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Ausgerechnet „Genosse Günther“: CSU blickt andächtig nach Schleswig-Holstein - trotz offener Abneigung

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Von: Mike Schier

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Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther: Verschafft er der CDU einen Aufwind?
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther: Verschafft er der CDU einen Aufwind? © Frank Molter/dpa

Lange haben die Konservativen in der Union Daniel Günther belächelt. Am Sonntag könnte er der CDU den vor der NRW-Wahl dringend benötigten Rückenwind geben.

München – 695 Kilometer Luftlinie sind es von München nach Kiel. Und lange Zeit war das in etwa auch die inhaltliche Distanz zwischen dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) und den CSU-Größen in der bayerischen Landeshauptstadt. Man machte aus der gegenseitigen Abneigung kein Hehl. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt verspottete das liberale Nordlicht öffentlich als „Genosse Günther“.

Der wiederum jubelte unverhohlen, als die CSU bei der Landtagswahl 2018 satte Verluste einfuhr. „Das muss man ja erst einmal hinbekommen, von 47 Prozent zu kommen, eine Alleinregierung stellen zu können, die auch noch sehr erfolgreich arbeitet – und dann derart abzustürzen“, lästerte der Merkel- und Laschet-Freund. „Die brachiale Art der CSU, Politik zu machen, mag vor 30 Jahren von den Wählern in Bayern goutiert worden sein, heutzutage genügt das nicht mehr.“

Am Sonntag nun schauen sie auch in der CSU ein wenig andächtig in Richtung Kiel. Bei der Schleswig-Holstein-Wahl dürfte ausgerechnet Günther die herbe Niederlagen-Serie der Union bei Wahlen beenden.

SH-Wahl: Günther vor Triumpf – Am Sonntag schauen sie in der CSU ein wenig andächtig in Richtung Kiel

74 Prozent der 2,3 Millionen Wahlberechtigten sind laut Infratest dimap mit seiner Arbeit zufrieden. Umfragen sehen für die CDU deshalb ein dickes Plus nach den 32 Prozent beim letzten Mal – 38 könnten es werden. Die SPD dagegen droht von 27,3 auf etwa 19 Prozent abzustürzen – also ungefähr in den Bereich der Grünen. Der rote „Scholz-Zug“, der im Saarland jüngst noch Anke Rehlinger eine unerwartete absolute Mehrheit bescherte, droht damit kurz vor der NRW-Wahl zum Stehen zu kommen.

Etwas kurios: Ausgerechnet der konservative Friedrich Merz muss nun auf Schützenhilfe des Liberalen Günther hoffen. Die krachende Niederlage von Tobias Hans im Saarland war als erster Test auch für den neuen CDU-Chef unschön. Wirklich entscheidend aber wird NRW eine Woche später – das bevölkerungsreichste Land, Heimat auch von Merz. Dort stellt sich mit Hendrik Wüst der Nachfolger des glücklosen Armin Laschet erstmals den Wählern. Alles deutet auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit SPD-Herausforderer Thomas Kutschaty hin. Die Nervosität in der Union ist groß.

Wahl in Schleswig-Holstein: Daniel Günther bevorzugt einen unaufgeregten Stil, der eher langfristig wirkt

Umso gelassener geht Daniel Günther in den Schlussspurt. Dass er ausgerechnet in der heißen Phase an Corona erkrankte, hat seinem Wahlkampf nicht geschadet. Er bevorzugt ohnehin einen unaufgeregten Stil, der eher langfristig wirkt. Er sei „von Natur aus der Zurückhaltende und nicht der Welterklärer“, sagt der 48-Jährige. Umso härter wirken im Rückblick seine Breitseiten gegen die CSU.

Seit 2017 regiert Günther gemeinsam mit Grünen und FDP – und will das Dreierbündnis auch dann fortsetzen, sollte es nach der Wahl für Schwarz-Gelb reichen. „Ich möchte da Verlässlichkeit geben“, sagte er aus der Quarantäne heraus in einem Interview. Gerade mit Blick auf die Grünen zieht er Jamaika-Bilanz: „Wir haben viel voneinander gelernt.“ Vor allem über die Verbindung von Ökonomie und Ökologie. Die Konservativen in der Union werden bald wieder an Günther zu knabbern haben. Nach Sonntag dann.

Mike Schier

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