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Kein Kuschelkurs: Bayerns Piraten wollen im Landtag Gedankentabus brechen.

Wahlserie: Bedingungslos neue Piraten

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München - Die Sache entscheidet sich nicht nur zwischen CSU und SPD. Zur Landtagswahl am 15. September tritt auch eine ganze Reihe kleiner Parteien an. Wir stellen sie in unserer Serie vor. Zum Schluss: Die Piraten.

Der junge Typ mit Gitarre und Piercing will eigentlich nur eins wissen: Warum Pirat Mauri bei den Piraten ist. Pirat Mauri, 57 und irgendwie in der Immobilienbranche tätig, greift sich ein paar Flyer vom Infostand und antwortet kurz: „Wegen der Rente.“ Der Gitarren-Typ wird ruhig. Er hätte mit allem gerechnet. Aber damit?

Am Nacht-Infostand, den die Piraten an einem milden Samstag an der Reichenbachbrücke in München aufgestellt haben, steht Martin Liebe. Der 42-Jährige war früher mal Klavierbauer, ist seit 2009 Pirat und kandidiert jetzt auf Listenplatz eins in Oberbayern. Auf seinem Shirt ist das Wort „Kulturnerd“ zu lesen. „Wir sind stolze Nerds“, sagt Liebe, stolze Sonderlinge. Er ist hier, um zu zeigen, dass die Nerds inzwischen auch Sachverstand haben. Eine echte Aufgabe.

Die Piraten gelten vielen als verquere Freaks, die eher durch Streit als durch konstruktive Vorschläge auffallen. Dabei ist der Landesverband Bayern, mit 6400 Mitgliedern der größte der Republik, laut dem Göttinger Piraten-Experten Alexander Hensel „relativ pragmatisch“ eingestellt. „Die sehen sich als Anpacker“, sagt er. Heißt: Die wollen mitbestimmen.

Das ist auch das Bild, das Liebe und seine Mit-Piraten vermitteln wollen. Anpacken. Und vor allem anders anpacken als alle vor ihnen. Wichtig sei, sagt Liebe, dass am Ende die Bürger mitreden könnten. Noch etwas ist den Piraten wichtig: Die Dinge grundsätzlich anders denken.

Da ist zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen. Alexander Bock, 26, Kandidat für den Bundestag, hat den Programmpunkt mitentwickelt. Die Idee ist einfach: Jeder bekommt vom Staat ein Grundgehalt, ohne Bedingungen eben. Das, sagt Bock, ermögliche es den kleinen Leuten, „sich zu entfalten und auszuprobieren“. Geschäftsideen zu testen, ohne die Existenz aufs Spiel zu setzen. Auch einen Plan zur Finanzierung hat er. Für Bock eine gute Idee, aber kein Dogma. Man müsse das eben im Parlament diskutieren, dann die Leute entscheiden lassen. Dass etwa der Bundestag sich mit solchen Gedankenspielen nicht beschäftigt, findet Bock, nun ja, schade.

Das scheint der Weg der Piraten in Bayern zu sein: die Dinge neu zu denken. Ganz von vorn. Bei der Suchtpolitik ist es ähnlich. Der 28-jährige Florian Deissenrieder tritt etwa dafür ein, kleine Mengen an Drogen zu legalisieren. „Eine abstinente Gesellschaft gibt’s sowieso nicht“, sagt er. Durch die Legalisierung gehe aber der Schwarzmarkt kaputt. In Portugal versuchen sie das gerade. Ganz aus der Luft gegriffen ist der Vorschlag nicht.

Vor allem junge Wähler kommen in dieser Nacht am Info-Stand vorbei. Erstwähler, Unentschlossene. Sie stehen solchen Ideen offen gegenüber. Parteiintern sehen das manche anders.

Das Grundeinkommen sei zum Beispiel ein großes Streitthema, erzählt ein Insider. Ihn ärgert auch, dass seine Partei die NSA-Spionage-Affäre nicht zum Wahlkampfthema gemacht hat. Auch Hensel beschreibt das als „völlig absurde Situation“. „Die Affäre deutet auf ein Kernthema der Piraten, aber das zündet nicht.“ Das liege aber nicht an der Partei. Auch andere konnten die Spionage nicht für sich nutzen.

Man mag die Tatsache, dass das Thema bei den Piraten nicht größer gespielt wird, als mangelnde Wahlkampferfahrung verbuchen. Piraten sind aber lernfähig. Das, sagt Hensel, beweisen sie in den Parlamenten, in denen sie schon sitzen. Berlin, Nordrhein-Westfalen. Transparenz ist dort ihr großes Thema.

Martin Liebe und seine Mitstreiter wollen auch endlich gestalten. „Ich hab’s sieben Jahre als Aktivist versucht“, sagt Alexander Bock, der seit 2006 bei Bayerns Piraten aktiv ist. „Aktivist sein, das ist scheiße.“ Er will’s jetzt als Politiker versuchen.

Aktuell stehen die Piraten in Bayern bei drei Prozent. Ein bisschen Säbelrasseln vorm Urnengang wäre wohl noch nötig.

Marcus Mäckler

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