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Religions-Debatte: (von links) die Professoren Heinzmann, Özsoy, der Vorsitzende des Stiftungsrates Martin Thurner, sowie Homolka und Kirchhof. Foto:

Podiums-Diskussion der Eugen-Biser-Stiftung

„Wenn Gewalt durch Inanspruchnahme von Heiligkeit legitimiert wird“

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München - Wie gehen wir mit Religionsfreiheit um, wenn manche einen angeblich "Heiligen Krieg" führen? Die Eugen-Biser-Stiftung hat ins Münchner Künstlerhaus eingeladen, um darüber zu diskutieren.

Sie führen einen angeblich „Heiligen Krieg“, morden im Namen Allahs und treiben Millionen Menschen, viele davon Glaubensbrüder, in die Flucht nach Europa. Dort stellt deren massenhafte plötzliche Ankunft die Gesellschaften vor erhebliche, nicht nur materielle, Probleme. Wie also umgehen mit dem Koran und seinen Anhängern, mit Religionsfreiheit überhaupt in diesen Zeiten? Die Eugen-Biser-Stiftung hat ins Münchner Künstlerhaus eingeladen, um mit vier Professoren, drei Vertretern der monotheistischen Weltreligionen sowie einem Verfassungsrechtler, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Für Ömer Özsoy, Professor für Koranexegese an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität, steht der Islam nicht erst seit den menschenverachtenden Taten der Taliban, von Boko Haram oder des sogenannten Islamischen Staates am Pranger. Den „Verdacht, eine Religion des Krieges zu sein“, gebe es schon seit dem christlichen Mittelalter, so Özsoy. Ja, es habe immer Epochen gegeben, in denen Gewalt durch Inanspruchnahme von Heiligkeit legitimiert wurde. Und ja, es gebe die sogenannten Skandalverse, die in einer etablierten Allianz von „islamfeindlichen Hasspredigern“ und „Terroristen“ dazu missbraucht würden, ihre Gewalt durch den Koran zu legitimieren oder gar aus ihm abzuleiten. Diese Deutung sei aber nur durch „anachronistische und gottlose Lektüre“ möglich und als fundamentalistische Vergewaltigung dieser Schriften zu verurteilen.

Notwendig sei daher eine klare Einordnung der Texte in ihren historischen Rahmen, um die wahre Bedeutung der Verse klar zu machen. Dass der Koran aber gar nichts mit Gewalt zu tun habe, wie sich manche gut meinenden Muslime rechtfertigten, geht Özsoy zu weit. Der Islam sei zwar eine Religion des Friedens, aber in bestimmten Fällen lasse der Koran nicht nur Gewalt zu, sondern mache sie praktisch zur Pflicht: etwa, wenn es um eigene Glaubens- und Meinungsfreiheit gehe und/oder andere schwache und unschuldige Menschen unterdrückt würden. Özsoy zitiert Sure 42,42: „Vorgehen kann man nur gegen die, die gegen die Menschen freveln und (überall) im Land unberechtigterweise Gewalttaten ausüben. Sie haben (dereinst) eine schmerzhafte Strafe zu erwarten.“

Dieses Widerstandsrecht habe aber nichts mit einer Erlaubnis etwa zur gewaltsamen Missionierung zu tun. Es gebe überhaupt keinen Zwang in Glaubensangelegenheiten. In Sure 10,99 heißt es: „Und wenn Dein Herr gewollt hätte, wären die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig geworden. Willst Du nun die Menschen dazu zwingen, dass sie glauben?“

Dass Zwang und Glauben sich ausschließen, es aber dennoch historische Perioden gab, in denen dieses Prinzip mit Füßen getreten wurde, lernte man auch im Christentum. Richard Heinzmann, Professor em. für christliche Philosophie und Theologische Propädeutik, beleuchtet dabei die unselige Rolle, die Augustinus für die christliche Freiheitslehre spielte. Dessen These, wenn es um das Heil gehe, dürfe der Mensch nicht nur, er müsse dann sogar zum rechten Glauben gezwungen werden, bildete das Fundament für den Rollenwechsel der Christen: Seit dem römischen Kaiser Theodosius wurden sie für viele Jahrhunderte „von Verfolgten zu Verfolgern“, so Heinzmann.

  Dass die monotheistischen Weltreligionen in der Substanz einander sehr nahe seien, daran erinnert Ex-Verfassungsrichter Prof. Paul Kirchhof: Schon Nikolaus Cusanus habe darauf hingewiesen, dass die Gegensätze der Religionen vor allem aus regionalen Besonderheiten, gewachsenen Kulturen und Riten zu erklären seien. In der „Substanz aber suchten alle Religionen, die einen Gott verehrten, denselben Gott.“ Daraus leite sich die Rücksichtnahme im alltäglichen Leben ab.

Dass sich religiöse Minderheiten an die Mehrheitsverhältnisse anpassen mussten, macht Rabbiner Prof. Walter Homolka deutlich. Juden hätten sich in ihrer Geschichte fast immer anpassen müssen, weil sie fast überall in der Diaspora die Minderheit stellten. Religionsfreiheit, da herrscht Konsens auf dem Podium, ist ein individuelles Menschenrecht. Homolka erinnert an die Maxime Napoleons: „Dem Judentum – nichts! Dem jüdischen Bürger – alles!“ Alexander Weber

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