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Angela Merkel im Wahllokal im Jahr 2005. 

Vor der Bundestagswahl

Was machen die Spitzen-Politiker eigentlich am Wahltag?

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    Mike Schier
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Seit Monaten arbeiten, hoffen und zittern die Parteien diesem einen Sonntag entgegen. Am Wahltag selbst müssen die Politiker jedoch machtlos zusehen, ob ihr Volk sie wählt – oder nicht. Viele ahnen tagsüber, welche Zahl am Abend auf sie zukommt.

München – Im Inneren eines Orkans, so schildern es Meteorologen, ist es völlig ruhig, fast beängstigend windstill. So kann man sich den Wahltag vorstellen bei denen, die gewählt werden wollen. Der Wahlkampf ist offiziell beendet, in der ersten Reihe der Politik oft ein wochenlanger Irrsinnstrip mehrfach quer durch die Republik. Der Sonntag ist der erste Tag seit Monaten ohne extremen Termindruck. Nichts zu tun bis zum frühen Abend. Nur warten, bangen und rechnen.„Ein Tag der Wechselbäder, praktisch ein Höllentag“, erzählt der frühere CSU-Chef Erwin Huber. „Man kann nichts mehr bewegen und ist hin und her geworfen zwischen bunten Siegesträumen und bitteren Wahlpillen.“

Tatsächlich ist dieser Tag der Abrechnung ein Kuriosum im Leben der Politiker. Manche gehen morgens öffentlich wählen, ein Ritual für die TV-Kameras, in der Hoffnung, dass die Bilder noch vor 18 Uhr ausgestrahlt werden. Oft sind es kuriose Motive: Politiker im Wahllokal in ihrer örtlichen Grundschule, für die Fotografen halten sie eine Minute lang die Wahlzettel über den Schlitz der Urne, damit auch ja jeder das Bild bekommt. Martin Schulz (SPD) wird in Würselen wählen, Angela Merkel (CDU) in einer Mensa des Studierendenwerks Berlin. Fast jeder macht das, nur Horst Seehofer (CSU) hat sich für Briefwahl entschieden. Sein Tagesprogramm: „Nichts.“ Bis um 16 Uhr die engste CSU-Spitze in der Parteizentrale tagt.

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Merkel: „Warten und Gucken, wie bei der Zeugnisvergabe“

Frank-Walter Steinmeier im Jahr 2009. 

Meistens bleiben die Politiker tagsüber daheim. „Das Essen schmeckt nicht“, berichtet Huber, Anrufe lenken nicht ab, erst recht kein Mittagsschlaf. „Warten und Gucken, wie bei der Zeugnisvergabe“, sagte Merkel neulich in einem Interview, am Wahltag sei sie „zur Passivität verurteilt“.

Immerhin endet am Wahltag auch die erzwungene Schauspielerei jener Politiker mit schlechten Umfragewerten, die sich das bis zum Ende nie anmerken lassen durften. In Wahrheit haben die Wahlkämpfer schon Tage vor dem Urnengang ein Gefühl für Sieg oder Niederlage. Erste belastbare Zahlen bekommen sie übrigens bereits am Nachmittag. So ab 16.30 Uhr beginnen die „exit polls“ zu kursieren, die Nachwahlbefragungen mit zehntausenden Teilnehmern. Das sind die Zahlen, die die großen TV-Sender um Punkt 18 Uhr – eine Sekunde vorher wäre verboten – über die Bildschirme flimmern lassen. Eilig verbreiten sich die Werte am späten Nachmittag per SMS in der Polit-Szene.

Gesprochen wird darüber nie. Immerhin drohen bei vorzeitiger Veröffentlichung bis zu 50 000 Euro Bußgeld. Nur Gerhard Schröder (SPD) plauderte aus, dass er 1998 am Nachmittag des Wahltags per Telefon von seinem Duzfreund, dem Demoskopen Manfred Güllner, erfahren habe, dass er in Kürze Kanzler sein werde. Andere erfahren vorab, dass die politische Karriere an diesem Abend endet.

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Stoiber und ein Wahltag zum vergessen

Edmund Stoiber bei der Landtagswahl 2003.

Auf Basis dieser Werte von ARD und ZDF (die sich meist noch um ein bis drei Prozentpunkte unterscheiden) beraten die Parteispitzen schon vor Schließung der Wahllokale, was sie am Abend sagen wollen. Der Bundesvorstand der SPD will am Sonntag um 17 Uhr beraten, der Landesvorstand ist für 17.15 Uhr zur Schalte verabredet. Telefon, weil die Landesvorsitzende Natascha Kohnen und Spitzenkandidat Florian Pronold den frühen Wahlabend diesmal mit Martin Schulz Willy-Brandt-Haus verbringen. Behalten die Demoskopen Recht, wird man an einer Krisenstrategie basteln müssen.

Kalt erwischt wird von den 18-Uhr-Zahlen also kein hochrangiger Politiker. Vor den Anhängern und damit im Fernsehen zeigen sich die Parteichefs, Kanzler und Minister dennoch erst einige Minuten später; manche auch erst, wenn die Prognosen ab etwa 18.30 Uhr durch erste Hochrechnungen aus den Wahllokalen ergänzt werden und damit präziser sind. Die meisten erscheinen aber vor 19 Uhr, um in die ZDF-Nachrichten zu kommen. Spätestens zur „Tagesschau“ waren alle vor den Kameras.

Manchmal ist auch das riskant, weil die ersten Zahlen trügen. Kaum einer dürfte das schmerzhafter erlebt haben als Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) in der Wahlnacht im September 2002. „Eines ist klar: Wir haben die Wahl gewonnen“, sagte er um 19 Uhr in Berlin; der Abend, an dem sein legendärer Satz fiel, ob man nun „ein Glas Champagner aufmachen“ solle. Er stieg ins Flugzeug nach München – und erfuhr bei der Ankunft, dass es doch nicht gereicht hatte, um 0,01 Prozent. Rund 6000 Stimmen.

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