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Deutliche Worte pro Jan Böhmermann und massive Kritik am türkischen Präsident Erdogan findet Kabarett-Urgestein Werner Schneyder (79) im tz-Interview:

Interview

Werner Schneyder zum Fall Böhmermann: "Die haben das Maul zu halten"

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München - Deutliche Worte pro Jan Böhmermann und massive Kritik am türkischen Präsident Erdogan findet Kabarett-Urgestein Werner Schneyder (79) im tz-Interview:

Präsident Recep Tayyip Erdogan (62) und die Türkei haben Strafantrag gegen Jan Böhmermann (35) wegen dessen Schmähgedichts gestellt. Das bringt die Bundesregierung in Bedrängnis – auch wenn Kanzlerin Angela Merkel die Meinungs- und Kunstfreiheit in Deutschland hervorgehoben hat: „Diese Grundwerte gelten unbeschadet aller politischen Probleme, die wir miteinander besprechen“, sagte sie gestern in Richtung Türkei.

Böhmermann selbst hat die nächste Ausgabe seiner ZDF-Sendung Neo Magazin Royale am Donnerstag abgesagt. Grund sei die massive Berichterstattung der letzten Tage. Deutliche Worte findet Kabarett-Urgestein Werner Schneyder (79) im tz-Interview:

Jan Böhmermanns Erdogan-Spottlied sorgt für diplomatische Verwicklungen zwischen Deutschland und der Türkei – jetzt auch per Anzeige. Überrascht Sie, dass sich das so hochschaukelt?

Werner Schneyder: Überrascht ist das falsche Wort. Ich bin entsetzt darüber, dass man diesen Einspruch der Türken auch nur einen Deut ernst nimmt. Die haben das Maul zu halten. Das geht die einen Dreck an. Der Herr Böhmermann kann spotten über den Herrn Erdogan, wie er mag.

War’s ein Fehler von Angela Merkel, dem türkischen Ministerpräsidenten Davutoglu am Telefon zu erklären, dass sie das Spottgedicht für geschmacklos hält?

Schneyder: Über so etwas redet man doch nicht – um Gottes Willen! Man stellt ja hier die Meinungsfreiheit zur Disposition. Der Herr Erdogan soll lieber Auskunft geben über die Hitlerverehrung in der Türkei, das würde mich mehr interessieren. Durch die Flüchtlingsfrage ist Europa jetzt nach Belieben erpressbar. Und zwar von einer politisch dubiosen Regierung. Und das ist jetzt vorsichtig formuliert.

Werner Schneyder zu Jan Böhmermann: Strafantrag der Türkei und Erdogans "auf dem Klo aufhängen"

Wie sollte die Bundesregierung reagieren? Kann man den Strafantrag der Türkei und Erdogans einfach ignorieren?

Schneyder: Den kann man an einem Nagel auf dem Klo aufhängen!

Was kann man als Kabarett-Kollege für Böhmermann tun?

Schneyder: Gesetzt den Fall, man würde dem Mann den Prozess machen und lädt einen Sachverständigen aus der Branche zum Prozess ein, dann sollten sie ja nicht riskieren, mich zu holen (lacht schallend). Sonst müsste anschließend die Türkei Deutschland den Krieg erklären.

Wie beeinflussen solche Ereignisse Kabarettisten? Dieter Hallervorden hat mit einem eigenen Spottlied nachgelegt und sich gestern auch in der tz pro Böhmermann geäußert...

Schneyder: Ich kann mir keinen politischen Kabarettisten vorstellen, der nicht sagt: jetzt erst recht! Es würde sich jeder ernst zu nehmende politische Kabarettist disqualifizieren, wenn er auch nur einen Hauch Kritik an Böhmermann zuließe.

Haben Sie in Ihrer langen Karriere jemals etwas Ähnliches erlebt?

Schneyder: Nur im ganz Kleinen. Es gibt ja Gesetze. Ich kann mich erinnern, dass sich Bruno Jonas mal in München in die deutsche Fahne schneuzen wollte. Das haben wir dann weggelassen, weil das klagbar ist. Ich hab einmal einen Kardinal, der dann aber später wegen Kindesschändung verurteilt wurde, „männliche Mutter Gottes“ genannt. Da hat man mich wissen lassen vom Justiziar, das wäre Religionsschändung. Dann hab ich’s halt durch eine andere Pointe ersetzt.

Das heißt, man klopft ein Kabarett-Programm schon im Vorfeld juristisch ab, ehe es im Fernsehen ausgestrahlt wird?

Schneyder: Man nicht. Aber das Fernsehen. Da hört der Justiziar die Generalprobe mit. Das ist klar. Dewegen hab ich auch immer den Kollegen im Fernsehen, also auch beim Scheibenwischer, gesagt: Ihr müsst in der Livesendung das sagen, was ihr in der Generalprobe gesagt habt! Sonst liefert man den Redakteur ja ans Messer. Das ist unfair. Der Freelancer geht nach Hause, und der verantwortliche Angestellte muss sich dann beschimpfen lassen …

Ihr Fazit?

Schneyder: Den Paragrafen über die Kränkung ausländischer Staatsoberhäupter, den es in Deutschland offensichtlich noch gibt, sofort streichen! Was da gerade passiert, ist absurd, einfach nur lächerlich.

Interview: Wolfgang de Ponte

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