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Schlechte Laune: Bei Ludwig Spaenle läuft’s nicht rund.

Debatte um Gymnasium

Spaenle - ein wandelndes Fragezeichen

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München – Kultusminister Ludwig Spaenle erlebt derzeit die schwerste Phase seiner sechsjährigen Amtszeit. Seit Wochen hinterlässt der Schwabinger mit den immer gleichen Sätzen Rätselraten.

Als Ludwig Spaenle fertig ist, fällt der Applaus dünn aus. Mittwochnachmittag, Fraktionssitzung der CSU im Landtag. Der Kultusminister hat seinen Kollegen den Plan erklärt. Naja, er hat es versucht. Seit Wochen hinterlässt der Schwabinger mit den immer gleichen Sätzen Rätselraten. „Das Konzept des achtjährigen Gymnasiums für alle ist pädagogisch genauso überholt wie das neunjährige für alle“, lautet einer seiner Favoriten. Journalisten können schon mitsprechen. Nur wohin die Reise gehen soll, scheint der Minister nicht zu wissen. Horst Seehofer wird es ihm schon sagen. Irgendwann. Spaenle wirke „wie ein wandelndes Fragezeichen“, sagt ein Parteifreund.

Der Fall gibt Rätsel auf: Vor ein paar Wochen noch galt der 52-Jährige als einer der Stars im Kabinett. Nach der Landtagswahl legte Seehofer das Kultus- mit dem Kunstministerium zusammen und beförderte Spaenle zum Superminister – einen Titel, den dieser schon damals ablehnte. Obwohl er damit mehr als ein Drittel des Staatshaushaltes verantwortet! Stattdessen formulierte er in der für ihn typischen CSU-Sprache: „Ich will diese beiden Herzkammern, die inhaltlich ja verwandt sind, miteinander zum Schlagen bringen.“ Doch bislang schlägt da wenig. Spaenle schlägt sich allenfalls herum. Mit Misserfolgen und Fettnäpfchen.

Angefangen hat alles damit, dass der bayerische Philologenverband Ende November bei einem Routinetreffen plötzlich seine Meinung änderte. Spaenle war nichtsahnend nach Amberg gefahren, hatte eine Rede gehalten – und musste dann zu seinem Ärger hören, dass die Lehrer das neunjährige Gymnasium zurück wollten. Für Spaenle noch unglücklicher: Statt den Interessenverband auflaufen zu lassen, kam von Seehofer Ermunterung. Ja, sein Chef erklärte das angekündigte Konzept gleich zur Grundlage für alle weiteren Gespräche der Staatsregierung.

Kurz darauf bestätigte das Kultusministerium einem Journalisten arglos die geplante Streichung von Lehrerstellen. Die war längst beschlossene Sache, Seehofer wusste Bescheid. Doch plötzlich herrschte Riesenaufregung. Der Ministerpräsident sprach von einem Kommunikationsdebakel, Spaenle wirkte völlig verunsichert. Nach einer konfusen Rede im Landtag klatschte nicht einmal mehr die CSU. Seehofer kochte.

Schließlich schaltete sich Markus Söder ein. Der fränkische Finanzminister galt lange als Verbündeter Spaenles. Seit Februar kriselt es massiv. „Wir können vorhersagen, welcher Komet 2028 in welchem Abstand an der Erde vorbeifliegt“, ätzte Söder. „Aber wir tun uns wahnsinnig schwer, im Januar zu ermitteln, welche Lehrer wir im September für welche Fächer brauchen.“ Eine solche Einmischung unter Kollegen ist eigentlich unerhört. Seehofer aber ließ Söder gewähren.

Im Landtag rätselt man, was da passiert ist. Das Kultusministerium scheine an der Gymnasialreform nicht beteiligt zu sein, wundert sich die Opposition. „Seehofer hat Spaenle völlig entmachtet“, sagt die Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause. „Er wirkt wie gelähmt. Von Superminister kann keine Rede sein. So einen Minister braucht es nicht.“

Am Montagmorgen dieser Woche hat Spaenle besonders schlechte Laune. Er sitzt einen Steinwurf vom Franz-Josef-Strauß-Haus entfernt. Die Bezirksgeschäftsstelle der CSU München befindet sich in einem tristen Mietshaus. Hier ist Spaenle der Chef. Aber er steht wieder im Schatten. Neben ihm erklärt der gescheiterte Hoffnungsträger Josef Schmid, warum das Leben auch nach verlorener OB-Wahl weiter geht. Spaenles Gesicht aber passt nicht zum Text seines Nebenmanns. Die Mundwinkel zeigen steil nach unten. Schmids Niederlage ist auch seine. Denn wo der Kandidat sich den Grünen vorsichtig näherte, drängte sich der eigentlich konservative Spaenle geradezu auf. Er warb so offensiv um die Ökopartei, bis die sich verschreckt wieder in die Arme der SPD warf. Nicht alle sind nun begeistert.

Spaenle hat nun also gleich drei Baustellen zu bearbeiten: Die Münchner CSU und seine beiden Ministerien. Will er das Boot wenden, müsste er doch noch zum Superminister werden.

Mike Schier

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