In Serbien kamen zuletzt wieder mehr Flüchtlinge an. foto: dpa

Zahlen verringern sich nur vorübergehend

Weniger Flüchtlinge an Bayerns Grenzen: Nur eine Verschnaufpause

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München - An Bayerns Grenzen kamen zuletzt weniger Flüchtlinge an. Im Ministerium will man aber keinesfalls Entwarnung geben: Die zurückgehenden Zahlen sind wohl in erster Linie die Folge einer ungünstigen Wetterlage über der Ägäis.

Das Wochenende brachte eine Atempause. Seit vergangenem Freitag hat sich die Situation an Bayerns Grenzen ein wenig entspannt, die Zahlen ankommender Flüchtlinge sind zurückgegangen. „Gott sei Dank“, wie der Passauer Landrat Franz Meyer sagt. Und beinahe trotzig hinzufügt: „Ich hoffe, dass es dauerhaft weniger wird. Das muss sich normalisieren.“ Doch dass diese relative Entspannung tatsächlich von Dauer ist, glaubt kaum jemand.

Während laut Bundespolizei bis zum vergangenen Donnerstag noch täglich 5000 bis 6000 Asylbewerber in Bayern ankamen, haben sich die Zahlen seither deutlich verringert. Bundespolizei-Sprecher Matthias Knott bestätigt. „Das ist schon ein Rückgang seit ein paar Tagen.“ Am Freitag erreichten 2210 Flüchtlinge Bayerns Grenzen, am Samstag waren es sogar nur 1760. Am Sonntag kamen dann wieder 2450 Migranten an – immer noch eine Zahl, die weit geringer ist als die Werte der vorangegangenen Wochen und Monate. Seit Monatsbeginn kamen laut Innenministerium insgesamt knapp 172 000 Flüchtlinge neu in Bayern an.

Überfahrt von der Türkei nach Griechenland erschwert

Welche Gründe der aktuelle Rückgang haben könnte, darüber will Knott nicht spekulieren. Ebenso schwer sei es, eine Prognose für die kommenden Tage und Wochen zu treffen, auch wenn die Bundespolizei sich natürlich mit den österreichischen Kollegen über die Lage austauscht, wie Knott sagt.

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Hans Friedrich Schodder, Leiter des serbischen Büros des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Belgrad, erkennt den maßgeblichen Grund für den Rückgang im schlechten Wetter über der Ägäis. Das hat Flüchtlingen zuletzt die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland erschwert, glaubt er. Zwei Mal habe es im November einen Knick in den Zahlen der Migranten gegeben, die durch Serbien reisten. Beide Male sei das von der Ägäis ausgegangen. Den ersten Rückgang Anfang des Monats habe ein Streik der griechischen Fähren verursacht. Den zweiten Knick hat Schodder vom 22. auf den 23. November beobachtet – wenige Tage, bevor die Zahlen in Bayern abnahmen, und kurz nachdem das Wetter über der Ägäis schlechter geworden ist. Da kamen in Serbien von einem Tag auf den anderen nur noch 2000 satt 6000 Menschen an, sagt Schodder unserer Zeitung. Inzwischen stehe man wieder bei etwas weniger als 4000 Menschen täglich. „Es geht hoch und runter.“ Wertet man die serbischen Zahlen als Indikator, dürfte also auch an Bayerns Grenzen bald wieder mehr los sein.

"Halten unsere Strukturen aufrecht"

„Wir gehen nicht von einer langfristigen Entspannung aus“, sagt auch Stefan Frey, Sprecher des Bayerischen Innenministeriums. Wie viele Flüchtlinge in den Wintermonaten in Bayern ankommen, ist „ganz schwierig zu prognostizieren“, sagt Frey. „Wir halten unsere Strukturen aufrecht und fahren weiter auf Sicht.“ Neben der Schlechtwetterlage in der Ägäis sieht Frey einen weiteren Grund für den Rückgang darin, dass die mazedonische Regierung derzeit nur noch Syrer, Afghanen und Iraker über ihre Grenze lässt. Alle anderen Flüchtlinge werden als Wirtschaftsmigranten angesehen. Ähnliche Regelungen bestehen in Serbien, Kroatien und Slowenien. Mazedonien hat am Samstag mit dem Bau eines Grenzzauns zum südlichen Nachbarn Griechenland begonnen.

Unterdessen wurden am Montag im Athener Hafen Piräus mehr als 4000 Flüchtlinge erwartet. Griechische Medien berichteten, dass der Flüchtlingszustrom wieder an Fahrt aufgenommen hat. Das Wetter ist besser geworden.

Zentralrat der Muslime: Technische Obergrenze bald erreicht

Deutschland stößt bei der Flüchtlingsaufnahme nach Ansicht des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime (ZMD), Aiman Mazyek, an seine Grenzen. „Moralisch kann es wegen der Werte unserer Verfassung und unserer historischen Verantwortung keine Obergrenze geben. Technisch aber schon“, sagte Mazyek der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Diese Obergrenze scheint in Deutschland offenkundig bald erreicht zu sein.“ Auch und gerade die Muslime in Deutschland seien bei der Integration der Flüchtlinge gefordert, fügte der ZMD-Vorsitzende hinzu. Sie leisteten bereits sehr viel – „sie könnten aber noch mehr schaffen, wenn der Staat und Gesellschaft sie dabei unterstützt und mehr Zutrauen in unsere Integrationslotsen hat“. Durch die Flüchtlingswelle habe die Zahl der Muslime in Deutschland binnen weniger Monate um rund ein Viertel zugenommen, sagte Mazyek. Für die in Deutschland sesshaften Muslime bedeute dies einen Wandel des hierzulande gelebten Islams, aber auch einen Wandel der Sicht der Gesellschaft auf sie. Grundlage des Wandels müsse stets die Verfassung sein.

dpa

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