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Ein jubelnder Kim Jong-un: Ein Bild, das den geglückten Raketentest belegen sollen.

Interkontinentalrakete

Was bezwecken Nordkorea und Kim Jong-un mit den Tests?

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Am Dienstag will Nordkorea zum ersten Mal eine Interkontinentalrakete getestet haben. Was zeichnet die Rakete aus, was bedeutet das für Deutschland und was will Kim Jong-un erreichen?

Was ist eine Interkontinentalrakete?

Alle Raketen, die eine Reichweite von mehr als 5500 Kilometern aufweisen, werden zu der Gruppe der Interkontinentalraketen gezählt. Nach dem raketengetriebenen Start verlässt das Geschoss die Troposphäre und dringt in die Stratosphäre (ab 7 bis 17 Kilometer über der Erdoberfläche) ein. Hier beginnt die Rakete eine ballistische Flugbahn einzunehmen und Richtung Erdoberfläche zurückzukehren.

US-Außenminister Rex Tillerson bestätigte den Test einer nordkoreanischen Interkontinentalrakete: „Der Test stellt eine neue Eskalation der Bedrohung für die Vereinigten Staaten, ihre Verbündeten und die ganze Welt dar.“ Das kommunistische Regime aus Pjöngjang verkündete am Dienstag  - ausgerechnet am amerikanischen Unabhängigkeitstag - einen „historischen Durchbruch“. Mit der „Hwasong-14“ will Nordkorea erstmals eine Rakete konstruiert haben, die eine Reichweite von über 5000 Kilometer erreichen kann. Außerdem soll die abgefeuerte Rakete einen „großen und schweren Atomsprengkopf“ befördern können, tönte es zudem über die staatliche Nachrichtenagentur KCNA aus der Hauptstadt Pjöngjang.

Die getestete Rakete war nach übereinstimmenden Angaben aus Nord- und Südkorea sowie den USA 37 Minuten unterwegs. Sie erreichte allerdings nur eine Distanz von 950 Kilometer und schlug im sogenannten Ostmeer ein (siehe Karte unten). Der Grund: Offenbar hat Nordkorea die Rakete besonders steil in den Himmel geschossen, sodass sie eine eine Flughöhe von 2800 Kilometern erreichte. Eigentlich fliegt eine Interkontinentalrakete in einer geringeren Flughöhe. 

Der US-Physiker David Wright berechnete für den Typ Hwasong-14 - bei einer für Interkontinentalraketen gewöhnliche Flughöhe (siehe Infokasten) - eine zu erreichende Gesamtreichweite von ungefähr 6700 Kilometer.

Warum Nordkorea beim Test am Dienstag die Rakete nicht auf die maximal zu erreichende Distanz testete, darüber lässt sich nur spekulieren. Eine Theorie: Nordkorea wolle verhindern, dass die Rakete Japan überquert, um so keinen fremden Luftraum zu verletzen. Das Regime selbst erklärte zu früheren Zeitpunkten immer wieder, mit einer enormen Flughöhe auch den sogenannten Wiedereintrittskörper testen zu wollen. 

„Für den Test einer Langstreckenrakete ist es durchaus üblich, dass man sie nicht über die längstmögliche Flugstrecke testet, sondern Start und Flug und sie dann irgendwann abstürzen lässt“, wird Asien-Experte Bernhard Bartsch von der Bild zitiert. 

Nordkorea ist offenbar auch in Besitz landgestützter Interkontinentalraketen des Typs KN-08, die eine Reichweite von bis zu 10.000 Kilometer erreichen können. Was bedeutet das für Deutschland?

„Nordkorea hat kein Interesse daran, Ziele in Deutschland zu treffen“

„Die Entfernung zwischen Berlin und Pjöngjang beträgt 7900 Kilometer. Noch hat Nordkorea nicht bewiesen, dass sie eine Rakete haben, die rein technisch in der Lage wäre so weit zu fliegen“, sagt nun Shannon Kile gegenüber der Bild.

Für Europa gibt der Nuklearwaffen-Experte vom Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm sowieso eine leichte Entwarnung: „Nordkorea hat kein strategisches Interesse daran, Ziele in Europa und Deutschland zu treffen. Im Gegenteil, sie bemühen sich darum, ihre Beziehungen zur EU und einigen europäischen Ländern zu verbessern.“ Dennoch verurteilte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) den „völkerrechtswidrigen Kurs Nordkoreas in aller Schärfe.“ Es existieren UN-Resolutionen, die der kommunistischen Führung Nordkoreas den Test solcher Raketen untersagen.

„Hat dieser Typ denn nichts Besseres zu tun?“

Die USA jedenfalls fühlen sich provoziert und kündigten umgehend härtere Sanktionen gegen Nordkorea an. Präsident Donald Trump fragte sich selbst via Twitter, ob „dieser Typ denn nichts Besseres in seinem Leben zu tun habe, als Raketen starten zu lassen.“ Eine Reaktion von Kim Jong-un auf diesen Verbalangriff steht noch aus. 

Mit einer Reichweite von 6700 Kilometern jedenfalls könnte die Rakete Alaska, das zu den USA gehört, treffen. Seit Monaten arbeitet Nordkorea daran, eine Interkontinentalrakete zu konstruieren. Zudem will sich Nordkorea als Atommacht weiter etablieren.

Grafik: Nordkorea testet Rakete. Links: Die Flugbahn der am 3. Juli abgefeuerten Rakete. Rechts: Die Reichweite einer Hwasong-14 und die Entfernung Nordkoreas zum restlichen Teil der Welt.

Die USA und Südkorea antworteten auf den jüngsten Test umgehend mit eigenen Raketenmanövern. Die Verantwortlichen des südkoreanischen Militärs sprachen von einer "starken Botschaft der Warnung". Die Übung habe dazu gedient, die "Fähigkeit eines Präzisionsangriffs auf die Kommandozentrale des Feindes" unter Beweis zu stellen.

Was bezwecken Nordkorea und Kim Jong-un mit den Tests?

Provoziert Nordkorea einen Angriff der USA? Gegenüber der Bild warnt Korea-Experte Robert Kelly vor einer militärischen Intervention der Vereinigten Staaten: „Nordkorea anzugreifen wäre aus vielerlei Gründen sehr gefährlich. Das Regime untertunnelt das Land seit Jahrzehnten und hat sehr viel Material in den Untergrund geschafft. In dem Moment, in dem Amerika anfängt zu bombardieren, müsste es Nordkorea mit so großer Stärke treffen, dass auch die unterirdischen Waffen zerstört werden. Ich habe gehört, dass dafür 3000 Lufteinsätze nötig wären – pro Tag.“

Welchen Plan verfolgt Kim Jong-un?

Was steckt hinter den Raketentests? „Einen Krieg gegen die USA könnte das Regime niemals gewinnen, sogar wenn es Atomwaffen einsetzen würde. Das System würde zusammenbrechen“, sagt Kelly weiter. Dem Korea-Experten zufolge will Kim Jong-un vor allem eines: in Ruhe gelassen werden. Die Raketen sollen als Abschreckung dienen und in erster Linie als Schutz vor einem Regime-Sturz von außen.“

Der 33-Jährige ist seit Dezember 2011 der sogenannte „Oberste Führer“ von Nordkorea und will seine Macht erhalten und das Land weiter nicht nach außen öffnen.

Am Mittwoch will der UN-Sicherheitsrat in einer kurzfristig einberufenen Sitzung über das weitere Vorgehen in der Problematik beraten.

tlo

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