Warum die Lufthansa auf München fliegt

- München - Was tun 7000 Lufthansa-Angestellte, wenn sie seit Jahren in der Warteschleife hängen? "Die einen sind arbeitslos, die anderen handeln mit Fruchtsäften, Matratzen und Metallsägen. Einer ist an einer Tankstelle beschäftigt, einer wurde Taxichauffeur, und ein Bordmechaniker hat sich eine Lederschürze umgebunden und fährt für eine Brauerei Bierfässer."

So klagt im April 1950 der Münchner Vorsitzende der "Vereinigung der Fachkräfte des ehemaligen deutschen Luftverkehrs", weil die Alliierten Hohen Kommissare das im Potsdamer Abkommen ausgesprochene Flugverbot erneuern. Die Erfolgsgeschichte der Lufthansa muss noch einige Zeit warten.

Sie beginnt am 1. April 1955. Zeitgleich sollen zwei Lufthansa-Maschinen von den Flughäfen in München und Hamburg abheben. Aber der Convair-Liner 340, der von Riem über Frankfurt und Düsseldorf nach Hamburg soll, rollt um eine Minute früher an den Start als sein Pendant im hohen Norden. Damit beginnt die Lufthansa-Nachkriegsära genau da, wo 50 Jahre später die Jubiläumsfeierlichkeiten stattfinden werden: in München. Die bayerische Landeshauptstadt und die Lufthanseaten - seit fünf Jahrzehnten eine ganz besondere Verbindung.

Am 15. Mai 1955 fliegt die erste LH-Maschine aus München erstmals ein Ziel außerhalb Deutschlands an: London. Und der 20. März 1960 steht unter dem Motto "Jet(zt) geht's los", denn der erste Jet der Lufthansa landet in Riem. Tausende von Münchnern erleben mit eigenen Augen, wie die Boeing 707 (Spannweite 44 Meter, Länge 46 Meter) aus New York kommend auf der Bahn aufsetzt. Und dann diese Beobachtung eines Journalisten: "In das Pfeifen der Düsentriebwerke mischt sich Pferdewiehern. Ein Vierergespann von Löwenbräu bringt eine Ladung Bier an die D-ABOB". Sieben Monate später gibt's was auf die Rumpfnase einer Boeing 707, nämlich Sekt: Die LH-Maschine wird auf den Namen "München" getauft.

Ab Juli 1963 lässt die Airline für 9,5 Millionen Mark eine Düsenflugzeughalle in Riem bauen, in der die neuen Boeing 727 gewartet werden sollen. Der erste dieser zwölf Europa-Jets dient am 15. April den Ehrengästen für einen Rundflug. Auch der Augsburger Bürgermeister Ludwig Wegele ist an Bord. Sein Rat an den Piloten: "Kinder, fliegt's nicht so tief, sonst werden meine Beamten wach."

Als die Lufthansa am 8. Juli 1970 erstmals mit einer Boeing 747 in Riem auftaucht, müssen die Münchner improvisieren, denn der Flughafen ist nur bedingt jumbotauglich. Zwei herkömmliche Fluggasttreppen werden mit einer Hebebühne kombiniert. Der Jumbo erhält den Namen "Bayern".

Es ist ein ehemaliger Lufthanseat, der 15 Münchner Flughafenjahre prägen wird. Seit 1. Juli 1988 gehört Willi Hermsen zur FMG-Geschäftsführung, er organisiert den Umzug von Riem ins Erdinger Moos, wo der neue Airport am 17. Mai 1992 in Betrieb genommen wird. Die Lufthansa setzt hier bereits am 28. Oktober 1991 mit einer Boeing 747-400 namens "Berlin" auf der neuen Piste auf. Es ist der erste von 24 Jumbos, der in der neuen Werft eine neue Innenausstattung

Die Aerolloyd aus Izmir war schneller 

bekommt. Die neue Wartungshalle ist am 11. Mai 1992 auch Festplatz für 2000 Ehrengäste und 400 Medienvertreter, die den FJS-Flughafen einweihen und Zeugen zweier Taufen werden: "Erding" und "Freising" heißen die beiden Boeings 737-500. Mit einer parallelen Bodenberührung sollen die beiden auch die ersten Maschinen am offiziell ersten Tag des Moos-Flughafens sein. Doch sie landen erst zehn Minuten, nachdem eine MD 83 von Aerolloyd aus Izmir aufgesetzt hat. Aber wenigstens gehört der erste Start einer LH-Maschine: Um 5.59 Uhr hebt eine Boeing 747-200 mit 218 Ehrengästen zu einem Premierenflug über die Alpen ab. In Riem übrigens hängt ein Reisebüro einen kleinen Zettel an die Tür: "Falls Sie hier Ihr Ticket abholen wollen, haben Sie gerade Ihren Flug verpasst. Der geht in Erding ab."

Eine andere Fracht hätte die LH lieber nicht transportiert: Ein Hartschalenkoffer, in dem am 10. August 1994 exakt 363,4 Gramm waffenfähiges Plutonium eingeflogen werden. Der Besitzer des Koffers sowie seine beiden Komplizen werden festgenommen. Für die Lufthansa ist das allerdings nur eine unerfreuliche Randgeschichte, denn sie hat andere Sorgen. Jahrelang schreibt sie rote Zahlen, erst Mitte der 90er-Jahre kommt die Wende. LH-Chef Jürgen Weber gelingt die Sanierung seines Konzerns. Das bekommt auch der Münchner Flughafen zu spüren, wo ab 1994 zwei Langstreckenjets vom Typ Airbus A 340 stationiert werden. In einem Airbus sitzt am 24. Januar 1995 auch Ursula Krause, die als 50-millionster Fluggast im Erdinger Moos begrüßt wird. 44 Monate hat der neue Airport dafür benötigt, in Riem musste man 28 Jahre darauf warten.

Dass im März 2005 mit Evelyn Hammerström der 250-millionste Passagier begrüßt wird, hängt auch mit der LH zusammen. Denn die hat zuvor gemeinsam mit der FMG einen zweiten Terminal gebaut. Dass Airline und Airportbetreiber es gemeinsam betreiben, ist ein Novum in der deutschen Luftfahrtgeschichte. Statt der ursprünglich geplanten 1,7 Milliarden Mark hat es diese Summe in Euro gekostet und die Lufthansa und den Münchner Flughafen endgültig in die Ehe gedrängt.

Anekdoten rund um den Moos-Flughafen erzählt Ingo Anspach in seinem Buch "Wie im Flug", erhältlich am Flughafen-Besucherpark.

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