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Boateng-Fans im Stadion spotten über die AfD-Attacken auf den Nationalspieler.

Eine Betrachtung der Wahlkampfstrategie

Eklat mit Effekt: Wie die AfD ganz gezielt provoziert

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AfD-Politiker erregen mit extremen Aussagen und Provokationen immer wieder Aufmerksamkeit. Danach relativieren oder dementieren sie schnell. Tatsächlich gehören die Tabubrüche aber zur Wahlkampfstrategie.

München/Berlin – Es ist mal wieder passiert. Der aktuelle AfD-Eklat kommt aus dem saarländischen Landesvorstand, Beisitzerin Jeanette Ihme ist auf Facebook die Hand ausgerutscht. „Am besten alle samt Inhalt versenken“, schrieb sie über Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer. „Ich habe keinen Bock auf diese kriminellen Schlepperbanden und genauso wenig auf ihre Kundschaft, die sich hier aufführt wie die Primaten.“

Reaktionen immer nach demselben Muster

Die Reaktion folgte am Mittwoch wenige Stunden nach Veröffentlichung, und zwar nach demselben Muster, das sich nach provokanten Äußerungen von AfD-Politikern immer wieder beobachten lässt: Während die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Volksverhetzung oder Beleidigung prüft, entfernte Facebook den Beitrag. Und Kollegen der AfD-Beisitzerin äußerten sich vorsichtig-empört. So etwas sei natürlich nicht in Ordnung, man werde das intern besprechen. Klingt reumütig. Tatsächlich haben bewusste Grenzüberschreitungen bei der AfD System. Sie sollen auch als Mittel dienen, im Gespräch zu bleiben. Das ist wichtig, gerade jetzt, kurz vor der Bundestagswahl.

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Im Internet kursiert dazu das vertrauliche Strategiepapier „Dem Volk die Staatsgewalt zurückgeben“, das seit der Annahme durch den Bundesvorstand im Dezember gilt. „Die AfD lebt von ihrem Ruf als Tabubrecherin und Protestpartei“, heißt es darin. Das bedeute, „ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein, zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückzustrecken“. Dort steht aber auch: „Hetze hat bei der AfD keinen Platz.“ Einige Mitglieder vergessen diesen Teil offenbar immer wieder – oder es gelingt ihnen nicht, sich an die Vereinbarung zu halten. Und zwar selbst denen, die auf Bundesebene zum Spitzenpersonal der Partei gehören.

Großer Aufschrei, dann wird schnell relativiert

Thüringens Landeschef Björn Höcke etwa nannte das Holocaust-Denkmal „ein Denkmal der Schande“, das mediale Echo war enorm, das folgende Parteiausschlussverfahren blieb aber bislang ohne große Folgen. Seinen Rassenvergleich zwischen Afrikanern und Europäern – wieder großer Aufschrei – relativierte er schnell. Genauso Spitzenkandidat Alexander Gauland, der Nationalspieler Jérôme Boateng nicht als Nachbarn haben wollte und seine Aussage danach erst bestritt, um sie anschließend glattzubügeln. Oder Beatrix von Storch, die die Grenze notfalls mit Waffengebrauch schützen wollte und nach dem medialen Echo zurückruderte. Sie habe „Mist gebaut“, sagte die AfD-Vizechefin, sie hätte das nie geschrieben, wäre sie nicht auf ihrer Computermaus „abgerutscht“. Die Nachricht hatte sich da schon lang entfaltet.

Aufmerksamkeitstrategie der Partei

Provozieren, relativieren, dementieren – das ist exemplarisch für die Aufmerksamkeitsstrategie der Partei. Spitzenpolitiker wie Höcke, Gauland und von Storch weisen den Vorwurf zurück, sie würden manchmal absichtlich überziehen. Offiziell gibt sich die gesamte Partei nach dem Motto „Das wird man wohl sagen dürfen“ zwar kritisch, sieht sich aber nicht in der rechten Ecke. Justiziable Entgleisungen, die rasend schnell bei der Zielgruppe ankommen, wurden als missliebige Einzelfälle dargestellt.

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Wichtigstes Kommunikationskanal für die AfD sind soziale Medien. Die Inhalte werden oft hunderte Male geteilt – je kritischer, desto besser. Für die brisantesten Äußerungen sorgt aber nicht die Partei, sondern ihre Fans, die Facebook-Einträge in der „Community“ veröffentlichen können, einer Art Filterblase. Von pauschaler Asylkritik bis hin zu rechten Versen ist dort viel zu finden. Auch AfD-Funktionärin Jeanette Ihme hat dort ein fragwürdiges, rechtes Gedicht veröffentlicht. Elf Monate ist das jetzt her. Der Widerspruch bis gestern? Keiner.

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