen beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten vom Zaun“, rief Wagenknecht in ihrer Rede. Sie forderte ein Ende der Sanktionen gegen den russischen Staat – und erhielt Applaus nicht zuletzt von der AfD.

Die Folge: Ein Aufschrei auch in der eigenen Partei. Und Austritte mindestens zweier Polit-Promis. Linke-Finanzexperte Fabio de Masi und Soziallobbyist Ulrich Schneider warfen das Handtuch. Wagenknecht zeigte sich darüber nun in einem Interview demonstrativ verwundert. Und dementierte eigene Abspaltungs-Ambitionen bestenfalls halbherzig.

Spaltet Wagenknecht die Linke? „Aktuell bin ich Mitglied“

Applaus von den Fraktionschefs: Sahra Wagenknecht nach ihrer umstrittenen Bundestagsrede.
Applaus von den Fraktionschefs der Linken: Sahra Wagenknecht nach ihrer umstrittenen Bundestagsrede. © IMAGO/Jean MW

„Dafür fehlt mir jedes Verständnis“, sagte Wagenknecht in einem Podcast des Kölner Stadt-Anzeiger mit Blick auf Schneiders Abgang. Gemeinsame Sache mit dem rechten Spektrum mache sie keinesfalls: „Was ist daran rechtspopulistisch, wenn man sagt, wir dürfen nicht Millionen Menschen in die Armut stürzen?“, fragte die frühere Linke-Fraktionschefin rhetorisch.

Genau das hatten ihr Genossen aber in einem offenen Brief unter dem Titel „Es reicht!“ vorgeworfen. Die Gruppe forderte den Ausschluss Wagenknechts aus der Bundestagsfraktion. Die Partei- und Fraktionsspitzen folgten der Forderung bislang nicht. Stattdessen appellierten sie an die Geschlossenheit der Linken. Wohl auch, wie viele Kommentatoren argwöhnen, um Wagenknecht keine Gründe für einen Ausstieg zu geben – die Politikerin hatte schon vor einigen Jahren mit der Gründung des Bündnisses „Aufstehen“ entsprechende Sorgen geweckt. Eine Spaltung könnte für die ohnehin in Umfragen taumelnde Linke der vorläufige Todesstoß sein.

Wagenknecht trat aber auch in dem Interview lange schwelenden Spekulationen über einen Abgang kaum entgegen. „Aktuell bin ich Mitglied der Linken“, erklärte sie.

Linke in Turbulenzen: SPD wirbt nun sogar um Bundestags-Abgeordnete

Die SPD öffnet unterdessen demonstrativ ihre Arme für Unzufriedene. „Ich freue mich über jeden, der für soziale Gerechtigkeit eintritt und seine Zukunft in der SPD sieht“, sagte die Bundestagsabgeordnete und Juso-Chefin Jessica Rosenthal dem Spiegel. „Wir können jeden klugen Kopf brauchen.“ Sie freue sich „über jeden, der sich meldet“.

Der Münchner Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff ging an selber Stelle sogar noch einen Schritt weiter und warb indirekt um Mandatsträger der Linken. Es gebe eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen bei der Linken, „mit denen ich gut zusammenarbeite und die sicher gut in die SPD-Fraktion passen würden“, sagte Roloff dem Nachrichtenmagazin. „Die Vernünftigen, die für soziale und progressive Politik streiten, würde ich daher auch willkommen heißen.“ Sollten tatsächlich Abgeordnete überlaufen, es wäre ein kleiner historischer Treppenwitz – schließlich war die Linke auch von früheren SPD-Politikern aus der Taufe gehoben worden.

Auf einen inhaltlichen Deeskalationskurs Wagenknechts darf die Linke wohl einstweilen nicht hoffen. Die Ehefrau des mittlerweile ausgetretenen Linke-Mitgründers Oskar Lafontaine untermauerte ihren Russlandkurs im Gespräch mit dem Kölner Stadt-Anzeiger. „Dass wir unsere Bäcker und Handwerker in die Pleite schicken, ist keine Hilfe für die Ukraine“, betonte sie. „Was wir jetzt kaputt machen, kommt nicht wieder. Niemand konnte mir bislang plausibel erklären, wieso wir dadurch der Ukraine helfen.“

Auch der prominente Linke Klaus Ernst hatte Wagenknecht zuletzt im Talk „Sandra Maischberger“ verteidigt, wie schon bei einer Zwischenfrage im Bundestag unmittelbar nach Wagenknechts Rede – der innerparteiliche Gegner eine „Täter-Opfer-Umkehr“ und „parteischädigende Wirkung“ attestierten. Allein auf weiter Flur steht Wagenknecht also auch nicht. Es scheint ein tiefer Riss durch die Partei zu gehen. (fn mit Material von AFP)

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