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Ergebnis fast verdreifacht: Grüne stürmen zu NRW-Rekord - das hat gleich mehrere Gründe

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Von: Bettina Menzel

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Die NRW-Spitzenkandidatin Mona Neubaur (2.v.r) freut sich zusammen mit dem NRW-Grünen-Chef Felix Banaszak (3.v.r.) und weiteren Kollegen nach den ersten Prognosen am Sonntag (15.5.) bei der Wahlparty der Grünen. © picture alliance/dpa | Friso Gentsch

Die Grünen erzielen das beste NRW-Ergebnis ihrer Parteigeschichte und senden damit ein starkes Signal nach Berlin. Erste Umfragen zeigen mögliche Gründe für den Erfolg.

Düsseldorf – Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen haben die Grünen am Sonntag Hochrechnungen zufolge ein Rekordergebnis von rund 18,1 Prozent eingefahren. Für das historisch beste Wahlergebnis in NRW finden die Umfrage-Experten offenbar schon erste Erklärungen: Das Plus der Grünen lässt sich ihnen zufolge mit spezifischer Sachkompetenz, gewachsener Reputation und der Performance der Partei im Bund erklären. Auch inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen SPD und CDU spielten den Grünen wohl in die Karten.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: Grünen erzielen historisch bestes Wahlergebnis

Wahlkampf - Landtagswahl Nordrhein-Westfalen Wahlplakat von Mona Neubaur, Spitzenkandidatin der Grünen in NRW. Die Grünen erzielten bei der Landtagswahl 2022 ein Rekordergebnis.
Wahlplakat von Mona Neubaur, Spitzenkandidatin der Grünen in NRW. Die Grünen erzielten bei der Landtagswahl 2022 ein Rekordergebnis. ©  Rüdiger Wölk / Imago

Hochrechnungen von ARD und ZDF zufolge konnten die Grünen ihren Stimmenanteil der letzten Landtagswahl fast verdreifachen. Bei der vorausgegangenen Landtagswahl 2017 hatte die Partei 6,4 Prozent der Stimmen erhalten.

Interessant ist, wer der grünen Partei bei dieser Wahl die Stimmen bescherte: Rund 160.000 Bürger, die noch 2017 die CDU wählten, entschieden sich laut einer Wählerwanderungsanalyse der Forschungsgruppe Wahlen 2022 für die Grünen. 330.000 Stimmen wanderten von der SPD ab. 240.000 Menschen, die vor fünf Jahren gar nicht zur Wahl gingen, stimmten 2022 für grün. Weitere 280.000 Stimmen kamen von anderen Parteien, wie die Forschungsgruppe Wahlen ermittelte.

„Was für ein Ergebnis, was für ein Vertrauensvorschuss für uns Grüne in Nordrhein-Westfalen“, sagte die Grünen-Spitzenkandidatin Mona Neubaur im Interview mit dem TV-Sender Phoenix am Sonntag. „Unser Wahlziel war, dass in Nordrhein-Westfalen eine prägende Regierungsbeteiligung mit den Grünen erfolgt und nicht ohne sie - das ist uns gelungen, zusammen mit dem historisch besten Wahlergebnis, wofür ich mich bei den Menschen in NRW bedanken möchte.“ Das gute Ergebnis der Grünen scheint - zumindest was die Wählerstruktur angeht - Zukunft zu haben. Denn besonders die jungen Wähler entschieden sich für grüne Politik: Bei den unter 30-Jährigen lagen die Grünen (25 Prozent) vor der SPD (21 Prozent) und der CDU (18 Prozent). Allerdings war die Wahlbeteiligung in NRW ersten Daten zufolge wohl historisch niedrig: Nach der Auszählung von 85 der insgesamt 128 Wahlkreise am Sonntagabend lag die Wahlbeteiligung bei 55,0 Prozent.

Gründe für Rekordergebnis der Grünen in NRW: Sachkompetenz und gestiegenes Ansehen

Sachkompetenz schrieben die Wähler den Grünen laut Forschungsgruppe Wahlen beim Thema Bildung und Schule zu - hier überzeugten übrigens auch die SPD und CDU. Zu diesem Ergebnis kam das Institut bei einer Umfrage im Auftrag des ZDF in der Vorwahlwoche und an den Wahllokalen am Sonntag. Beim Thema Energiepolitik sowie dem in NRW ebenfalls sehr wichtigen Thema Verkehr führten die Grünen deutlich vor allen anderen Parteien.

Die Forschungsgruppe Wahlen untersuchte zudem die Reputation der Parteien in NRW. Die Grünen waren hier die einzigen, die einen deutlichen Zugewinn zu verzeichnen hatten. Ihr Ansehen stieg von 0,0 im Jahr 2017 auf 0,9. Die CDU lag zwar darüber (1,4; 2017: 1,3), verlor jedoch im Vergleich zu 2017 leicht, ebenso wie die SPD (1,2; 2017: 1,3).

Grüne in NRW: „Großes Vertrauen in unsere Arbeit in der Bundesregierung, das auch in Länder ausstrahlt“

Zudem erkannten die Wahlforscher eine deutlich gewachsene Wertschätzung der grünen Bundespartei. Auch durch die gute Performance der grünen Bundesminister habe die Partei Mitnahmeeffekte erzielen können. Die drei beliebtesten Bundespolitiker kommen laut einer aktuellen Insa-Umfrage aus den Reihen der Grünen. „Es gibt ein großes Vertrauen in unsere Arbeit in der Bundesregierung, das auch in die Länder ausstrahlt“, meinte auch die grüne Bundesgeschäftsführerin Emily Büning am Sonntag. 

Wirtschaftsminister Robert Habeck spielte hier offenbar eine wichtige Rolle. Er war mit einem Wert von 2,4 im Bund ein stärkerer Protagonist als Bundeskanzler Olaf Scholz für die SPD (1,7). Die Spitzenkandidatin Neubaur bezog sich am Wahlabend auch auf Habeck und versprach, die Ideen des Bundeswirtschaftsministers in NRW umzusetzen. Habeck hatte Neubaur auch während des Wahlkampfs unterstützt, etwa auf der Abschlusskundgebung der Grünen in Köln. Auch die grüne Außenministerin Annalena Baerbock lieferte nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine der Umfrage zufolge aus Wählersicht eine gute Leistung ab. Die Grünen konnten sich in Zeiten der Krise dadurch wohl als handlungsfähig hervortun.

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Die Grüne-Spitzenkandidatin Mona Neubaur mit Wirtschaftsminister Robert Habeck bei der Abschlusskundgebung des Wahlkampfs der Partei Bündnis 90 / Die Grünen für den NRW-Landtagswahlkampf (Archivbild -Köln, 13.05.2022). ©  Panama Pictures/Christoph Hardt/Imago

Nordrhein-Westfalen: Wähler wünschen sich Rot-Grüne-Koalition

Obwohl CDU-Ministerpräsident Hendrick Wüst klarer Wahlsieger in NRW ist, ist seine Regierungskoalition abgewählt. Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen gibt es Sympathien von Wählerseite für eine Koalition aus Rot-Grün. Für Schwarz-Grün können sich demnach 37 Prozent der Befragten begeistern, für Rot-Grün aber 43 Prozent*. Für das Betriebsklima der Ampel-Koalition im Bund wäre eine rot-grüne Regierung in NRW sicherlich willkommener. Für sie wird es aber wohl keine Mehrheit geben.

Auf eine bestimmte Koalitionspräferenz wollte sich Neubaur kurz nach der Wahl am Sonntag allerdings noch nicht festlegen. Mit ihrem starken Wahlergebnis würden die Grünen nun „mit den demokratischen Parteien über unsere grünen Inhalte sprechen“. Im Wahlkampf hatte sie jedoch angedeutet, eine Zweier-Koalition zu präferieren. Fest steht jetzt bereits, dass die grüne Partei wohl darüber entscheidet, wer in NRW regiert. Neubaur wird damit zur „Königsmacherin“ (dpa/bm).

*Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF: Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1361 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in NRW in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 16 967 Wählerinnen und Wählern am Sonntag.

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