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Eine Studie zur Bundestagswahl zeigt: Wer wenig Geld hat, wählt seltener. Das ist auch im reichen München so.

Studie zur Bundestagswahl

Wer wenig Geld hat, wählt seltener

München - Wer wenig Geld hat, geht nicht wählen. Eine Analyse der Bundestagswahl zeigt, dass Menschen in prekärer Situation wenig Einfluss auf das Wahlergebnis nehmen, auch im reichen München.

Sie sind arbeitslos, haben keinen Schulabschluss, wenig Geld – und gehen nicht wählen. Die 17 Millionen Nichtwähler in Deutschland stammen überdurchschnittlich oft aus einem prekären Milieu. Das ist ein Problem, sagen Experten – die soziale Spaltung in der Demokratie nimmt zu, weil die schwächeren Schichten schlecht repräsentiert sind.

Für die Bertelsmann-Stiftung hat das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung die Bundestagswahl 2013 untersucht. Die Experten analysierten 28 Großstädte und 640 Stimmbezirke, die repräsentativ für Deutschland sind und auch für die Prognosen am Wahltag genutzt wurden. Dabei wurde auch ermittelt, wo die Nichtwähler wohnen. „Ergebnis: Je prekärer die soziale Situation in einem Stadtviertel, desto niedriger die Wahlbeteiligung.“ Das gelte für Ost und West, für Stadt und Land gleichermaßen.

In Bayern wurde nur München untersucht. Auf den ersten Blick sieht die Wahlbeteiligung in der Stadt gar nicht schlecht aus: Sie liegt bei 71,2 Prozent und entspricht relativ genau dem Bundesdurchschnitt (71,5 Prozent). Erst ein genaueres Hinsehen in den 25 untersuchten Bezirken entlarvt die Problemviertel. Im nördlich gelegenen Milbertshofen-Am Hart gingen mit 61,5 Prozent am wenigsten Wahlberechtigte an die Urne. Dort ist, so steht es in der Studie, jeder zweite Haushalt „sozial prekär“. Nirgendwo in München haben weniger Menschen Abitur, jeder zehnte Bewohner hat gar keinen Schulabschluss. Zudem dominieren die „großen Miets- und Hochhäuser, in denen zwei Drittel der Haushalte wohnen“. Ganz ähnlich stellt sich die Situation in Feldmoching-Hasenbergl dar, dem Bezirk mit der höchsten Arbeitslosenquote. Dort gingen nur 63,6 Prozent zur Wahl.

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Was bedeutet das für Politiker, die in diesen Vierteln antreten? Franz Maget, ehemaliger Fraktionschef der Landtags-SPD, kandidierte jahrelang im Münchner Norden. Er sagt: „Ein guter Wahlkämpfer muss ganz genau wissen, wo sein Infostand steht.“ Auch sozial schwache Wahlberechtigte seien mobilisierbar – „aber man darf nicht über ihre Köpfe hinwegreden“. Diese Bürger hätten oft weniger Interesse an der großen Politik: „Sie sind gedrückt von Alltagssorgen, wollen wissen, ob sie ihre Miete zahlen können und ob ihre Kinder einen Ausbildungsplatz bekommen.“ Die SPD als Arbeiterpartei kommt da offenbar gut an: Milbertshofen ist der einzige Stimmkreis bayernweit, der traditionell von Sozialdemokraten, nicht von der CSU gewonnen wird.

Die Wählerhochburg Münchens ist Pasing-Obermenzing: Gut drei Viertel machten bei der Bundestagswahl ihr Kreuz. Die oberen Schichten – die Autoren der Studie nennen sie „konservativ-etabliert“ und „liberal-intellektuell“ – stellen jeden zweiten Haushalt. Mehr als 40 Prozent haben Abitur und nur ganz wenige haben überhaupt keinen Schulabschluss. Arbeitslos sind dort nur drei Prozent. Ähnlich hoch ist die Wahlbeteiligung im Bezirk Altstadt-Lehel (74,9). Dort dominieren die „effizienzorientierte Leistungselite“ sowie die „kreative Avantgarde“.

Das Fazit für München: Die Wahlbeteiligung ist sozial gespalten, das Bundestagswahlergebnis 2013 sei, gemessen an der Sozialstruktur, nicht repräsentativ. Immerhin: So deutlich wie in Köln, wo der größte Unterschied zwischen einzelnen Vierteln einer Stadt ermittelt wurde, nämlich 46 Prozentpunkte, ist die Spaltung nicht.

Und das Problem verschärft sich: „Noch nie war das Gefälle in der Wahlbeteiligung so groß wie bei den beiden letzten Bundestagswahlen 2009 und 2013“, sagte Jörg Dräger von der Bertelsmann-Stiftung, dem Auftraggeber der Studie. Im Jahr 1998 lagen bundesweit die Stimmbezirke mit der jeweils höchsten und niedrigsten Beteiligung bei der Bundestagswahl 19,1 Prozentpunkte auseinander. 2013 betrug diese Differenz bereits 29,5 Prozentpunkte. Dräger sagt: „Die Ungleichheit der Wahlbeteiligung hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verdreifacht.“

Carina Lechner

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