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Auf Angela Merkel warten raue Verhandlungen für den Verbleib im Kanzleramt

Jubel, Schock, Jubel

Wahltriumph für die Union

Berlin – Zwischen Jubel und Schreck liegen Sekunden: Die Union gewinnt die Wahlen haushoch, aber ihre Koalition zerbricht an fehlenden Zehntelprozenten. Auf Angela Merkel warten raue Verhandlungen für den Verbleib im Kanzleramt. Sie wirkt nicht euphorisch.

Auf die Blumen warten ein Auftritt und ein Fußtritt. Angela Merkel steht schon mit ein paar Wahlkämpfern auf der Bühne, da erst wieselt ein Mitarbeiter herbei, legt einen bunten Strauß hinter ihr ab. Einer der CDU-Herren soll ihr die Blumen in die Hand drücken, nette Geste für die Kameras. Doch keiner reagiert. Generalsekretär Hermann Gröhe trippelt nach hinten, tritt auf die Blätter, merkt nichts. Noch ein Schritt, dann voll auf die Blumen. Da liegt was, stellt er fest, hebt es auf und drückt Merkel das gerupfte Gebinde in die Hand.

So sieht das aus, wenn eine Partei zwischen Freudentaumel und Schrecken pendelt. Merkel nimmt die Blumen, lächelt, winkt kurz. Doch jetzt, kurz nach 18 Uhr, weiß sie in Wahrheit nicht, ob sie ekstatisch jubeln darf oder nur freundlich mit den Blumen wackeln. „Wir können uns alle freuen“, sagt sie vorsichtig, keine Faust, keine Victory-Finger. „Verfolgen wir den Abend mal weiter. Ich komm gleich nochmal wieder.“

Sie kommt lange nicht wieder. Denn es ist ein irrer Abend in der Berliner CDU-Zentrale. Er lässt die Kanzlerpartei um Fassung ringen. Die Choreografie: Jubel, Schock, Jubel, Ernüchterung. Vor den Kameras japsen sie zunächst vor Glück. „Fantastisch“, „faszinierend“, ja „riesich“, sprudelt es immer wieder aus der zierlichen Ministerin Ursula von der Leyen heraus.

Wie die Stimmung wirklich ist, zeigen ausgerechnet die zum Jubeln eingeteilten Junge-Unions-Mitstreiter im Foyer, junge Burschen mit orangefarbenen T-Shirts über den gestärkten Hemdkrägen. Ihre Aufgabe ist, bei den Hochrechnungen um 18 Uhr laut zu feiern, auf und ab zu hüpfen und dabei „Angiiie“ zu rufen. Sie tun das leidlich, zehn Sekunden lang – dann kommt die FDP-Prognose, der Jubel erstirbt für quälende Momente. Was tun ohne Koalitionspartner?

Jubel und Entsetzen: Die Bundestagswahl 2013

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„Jetzt bleibt nur Schwarz-Rot“, sagt ein Staatssekretär düster, eigentlich einer von denen, die oft lächeln. „Es ist sehr labil“, seufzt Gerda Hasselfeldt, die Chefin der CSU-Abgeordneten, oben an der Brüstung im zweiten Stock. Viele stehen lang an diesem Abend zusammen, wälzen Hochrechnungen, beraten bei Bouletten und einem Gebäck, das die Berliner für Brezn halten, wie es weitergehen wird.

Ein spannender Abend hatte sich abgezeichnet. Merkel wählt mittags in Berlin-Mitte in einer Uni-Mensa. Eine fast geheime Wahl vor einem Podest mit drei Reihen Kameraleuten, umschwirrt von einer Wolke aus Sicherheitsleuten. Merkel lächelt, Ehemann Joachim Sauer schaut verkniffen. „Bisschen aufgeregt ist man natürlich auch“, hat die Kanzlerin beim Wahlkampf-Abschluss gesagt. Bisschen.

Bisschen mehr noch, als ihre gepanzerte Limousine um halb sechs in die Tiefgarage der Parteizentrale rollt. Als sie sich mit Vertrauten in den fünften Stock zurückzieht. Spitzenpolitiker bekommen stets vor 18 Uhr Hinweise, welche Prognosen die großen TV-Sender in dem Moment ausstrahlen, wo die Wahllokale schließen. Die Zahlen, die bei Merkel eintröpfeln, sind extrem widersprüchlich: Unions-Ergebnis top, die FDP aber wankt bei vier bis sechs Prozent, die AfD genauso, eher darüber. Mal vierkommaneun, mal fünfkommazwei, kaum kalkulierbar.

Genau das waren ja die schlimmsten Ängste der Unions-Strategen, dass die Euro-Skeptiker Schwarz-Gelb die Mehrheit kosten. Stundenlang ist nicht klar, ob es dazu kommt. Ob es rechnerisch eine linke Mehrheit geben wird gegen die große Siegerin, die dann im Triumph untergeht. Oder ob die weisen Strategen alle daneben lagen, und die je fast fünf Prozent von AfD und FDP der Union erlauben, alleine zu regieren. Eine Stunde lang liegt die Union in den Hochrechnungen hauchdünn bei einer absoluten Mehrheit der Mandate. „Oh, wie ist das schön“, stimmen die JU-Barden an und verstummen wieder.

So hat sich bewahrheitet, was Seehofer eines sonnigen Julitages orakelt hat. Eine „unberechenbare Woche“ sagte er voraus für die Zeit zwischen den Wahlen in Bayern und Bund, wenn es die FDP nicht in den Landtag schaffen sollte. „Eine enge Woche“ soll Merkel, wie immer etwas vorsichtiger, bei einem ihrer vielen Telefonate geahnt haben. Verbissen kämpfte die FDP um Zweitstimmen von Unionswählern. Verbissen kämpften Seehofer und Merkel, dass die Stimmen bei ihnen bleiben.

Sich selbst zu schwächen, um den kleinen Partner zu retten, war ihnen zu riskant. Die Menge an Zweitstimmen, die plötzlich zum Freund abwandert, ist ja nicht zu steuern. Seehofer hatte die Sorge, dass am Ende wieder die FDP bundesweit besser dasteht als die nur in Bayern Stimmen saugende CSU. Dass die dann wieder fünf Minister kriegen und seine CSU nur drei.

Im kleinen Kreis rieten führende Unionsleute den Liberalen eindringlich, das liberale Wählerpotenzial zu aktivieren. Statt sich wie die Bayern-FDP darin zu profilieren, auf die Union zu schießen. „Ich hätte“, setzte Seehofer neulich energisch vor Journalisten an, „nein – lass ma’s. Ich bin nicht Berater der FDP.“

Hätte man ihn nur anders beraten. In einer Großen Koalition nämlich ist die CSU der Gnom. Drei Minister wird Seehofer nach Berlin entsenden können, nicht viel mehr, trotz Traumergebnis in Bayern. Im Bündnis mit den Großen CDU und SPD ist die CSU der kleinste Partner, rechnerisch nicht erforderlich. Seehofer kann da den Lauten spielen, würde dann aber wirken wie ein Polterzwerg. Was, wenn die SPD nun als Koalitionsbedingung das Aus des Betreuungsgelds nennt? Oder weg mit der Maut-Idee? Die Union ist erpressbar.

Seehofers Reaktion spricht Bände: Er bleibt zuhause in München. Auf den letzten Drücker sagt er seinen Berlin-Flug ab, schickt Merkel alleine auf die Bühne. Hinter den Kulissen dürfte er nun mit ausloten, ob ein Bündnis mit den Grünen drin ist. Das wäre, auch wenn es einige Parteifreunde schüttelt, für die CSU am Rechenschieber besser, weil sie dann einen größeres Stück vom Macht-Kuchen hätte. Doch ein Kabinettstisch mit Alexander Dobrindt und Jürgen Trittin nach dem Pädophilen-Streit? Dagegen klingt der Umgangston der schwarz-gelben Koalition, die sich mit Gemüse- und Tiernamen bedachte („Gurkentruppe“, „Wildsau“), fast zärtlich.

Auch die Personalauswahl ist nun hart. Seehofer wird sich schwertun, seinen Verkehrsminister Peter Ramsauer loszuwerden, den er für schwach hält. Der 59-jährige Traunreuter durfte diese Meinung, sollte er sie noch nicht mitbekommen haben, eben im „Spiegel“ nochmal nachlesen. Und kontert am Wahlabend, er gedenke, im Amt zu bleiben. Wer sonst solle die Maut durchsetzen, knurrt Ramsauer, „der Entwicklungshilfeminister?“ Auch Hasselfeldt sagt gleich, sie wisse nicht, „warum ich was anderes machen sollte“. Falls Seehofer auf die Idee kommen würde, seinen General Dobrindt auf ihren Posten zu befördern. Der Kurs der CSU in Berlin werde künftig „bescheiden, aber bestimmt“ sein, sagt sie.

Es dauert drei Stunden, bis Merkel wieder auf die Bühne kommt. Man wolle „stabile Verhältnisse“, gibt sie als Parole aus. Nüchtern, keine Ekstase. Jubelnden Freunden auf der Bühne rupft sie persönlich die Deutschlandfahne aus der Hand: kein National-Gehabe jetzt. Das bleibt auch so, als in der CDU-Zentrale längst eine Popband die Bühne übernommen hat. „Freak out“, singen sie – dreh durch, flipp aus. Es ist nicht das Lied der Kanzlerin an diesem Abend.

Christian Deutschländer

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