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Die Drei im Fokus: Heinz-Christian Strache, Christian Kern und Sebastian Kurz (v.l.n.r.) 

Umfragen und Ausblick

Wahl 2017 in Österreich: Fieser Wahlkampf, flaues TV-Duell: Wer wird jetzt Kanzler?

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Der Wahlkampf in Österreich hat viele Wähler frustriert - TV-Duell inklusive. Doch auch die Nationalratswahl 2017 könnte unliebsame Überraschungen bringen...

Update vom 15. Oktober 2017: Die aktuelle Entwicklung finden Sie im Live-Ticker zur Wahl 2017 in Österreich.

Wien/München - Was Deutschland gerade erst hinter sich gebracht hat, steht Österreich am Sonntag bevor: 6,4 Millionen Menschen sind zur Parlamentswahl an die Urnen gerufen. 

In Feststimmung sind allerdings wenige Österreicher. Der Wahlkampf im Nachbarland war teils zu einer unwürdigen Schlammschlacht mutiert - das letzte TV-Duell am Donnerstag hingegen zu einer eher faden Veranstaltung. Und das Wahlergebnis könnte die nächsten massiven Probleme bringen. Von der Koalitions-Hängepartie bis zum Rechtsrutsch.

Die wichtigsten Informationen kurz vor der Österreich-Wahl im Überblick:

Wahl 2017 in Österreich: So lief das finale TV-Duell am Donnerstag

Die Stimmung: Hysterisch, schmutzig, aggressiv. Monatelang hatten sich Österreichs Parteien im Wahlkampf bekriegt. Ob das beim Wähler so gut ankam, ist fraglich. Und so zeigten sich die Protagonisten von Kanzler Christian Kern (SPÖ) über Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) bis zum rechtspopulistischen Herausforderer Heinz-Christian Strache (FPÖ) beim finalen Duell am Donnerstag zahm: Man hörte einander weitgehend geduldig zu - der Chef der liberalen NEOS, Matthias Strolz, verlieh sogar seinen Kugelschreiber an Strache. Die Noch-Koalitionspartner Kurz und Kern lieferten sich aber auch Wortgefechte.

Die Inhalte: Alle Beteiligten bemühten sich, den Fokus auf Inhalte zu lenken. Anders als in Deutschland vor zwei Monaten verengte sich die Debatte auch nicht allein auf Flüchtlingspolitik - auch wenn Strache das Thema vor der Nationalratswahl 2017 als Kernpunkt der FPÖ-Politik postulierte. SPÖ-Mann Kern setzte auf Maßnahmen zur Vollbeschäftigung, Kurz auf „soziale Sicherheit“ mittels Deregulierung für Unternehmer und neuer Jobs. Die Grünen hoben das Thema Klimaschutz aufs Tapet. Die Neos profilierten sich über Bildung und Entbürokratisierung.

Die größten Übereinstimmungen vor der Nationalratswahl: Stark auf einer Linie zeigten sich ÖVP, FPÖ und Neos in Sachen Wirtschaftspolitik - bürokratische Hürden und Regulierungen müssten weichen, waren sich die Parteien im Grunde einig. Auch beim Thema Flüchtlingspolitik zeigten ÖVP, FPÖ und Neos eine ähnliche Stoßrichtung. „Wer sich illegal auf den Weg zu uns macht, darf keine Chance auf einen Asylantrag haben“, sagte Kurz - „es braucht ein System, das kein Magnet für illegale Zuwanderung ist“, betonte Strache. Kern zeigte sich etwas gemäßigter. Offenbar wurde dennoch, dass die FPÖ hier die Kontrahenten vor sich getrieben und auf einen ähnlichen Kurs gezogen hatte.

Das brachten die Einzel-Duelle: Die TV-Runde mit den großen fünf Parteien war in Österreich nur das Finale eines langen Fernseh-Marathons vor der Nationalratswahl 2017. Bereits zuvor waren immer wieder „Zweikämpfe“ abgehalten worden. Am Dienstag waren Kurz und Strache im Einzelduell gegeneinander angetreten. Trotz augenscheinlich großer Übereinstimmungen - Kurz forderte ein Ende der „illegalen Einwanderung“, Strache eines der „Einwanderung“ an sich - zofften sich die Politiker kräftig. Experten sahen Kurz als knappen Sieger. Am Sonntag und Mittwoch waren Kurz und Kern zu sehen. Kanzler Kern trieb Kurz mit dem Vorwurf zu großer Wirtschaftsnähe in die Enge - Kurz konterte, die SPÖ plane schon ein Bündnis mit der FPÖ. Beim Sonntagsduell sah in einer Umfrage die Mehrheit der Österreicher Kurz als Sieger.

Wahl 2017 in Österreich: Darum war der Wahlkampf so schmutzig

Dirty Campaigning“ ist das große Schlagwort des Wahlkampf-Schlussspurts in Österreich. Die Zeitungen Presse und Profil berichteten Anfang des Monats, ein SPÖ-Berater habe auf zwei Facebook-Seiten („Die Wahrheit über Sebastian Kurz“, sowie eine Fake-Page namens „Wir für Sebastian Kurz“) eine Schmutzkampagne gegen ÖVP-Kandidat Kurz gestartet. Der Wahlkampfleiter der Sozialdemokraten, Georg Niedermühlbichler trat daraufhin zurück. Mit dem mittlerweile wegen Geldwäsche-Vorwürfen festgenommenen Tal Silberstein soll sich die SPÖ zwischenzeitlich einen Experten für „Dirty Campaigning“ ins Boot geholt haben.

Auch gegen die ÖVP wurden aber Vorwürfe erhoben. Der Wiener PR-Berater Peter Puller behauptet, die ÖVP habe ihm Geld geboten, um an Informationen aus dem SPÖ-Wahlkampf zu kommen. „Ich bekam im Juli vom Büro von Sebastian Kurz 100.000 Euro angeboten, wenn ich die Seiten wechsle“, sagte er und legte eine SMS-Konversation als Beleg vor, die die Zeitung Profil veröffentlichte. Die Konservativen bestreiten seine Darstellung. In einem Bericht der Zeitung Österreich scheinen jedenfalls tatsächlich Interna aus der SPÖ zu Tage gekommen zu sein. Und kurioserweise gibt es mittlerweile auch eine Facebook-Page mit dem Titel „Die Wahrheit über Christian Kern“ - auch zu ihr laufen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Als einer der Gewinner der Schlammschlacht gilt die FPÖ - vom Wahlkampf als einem „Freudenfest“ für die Partei schrieb Der Standard. Auch deren Spitzenkandidat H.C. Strache bekam zuletzt aber einige Breitseiten und Enthüllungen verpasst. So berichtete die Süddeutsche Zeitung, Strache sei bis in die 90er-Jahre hinein in der Neonazi-Szene aktiv gewesen.

Vor der Österreich-Wahl 2017: Das sagen die letzten Umfragen

In einer bislang letzten Umfrage des Instituts Research Affairs (im Auftrag der Boulevardzeitung Österreich) liegt die ÖVP klar vorne: 37 Prozent bedeuten einen klaren Vorsprung auf FPÖ (27 Prozent) und SPÖ (23 Prozent) - die rechtsgerichtete FPÖ würde demnach zeitstärkste Kraft. Neos, Grüne und das Wahlbündnis „Liste Pilz“ des früheren Grünen Peter Pilz liegen allesamt bei 5 bis 6 Prozent.

Wir haben bereits alle Umfragen zur Nationalratswahl 2017 in Österreich zusammengefasst.

Nach der Wahl 2017: Das sind die möglichen Regierungskoalitionen in Österreich

Klar ist nur so viel: Vermutlich werden die „großen Drei“ die Koalition unter sich ausmachen. Sowohl ÖVP und SPÖ, als auch ÖVP und FPÖ und SPÖ und FPÖ werden wohl ausreichend Sitze haben, um miteinander stabile Zweier-Bündnisse zu schmieden. Stabil zumindest im Hinblick auf die Mehrheitsverhältnisse zum Start der Regierung. In der vergangenen Legislaturperiode traten satte 15 Abgeordnete aus ihren jeweiligen Fraktionen aus.

Ansonsten gilt: Alles und nichts scheint möglich. Im letzten Duell vermieden die Parteien klare Koalitionsaussagen. Die These, der Konkurrent strebe ein Bündnis mit der FPÖ an, diente im Wahlkampf zwar als Vorwurf - ein „No Go“ ist eine solche Option für die Parteien aber kaum. Berichte über eine Nazi-Vergangenheit Straches hin oder her. Ganz anders als in Deutschland also, wo die etablierten Politiker schnell ein Bündnis mit der AfD ausschlossen.

Schwierig ist die Lage für eine neuerliche ÖVP-SPÖ-Koalition. Die letzte Auflage war ohnehin gescheitert. Und nach der Schlammschlacht im Wahlkampf gelten Kurz und Kern als politische Feinde. Um die Parteien wieder in ein Bündnis zu bringen, müsste einer der beiden wohl weichen - nach dem aktuellen Umfragestand vermutlich Kern.

Ein Bündnis aus SPÖ und FPÖ ist wiederum nicht ausgeschlossen - aber ebenfalls nicht unproblematisch. "Wir haben heute klar bewiesen, dass uns Welten trennen", sagte Kern nach dem TV-Duell gegen Strache. Teile der Sozialdemokraten hegen große Ressentiments gegen die Rechtspopulisten. Die Koalition hätte zudem die knappeste Stimmenmehrheit der drei Varianten.

ÖVP und FPÖ besitzen wesentlich größere inhaltliche Schnittmengen. Beim Thema Flüchtlingspolitik ist Kurz weitgehend auf Straches Kurs eingeschwenkt und auch wirtschaftspolitisch verfolgend FPÖ und ÖVP ähnliche Ziele: Steuersenkungen sowie „Zuckerl“ für die österreichischen Unternehmer stehen hoch auf der Agenda. Sollten kleinere Parteien doch an der 4-Prozent-Hürde scheitern, könnte das schwarz-blaue Bündnis sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Nationalrat einheimsen. Dann drohen allerdings neue Probleme - denn nicht alle markigen Forderungen Straches ließen sich mit EU-Recht vereinbaren. Vor allem bei der Aufnahme von Asylbewerbern und Sozialleistungen für Ausländer könnte der FPÖ-Chef auf Kollisionskurs geraten.

Kern, Kurz, Strache: Wer wird nach der Wahl 2017 Kanzler in Österreich?

Drei Parteien ringen um eine Regierungsbeteiligung. Aber das Kanzler-Rennen in Österreich scheint trotzdem fast schon vorentschieden: Wenn sich nicht SPÖ und FPÖ etwas überraschend einigen, dann bleibt Sebastian Kurz Favorit auf den Posten als Regierungschef. Der Außenminister könnte im zarten Alter von 31 Jahren den Sprung nach ganz oben schaffen. In jeder Koalition mit ÖVP-Beteiligung wäre er der designierte Chef.

Schlecht sieht es für Amtsinhaber Kern aus. „Die Entscheidung wird sein, ob Herr Strache Kanzler wird, oder ob ich das sein darf“, betonte Kurz bereits bei einem der vielen TV-Duelle - etwas vollmundig, aber durchaus realistisch. Denn dass die SPÖ doch noch zweitstärkste Kraft wird, scheint fraglich. Und noch unwahrscheinlicher wirkt, dass sie der FPÖ als Juniorpartner den Kanzlerposten abnehmen würde.

So ist anzunehmen, dass Kurz das doppelte Kunststück gelingt: Mit Anfang 30 Kanzler - und als langjähriges Regierungsmitglied plötzlich Hoffnungsträger für einen Kurswechsel. Martin Schulz war das mit der SPD nicht gelungen. Obwohl er nicht einmal in der Regierungspolitik in Berlin beteiligt war.

Übrigens: Wir haben bereits zusammengefasst, wie Sie die Berichte zur Nationalratswahl in Österreich am Sonntag live im TV und im Livestream sehen können.

fn

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