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Fünf Jahre allein auf der Regierungsbank? Nur ein Scherz von Ministerpräsident Horst Seehofer – einer, über den nicht jeder befreit lachen kann.

„Wie Bonbons für kleine Kinder“

Seehofer frotzelt - und die SPD kritisiert

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    Philipp Vetter
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München - Bayern hat eine neue Regierung. Bei der Vereidigung des Kabinetts war Ministerpräsident Seehofer bestens gelaunt. Vor seinen Frotzeleien war kein Minister sicher. Andere haben weniger Grund zum Lachen.

Der Ministerpräsident ist in Plauderlaune. Horst Seehofer steht im Innenhof des Maximilianeums, noch hat er ein paar Minuten Zeit, bis drinnen die Vereidigung seines neuen Kabinetts beginnen soll. Seehofer erzählt von den Sondierungsgesprächen im Bund mit der SPD. Olaf Scholz, der Hamburger Regierungschef, habe gesagt, er habe fünf Wochen ohne Minister regiert. „Das hab ich auch vor für fünf Jahre – aber vorher muss ich sie noch ernennen“, sagt Seehofer und grinst. Er ist so mächtig wie noch nie, Minister braucht er nicht. „Wer tagt da eigentlich grade?“, fragt er. „Die Fraktion? Warum eigentlich? Ist doch alles klar.“ Soll heißen: Ich habe gesagt, wer Minister wird, das werden die Abgeordneten abnicken.

Joachim Herrmann kommt dazu, er soll wieder Innenminister werden. Er ist keiner der Superminister, wie Ilse Aigner und Markus Söder. „Bist’ zufrieden?“, fragt Seehofer. „Innenminister ist ein Qualitätskriterium an sich, da muss man nicht Superminister sein“, sagt Herrmann. Er meint es mindestens zur Hälfte ernst. „Du hast ja jetzt auch noch die Verantwortung für Olympia – und für die Finanzierung von Olympia. . .“, sagt Seehofer, seine Mundwinkel zucken, er verkneift sich das Grinsen, ohne Spitze geht es derzeit nicht.

Nach und nach kommen die künftigen und meist auch bisherigen Minister im Plenarsaal an. Demonstrativ geschlossen stehen Seehofer, Aigner und Söder zusammen. Seehofer klopft Söder aufmunternd auf die Schulter, Aigner macht es ihm nach, Söder verzieht keine Miene. Dann nimmt Seehofer allein auf der noch leeren Regierungsbank Platz. Er erläutert noch einmal den Zuschnitt der Ministerien – und hört sich an, was die Opposition sagt.

„Der Ministerpräsident verteilt Ministerien wie Bonbons an kleine Kinder“, sagt SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher. Er kritisiert vor allem, dass nur fünf Frauen dem 17-köpfigen Kabinett angehören. Das neue Heimatministerium sei „das Home-Office für Markus Söder“ geworden. Der Finanzminister, der eigentlich das Geld zusammenhalten müsse, solle nun als Heimatminister die Regionen fördern. „Sie werden der Buhmann sein“, prophezeit Rinderspacher. Ilse Aigner sei „ab heute designierte Spitzenkandidatin für 2018“. So sieht das auch Ludwig Hartmann, neuer Fraktionschef der Grünen. Er kritisiert die inflationären Superminister-Posten. „Das ist wie an der Tankstelle: Da gibt’s auch nur noch Super, das Auto fährt deshalb nicht besser.“

Die erwählten Minister lassen sich die Laune davon nicht vermiesen. Für sie, die vorne stehen, ist es einer der größten Tage im Leben. In den hinteren Reihen sitzen CSUler mit knirschenden Zähnen. „Die Kreativen bleiben draußen“, klagt einer der alten Hasen. Allseits wird zum Beispiel gerätselt, warum der junge Wissenschaftspolitiker Oliver Jörg nichts wurde. Viele hoffen auf eine zweite Chance: In der Fraktion gibt es einen wilden Wettlauf. Gerade aufstrebende Abgeordnete hoffen, in der nächsten Woche einen der Vizeposten zu bekommen. Jörg ist dabei, auch Kerstin Schreyer-Stäblein.

Sorgen gibt’s beim mächtigen Haushaltausschuss. Zuletzt stellte Schwaben den Vorsitzenden; wundersam wanderten Behörden und Investitionen dorthin. Der Münchner Otmar Bernhard will nun ans Ruder, wird aber von seinen lokalen Parteifreunden im Stich gelassen. Ob er sich durchsetzen kann, ist offen.

All das belastet Seehofer nicht. Er frotzelt auch beim anschließenden Fototermin weiter. Ilse Aigner und Christine Haderthauer bekommen je einen Blumenstrauß. Da blickt Seehofer zu Söder. „Herr Finanzminister, früher waren die Blumensträuße größer.“ Darauf Söder: „Nicht übertreiben – die größten gibt’s bei der Verabschiedung.“ Da lacht Seehofer.

Von Philipp Vetter und Christian Deutschländer

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