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Finanzminister Söder (CSU) beim Gautrachtenfest in Peterskirchen.

Ende der Schmutzeleien

Wahlkampf-Vorboten: Seehofer und Söder vertragen sich

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München - Neue Zeit in der CSU: Seit einigen Wochen haben Seehofer und Söder ihre Rivalität zurückgestellt, sie loben sich hymnisch und hemmungslos.

Der Ministerpräsident war zum Scherzen aufgelegt. Eine Gala am Wochenende, der Moderator fragte den Ehrengast Horst Seehofer, wie er dreinschauen werde, wenn sein Rivale Markus Söder dereinst Ministerpräsident würde. Seehofer schlug die Hände vors Gesicht, gespielte Empörung, aber mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Entsetzen sieht anders aus. 

Die eigentliche Nachricht ist: Beim Gedanken an Söder vergeht Seehofer das Lachen nicht mehr. Seit Wochen ist zu beobachten, dass Seehofer und Söder ihr Verhältnis komplett neu justiert haben. Sie reden hemmungslos gut übereinander. Für den Chef, der seinem Finanzminister über Jahre hinweg „zu viele Schmutzeleien“ und Überehrgeiz vorgeworfen hat, ist das eine drastische Wende. 

Das gilt auch für Söder, dessen Äußerungen bis vor kurzem immer wieder Nuancen enthielten, die als Spitze gegen Seehofer oder seine Wunschkronprinzessin Ilse Aigner zu verstehen waren (natürlich jedes Mal völlig unbeabsichtigt). Beispiele für die neue Nähe gibt es viele. Gestern im Parteivorstand: Etliche Male lobt Seehofer seinen Minister für sein Steuerkonzept („gute Vorlage“), bittet ihn um seine Meinung – „gefühlt hundertmal“, sagt ein Augenzeuge. In den Haushaltsberatungen lobte er Söder teils hymnisch. 

Wer noch weiß, wie Seehofer letztes Jahr halblaut schimpfte, jedes Komma in den Milliardenplänen hinterfragen und notfalls selbst setzen zu müssen, staunt jetzt Bauklötze. „Ja, es ist Liebe“, spöttelte „Bild“ unlängst. Über eine „Freundschaft unter Wölfen“ scherzt die „SZ“. Die Entspannung im Rudel hat mehrere Gründe. Anfang Juni fand im Landtag ein Vier-Augen-Gespräch statt. Offen ausgesprochen wurde ein Pakt nicht, aber das Eis schmolz. 

Bei Erbschaftsteuer, Flüchtlingspolitik, Etatplanung und sogar im KleinKlein wie beim Streit um das Riedberger Horn liegen beide auf einer Linie. Ein Schubser kam auch von der CSU-Basis: In mehreren Konferenzen mit Seehofer forderten Mitglieder, Söder solle weniger drängeln und er weniger schimpfen. Hinzu kommen Umfragen, die beide Politiker entspannen. Seehofer steht parteiintern derzeit nicht unter Druck, muss kein Sägen am Sessel fürchten. 

Sein entschlossenes Auftreten in der Flüchtlingsfrage hat die Reihen geschlossen. 66 Prozent der CSU-Wähler würden ihn sogar über 2018 hinaus behalten wollen (Infratest dimap für ARD). Er nimmt das in gespielter Demut entgegen („hat Unterhaltungswert“), nutzt das aber, um den Zeitplan festzuzurren: Erst nach der Bundestagswahl 2017 will er seine Zukunft entscheiden. Und zwar allein. 

Söder wiederum liegt in der Umfrage bei 43 Prozent, wenn es um Seehofers Kronprinzen geht. Er hängt Aigner (23) und Manfred Weber (10) ab. Auch in der Fraktion hat er inzwischen eine klare Mehrheit im Rücken. Das ist ein sicherer Abstand, der heftiges Strampeln unnötig macht. Söder kann seither auf Sachen verzichten: Neulich auf ein Foto von sich auf einem Thron; gestern lief er sogar schweigend an mehreren Fernsehkameras vorbei. 

Wie lange der Frieden hält, ist ungewiss. Sicher noch einige Monate, sagen Strategen. Söder nutzt die Zeit und setzt seine Annäherung an die Oberbayern fort. Hier werden in Bayern die Wahlen entschieden. Unlängst überreichte er persönlich 47 Förderbescheide für schnelles Internet. Am Samstag feierte er in Tittmoning, dass der Rupertiwinkel vor 200 Jahren zu Bayern kam. Tags darauf ging es zum Gautrachtenfest. 

Für August sind weitere Termine geplant. Die Fürsorge reicht schon so weit, dass sich Söder sogar um die Zukunft der oberbayerischen CSU-Chefin sorgt. Seit einiger Zeit geht das Gerücht, Aigner könne doch 2018 neue Landtagspräsidentin werden. Ein schöner Posten – bei dem man wenig Reibungspunkte mit dem künftigen Ministerpräsidenten hätte.

mik

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