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Emmanuel Macron.

Strahlender Sieger

Wahl in Frankreich: "Macronmania" an der Wahlurne

Wieder einmal heißt der strahlende Sieger Emmanuel Macron. Einen Monat nach seinem Erfolg bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich hat er bei der Parlamentswahl einen weiteren Erdrutschsieg eingefahren.

Aus dem Stand wurde die junge Bewegung von Emmanuel Macron La République en Marche im ersten Wahlgang mit Abstand stärkste Kraft. Bei der zweiten Runde am kommenden Sonntag winkt dem Präsidenten eine satte absolute Mehrheit. Macron scheint alles zu gelingen - die traditionellen Volksparteien schlittern dagegen immer tiefer in die Krise.Von einer "Flutwelle" und einem "Meisterstück" sprachen französische Zeitungen am Montag: 32 Prozent bekam La République en Marche zusammen mit der verbündeten Zentrumspartei MoDem. Schon das ist ein unglaublicher Erfolg für die Bewegung, die vor etwas über einem Jahr wie ein politisches Start-up gegründet wurde.

Das wahre Ausmaß des politischen Erdbebens machen die Berechnungen für den zweiten Wahlgang deutlich: Das Präsidentenlager kann demnach am kommenden Sonntag mehr als 400 der 577 Abgeordnetenmandate erobern - das liegt weit über der absoluten Mehrheit von 289 Sitzen.

In unserem Live-Ticker zur Wahl in Frankreich erfahren Sie alle Neuigkeiten nach dem ersten Wahlgang. 

Noch vor wenigen Wochen hätte das kaum einer für möglich gehalten. Wie sollten die Kandidaten von Macrons Bewegung - häufig vollkommen unerfahrene Quereinsteiger - gegen die in ihren Wahlkreisen fest verankerten Politiker anderer Parteien gewinnen?

Doch die Welle, die den charismatischen Jung-Politiker in den Elysée-Palast getragen hat, überrollt weiter Frankreich. Das Argument des politischen Neuanfangs hat gezogen. Und die Franzosen scheinen entschlossen, ihrem ehrgeizigen Präsidenten die Regierungsmehrheit zu geben, die er für seine sozialliberale Reformagenda braucht.

Die Franzosen honorieren damit auch die gute Figur, die Macron in seinen ersten Wochen im Amt abgegeben hat: Der junge Präsident bildete mit viel politischem Geschick eine parteiübergreifende Regierung, in die er Konservative und Sozialisten einband. Auf internationalem Parkett trat der außenpolitisch eher unerfahrene 39-Jährige souverän auf und gab mit beinahe schon unverschämten Selbstbewusstsein den abgeklärten Staatsmann.

Bilder: Hoffnung und Erleichterung nach Macrons Wahlerfolg

Der Wahlerfolg vom Sonntag verleiht Macron neuen Auftrieb, die vielzitierte "Macronmania" hat ein neues Level erreicht. "Kann er über Wasser laufen?" fragte ein Fernsehmoderator am Sonntagabend ungläubig. Regierungssprecher Christophe Castaner mahnte sofort, nicht die Bodenhaftung zu verlieren: "Es ist noch nichts entschieden, wir müssen mobilisiert bleiben."

Doch La République en Marche hat sich mit dem ersten Wahlgang eine perfekte Ausgangsbasis geschaffen - und die anderen Parteien zu bloßen Nebendarstellern degradiert. Denn die Traditionsparteien erlebten am Sonntag ein Debakel.

Die Konservativen landeten mit knapp 22 Prozent weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz und dürften in der neuen Nationalversammlung nur rund 100 Abgeordnete stellen. Die Sozialisten von Ex-Staatschef François Hollande kamen sogar auf unter zehn Prozent. Prognosen sagen ihnen weniger als 40 Abgeordnete voraus - eine historische Klatsche. Auch die rechtspopulistische Front National (FN) von Marine Le Pen schnitt schlecht ab und kann auf nur eine Handvoll Abgeordnete setzen.

Der vor drei Jahren noch vollkommen unbekannte Macron hat eine weitere Wette gewonnen und das französische Parteiensystem gesprengt. Einziger Wermutstropfen für den Präsidenten: Die Wahlbeteiligung erreichte mit knapp 49 Prozent einen historischen Tiefstwert.

Bei den Franzosen macht sich im Superwahljahr 2017 erkennbar Wahlmüdigkeit breit. Wenig motivierend war vermutlich zudem, dass es vor der Parlamentswahl wenig Spannung gegeben hatte - der klare Macron-Sieg hatte sich abgezeichnet.

Mit einer breiten Parlamentsmehrheit im Rücken wird der Staatschef seine Reformvorhaben durchsetzen können. Der frühere Wirtschaftsminister will unter anderem das Arbeitsrecht lockern. Eine starke Opposition in der Nationalversammlung wird er nicht fürchten müssen. Der wahre Widerstand könnte von der Straße kommen.

AFP

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