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Horst Seehofer will sich nicht abwatschen lassen. Zumindest nicht im Amt.

Bitterer Gruß an Nachfolger Söder

Seehofer: Wilde „Watschnbaum“-Ansage als letzter Weckruf - Sonderparteitag im Dezember?

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Mit starken Worten droht Horst Seehofer seiner Partei mit Rücktritt. Er mache für die CSU „nicht den Watschnbaum“. Sein Rückhalt schwindet allerdings weiter. Der Sonderparteitag rückt näher.

München – Es sieht nach einem gemütlichen Vormittag aus. Ein Bierkrug steht im Wirtshaus vor Horst Seehofer, der gefüllte Brezenkorb ist griffbereit. Der Sonntagsstammtisch im BR könnte also in eine leichte Plauderei münden, harmlos und nett. Spätestens nach zwei Dritteln der Livesendung ist der Runde und ein paar hunderttausend Zuschauern am Fernseher allerdings klar: Seehofer will an diesem sonnigen Kirchweihsonntag überhaupt gar keine Gemütlichkeit.

Der Chef der CSU und Bundesinnenminister hat eine Botschaft mitgebracht, er wiederholt sie ausdrücklich. Schon nach der Bundestagswahl sei er zum Alleinverantwortlichen für die CSU-Verluste gestempelt worden. „Noch mal mache ich den Watschnbaum nicht. Eher stelle ich mein Amt als Parteivorsitzender zur Verfügung.“

Es ist der Versuch, den Spieß umzudrehen

Es ist eine Mischung aus Kampfansage und Rücktrittsdrohung. Auf jeden Fall der Versuch, den Spieß umzudrehen. Seehofer weiß, dass seine Parteifreunde ihm derzeit verbändeweise die Solidarität aufkündigen. Sein Sturz als CSU-Chef naht, weil mächtige Bezirksverbände, angefangen in Oberbayern, einen Sonderparteitag planen; Kreisverbände offen seinen Rücktritt fordern und mehrere Landräte ihn massiv kritisieren. Dem Vorsitzenden wird vorgehalten, mit seinem Kurs in Berlin der Partei im Sommer bis in den Wahlkampf hinein geschadet und sich selbst vor großen Auftritten gedrückt zu haben.

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„Oberflächliche Wahlanalysen“, nennt er das verärgert, „das ist der einfachste Weg“. In der Sendung stellt er seine Analyse entgegen. Seit 2008 sei der CSU mit den Freien Wählern und durch die Flüchtlingspolitik ab 2015 mit der AfD enorme Konkurrenz erwachsen, 20 Prozentpunkte wanderten ab. Bayern erlebe gleichzeitig eine „ungeheure Pluralität“ (das sehe er ausdrücklich positiv), die klassischen CSU-Milieus lösen sich auf. Und drittens verliere die CSU an Verankerung in der Gesellschaft. Beispiel: „Wir sind auf dem ökologischen Feld schwach. Wir können ja nicht mal einen dritten Nationalpark ausweisen.“

Das ist ein bitterer Gruß an den Nachfolger als Ministerpräsidenten. Markus Söder hatte die Nationalpark-Pläne mit einem kühlen Satz beendet. Der Rest der Analyse zielt darauf, die Verantwortung auf mehrere Schultern als bisher zu verteilen.

Seehofer will eigetnlich im Amt bleiben

Tatsächlich würde Seehofer, so sagen es seine wenigen Vertrauten, gern im Amt bleiben. Er fährt auf Sicht. Räumt wie zuvor Söder kleinere stilistische Missgriffe beim Thema Asyl ein („Tourismus... und so weiter“), aber keine großen Fehler. Die wilde „Watschnbaum“-Ansage nun dürfte der Versuch sein, in der Partei die letzten verblieben Unterstützer zu mobilisieren. Oder, wenn man schon stürzt, wenigstens den Eindruck eines selbstgesteuerten Abgangs zu erwecken.

Dass der Abgang näher rückt, dürfte ihm klar sein. Am Wochenende schloss sich der Bezirksverband Schwaben offiziell der Forderung Oberbayerns nach einem Sonderparteitag an. Er müsse die Aufstellung für die kommenden Jahre regeln. In CSU-Kreisen wird eines der ersten Dezember-Wochenenden als Termin gehandelt.

Seehofer verlangt von Stamm und Waigel „Respekt“

Parteigranden wie Barbara Stamm und Theo Waigel erneuerten in mehreren Interviews und Beiträgen ihre Kritik am Kurs der CSU. Stamm unterstützt sogar explizit einen Nachfolger: „Mit Manfred Weber an der Parteispitze und Markus Söder als Ministerpräsidenten würde in der CSU wieder mehr Bandbreite repräsentiert.“ Seehofer reagiert verärgert auf beide, verlangt „Respekt“.

Auch die Junge Union gießt Öl ins Feuer. Am Wochenende beschloss ihr Bezirksverband Oberfranken eine offene Rücktrittsforderung. „Der Parteivorsitzende hat das Vertrauen in die Politik der CSU in weiten Teilen der Bevölkerung verspielt oder zumindest hart auf die Probe gestellt“, heißt es in einer Erklärung. „Durch Seehofers Verhalten im Vorfeld der Landtagswahl ist er als Vorsitzender der CSU und als Bundesinnenminister nicht länger tragbar und soll seine Ämter zur Verfügung stellen.“

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