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Hitze, kein Angstschweiß: Christian Ude, völlig durchgeschwitzt von seiner 75-Minuten-Rede, beim Händedruck mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

Wahlkampfauftakt der bayerischen SPD

Ude und das Trauma im Tropenzelt

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München - Es läuft schlecht für die SPD, im Bund wie in Bayern. Die Umfragen sind deprimierend, das Medienecho auch. Beim offiziellen Wahlkampf-Auftakt beschwören die Spitzenkandidaten den Kampfgeist. Sie wollen rackern wie noch nie.

Wenn es ganz hart wird, dann denkt Peer Steinbrück an den uralten, handgekritzelten Zettel von Herbert Wehner, den er sich hat rahmen lassen. Ein entscheidendes Wort steht drauf, Steinbrück zitiert es mit Inbrunst am Pult dieses Parteitags. „Weitermachen!“ Die Delegierten zucken kurz, dann klatschen sie.

Weitermachen, das fällt der SPD in diesen Tagen nicht so leicht. Seit bald zwei Jahren ist ihr Spitzenkandidat Christian Ude im Rennen um die Macht in Bayern. Seit einem Jahr werden die Umfragen von Mal zu Mal schlechter. Die desaströsen 18 Prozent vom BR-Bayerntrend letzte Woche sind der vorläufige Tiefpunkt, psychologisch verheerend: Weil das noch niedriger ist als die 18,6 Prozent von der Wahl 2008. Weil alle Hoffnung in Ude in den demoskopischen Daten nichts bringen. „Jetzt oder nie – also nie“, titelte dieser Tage eine große Zeitung ihren Leitartikel über die Bayern-SPD.

Ausgerechnet jetzt muss die SPD den Wahlkampf starten. Kanzlerkandidat Steinbrück hat die Wahl, beim Parteitag in München als Trauerredner aufzutreten oder als Motivationsguru. Er versucht Letzteres. „Ich kenne all die Kommentare, all die Umfragen“, ruft er: „Das darf uns nicht berühren. Nicht nervös werden!“

Nein, sie sind nicht nervös, sie sind nur ratlos, woran es liegt. Die gleiche Umfrage sagt ja, dass Ude der zweitbeliebteste Politiker Bayerns ist. „Schwer erklärbar“, murmelt Landesgruppenchef Martin Burkert, nach den 18 Prozent gefragt, „schwer nachvollziehbar“. Landeschef Pronold würde sich wohl ähnlich äußern, liegt aber krank im Bett.

Mit kämpferischen Parolen überspielen die Genossen die Unsicherheit. Auf die Mobilisierung komme es an, sagt Steinbrück. Er lässt erkennen, dass die Bundes-SPD anders als in den Vorjahren die Bedeutung Bayerns für den Wahlerfolg erkennt. „Endlich die Arroganz der Macht und die Selbstbedienung der CSU in Bayern brechen“, verlangt er heftig gestikulierend. „In 57 und in 64 Tagen könnt ihr das Chaos abwählen.“ Kollege Burkert verkündet am Pult, um „das Ding“ zu gewinnen, brauche man doch nur „einen Swing von ein, zwei Prozent“. Nun ja – dann hätte die SPD halt 19. Und die CSU trotzdem die absolute Mehrheit der Mandate. Trotz Swing kein Ding.

„Weitermachen“ – das ist auch körperlich hart am Parteitag. Die Genossen treffen sich im Zelt beim Tollwood-Gelände, es ist heiß und stickig, die Sonne brennt drauf, Fliegen kreisen. Drinnen läuft Steinbrück schon im Sitzen die Suppe in den Kragen.

„Wir haben uns nicht für eine seelenlose Halle entschieden“, sagt Burkert, es soll eine kleine Anspielung auf den CSU-Parteitag am Olympiagelände vom Vorabend sein, ist aber ein Patzer: Hausherr der „seelenlosen“ Halle ist nämlich Ude über eine städtische Tochter. Auch ein Satz im Zehn-Punkte-Plan, den die SPD beschließt, gibt Rätsel auf. Ude wolle in Bayern „ordentlich durchlüften“, steht in dem Papier. Vielleicht sollte er das erst mal mit seinem Zelt versuchen.

Ude, diesmal von Personenschützern begleitet, bleibt in seiner Rede lange in der Defensive. Er klagt über die „angeblich unfehlbaren Umfrageinstitute“ und über die Medien. Kommentatoren sollten „mit größerer Sorgfalt mit Wasserstandsmeldungen umgehen“, rügt er. „Es ist eine groteske Fehlentscheidung, von einem bereits gelaufenen Rennen zu reden.“ Sei es denn „verheerend, vernichtend für den SPD-Kandidaten, nur zwei Zehntel vor Seehofer zu liegen“? Eine 2,7 hatte er in der persönlichen Note im „Bayerntrend“, der Konkurrent 2,9. Ude lästert zudem verärgert, dass jene BR-Umfrage der CSU vor der Wahl 2008 vier Prozent zu viel vorhergesagt habe. Was er nicht sagt: der SPD auch fast vier Punkte zu viel.

Seine Rede unter einem großen, roten „Genau! Ude“- Schild beklatschen die Delegierten mehr als nur nett, sie winken mit Fan-Schildern und kleinen Windrädern im Tropenzelt. Ude verspricht, er werde sich „zerreißen“ für den Erfolg, „aber ich bitte euch, das ebenfalls zu tun“.

Christian Deutschländer

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