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Marzahn-Hellersdorf, Berlin: Hier kam die AfD zuletzt auf fast 30 Prozent.

Warum werden Rechtspopulisten gewählt?

Studie über AfD-Hochburgen: „Der Briefkasten ist nur der Anfang“

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Was beschäftigt Menschen in Gegenden, in denen die AfD verhältnismäßig viele Stimmen erhält? Dieser Frage hat sich der der Politikberater Johannes Hillje gewidmet.

München – Im Interview spricht er über große Zweifel an den Regierenden – und mögliche Auswege.

Herr Hillje, Sie und ihre Kollegen haben hunderte Gespräche mit Menschen aus strukturschwachen Regionen mit hohem AfD-Wähleranteil geführt. Die zentrale Erkenntnis?

Diese Menschen haben das Gefühl, politisch verlassen zu sein. Das heißt: Der Busfahrplan im Ort wurde zusammengestrichen, den Einkaufsladen in der Nähe gibt es nicht mehr. Dieses Verschwinden von Infrastruktur paart sich mit dem Gefühl, dass ihre Probleme im politischen Diskurs nicht vorkommen. Dass sich niemand um ihre Herausforderungen kümmert.

Wie haben Sie die Leute zum Reden gebracht?

Ein Beispiel: Eine Frau, die uns die Tür geöffnet hat, war zunächst sehr kritisch. Wir haben ihr dann gesagt, dass wir ihr einfach zuhören möchten, offene Fragen stellen werden, ohne implizite Denkrichtung. Darauf hat sie sehr ausführlich ihre Ängste und Hoffnungen geschildert

Die von Ihnen befragten Menschen beschäftigen schlechter werdende Lebensbedingungen, oft auch berufliche Abstiegsängste. Was hat das mit Migranten oder Flüchtlingen zu tun?

Man kann das als „vergleichende Abwertungslogik“ bezeichnen. Das klingt wissenschaftlich, ist aber rasch erklärt. In Kurzform: Die Abwertung von Zugezogenen ist die Folge einer eigenen Abwertungserfahrung Tenor: Für Flüchtlinge und ihre Probleme hat die Politik Geld und Aufmerksamkeit – für die Verschlechterungen im eigenen Umfeld nicht.

Fremdenfeindlichkeit ist etwas anderes, oder?

Korrekt. Ein Befragter hat uns gesagt, dass er die neuen Nachbarn größtenteils als sehr freundlich wahrnimmt. Sein Problem war, dass er sich nicht mit ihnen verständigen kann. Und das wiederum ist eine Frage der Integration und hat nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun.

Johannes Hillje (32) arbeitet als Politikberater in Berlin und Brüssel.

Was ist Ihnen noch aufgefallen?

Fragt man die Menschen nach dem größten bundespolitischen Problem, nennen die meisten das Thema Migration. Fragt man dieselben Menschen nach persönlichen Problemen, geht es um Angst vor Armut, steigende Mieten, das Verschwinden von Infrastruktur. Das heißt auch: Die Themen der Medien sind nicht immer die Themen der Menschen.

Die Bedeutung der AfD schwindet, wenn sich die Regierenden mehr um die genannten Alltagsprobleme kümmern?

(lange Pause) 60 Prozent der AfD-Wähler haben die Partei nicht wegen ihres Programms gewählt. Sondern aus Protest gegen die anderen Parteien. Darin steckt ja schon eine Antwort auf diese Frage. Mein Eindruck: Wenn Politiker spürbare Probleme der Menschen nicht thematisieren, löst das Frust aus – und macht empfänglich für Populismus.

„Es gibt viel zu tun“

Als Reaktion auf ihre Studie hat eine Grünen-Bundestagsabgeordnete angekündigt, sich in einem Örtchen ihres Wahlkreises dafür einzusetzen, dass der von der Post abgehängte Briefkasten wieder montiert wird.

Zunächst mal freut mich diese Initiative. Der Briefkasten steht hier stellvertretend für das Lösen ganz konkreter Probleme vor Ort. Gleichzeitig ist der Briefkasten nur der Anfang. Ärzte, Nahverkehr, Einkaufsläden, schnelles Internet – es gibt viel zu tun.

Sie haben nicht nur an deutschen, sondern auch an französischen Türen geklingelt. Was lehrt uns der Blick ins Nachbarland?

Der vor knapp einem Jahr gewählte Präsident Emmanuel Macron bringt dort sehr viele Reformen auf den Weg. Nicht alle funktionieren sofort, manche könnten auch scheitern. Aber die Botschaft ist klar: Die Menschen sollen merken, dass die Politik die Ärmel hochkrempelt, konkrete Herausforderungen annimmt und Versprechen einlöst.

Schwächt diese Strategie die Rechtspopulisten um die angeschlagene Marine Le Pen?

Auch in Frankreich hatten viele Menschen den Eindruck, dass die Politik träge ist und ihre Probleme nicht mehr lösen kann. Insofern sehe ich einen Zusammenhang zwischen Macrons Politik und dem derzeitigen Abstieg des Front National.

Lesen Sie auch: Europas Rechtspopulisten feiern Putins Sieg - bis auf Polen

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