+
Wird sie nun reden? Beate Zschäpe.

Wende im NSU-Prozess

Der Tag nach dem Eklat: Wird Zschäpe reden?

München - 128 Verhandlungstage lang verschanzte sich die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe hinter ihren Anwälten, das ist seit Mittwoch vorbei, als sie ihnen ihr Vertrauen entzog. Die Frage ist: Wird Beate Zschäpe reden?

Es sah alles so harmonisch aus. Zuweilen sogar ein bisschen zu harmonisch. An 128 Verhandlungstagen scherzte Beate Zschäpe mit ihren Anwälten, man teilte sich Bonbons und Weingummi. So gut schien die Stimmung auf der Anklagebank des NSU-Prozesses zuweilen, dass einige Nebenkläger sich über den „Eindruck der Kumpanei“ empörten. Umso überraschender ist, was am 128. Tag passierte: Beate Zschäpe entzog ihren Verteidigern das Vertrauen – und bringt damit den größten Prozess in der deutschen Nachkriegsgeschichte zum Wanken. Auch zwei Tage nach dem Paukenschlag vom Mittwoch sind die Motive der mutmaßlichen Rechtsterroristin noch unklar. Das Oberlandesgericht (OLG) hat ihr Zeit bis zum Ende des heutigen Freitags gegeben, um sich schriftlich zu erklären.

Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass die Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl auf diesen Schritt ihrer Mandantin vorbereitet waren. Beobachter berichten, man habe Stahl nie so aufgeregt gesehen wie an diesem Tag. Alle drei wollen sich bislang nicht zu den Vorgängen äußern. Zschäpe hatte am Mittwoch einem Wachbeamten ihre Zweifel an den Anwälten offenbart, der das Gericht darüber informierte. Seither ist der Prozess bis Dienstag unterbrochen. Ursprünglich hatte Zschäpe bis zum gestrigen Donnerstag Zeit für ihre Erklärung, sie bat aber um eine Verlängerung der Frist.

Wie berichtet wird vermutet, dass Beate Zschäpe mit der Verteidigungsstrategie ihrer Anwälte nicht mehr einverstanden ist. Die lautet: Schweigen. Beate Zschäpe hat im Prozess noch kein Wort gesprochen, obwohl Zeugen sie wiederholt als redselige, selbstbewusste Person geschildert haben. Ihr wird die Mittäterschaft an zehn Morden und etlichen weiteren Verbrechen vorgeworfen, ihre Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind tot und können nichts mehr aufklären. An 128 Tagen musste Zschäpe zuhören, was aus Sicht hunderter Zeugen passiert ist. Nur ihre eigene Sicht kennt niemand. Möglicherweise möchte sie das ändern. Kurz nach ihrer Festnahme im November 2011 sagte sie zu einem Polizisten, sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen. Allerdings hätte ihr das auch bisher freigestanden – kein Angeklagter ist an den Rat seiner Anwälte gebunden.

Einfach feuern kann Beate Zschäpe ihre Verteidiger ohnehin nicht, das Gericht muss der Entlassung der Pflichtverteidiger zustimmen. Dafür braucht es gewichtige Gründe, die Zschäpe nun darlegen muss. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hat dann mehrere Möglichkeiten, die aber allesamt riskant für das weitere Verfahren sind: Götzl kann alle drei Anwälte entbinden. Dann müssten neue Verteidiger tausende Aktenordner lesen – und wüssten immer noch nicht aus erster Hand, was bislang vor Gericht passiert ist. Diese Variante birgt eine hohe Revisionsgefahr, ein Neustart des Prozesses wäre wahrscheinlich. Genauso riskant wäre es, wenn das Ansinnen Zschäpes gut begründet ist und Götzl es trotzdem ablehnt – dann wäre die Frage, ob angesichts des Zerwürfnisses noch eine gute Verteidigung möglich ist. Einige Nebenklage-Vertreter halten es für wahrscheinlich, dass Götzl einen oder zwei Anwälte auswechselt. Das OLG äußert sich vorab nicht. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte, das Gericht müsse jetzt prüfen, „weshalb das Vertrauensverhältnis zu ihren drei Pflichtverteidigern endgültig und nachhaltig erschüttert“ sei. Die Anklagebehörde werde dann eine Stellungnahme abgeben, genau wie die drei Verteidiger.

Schon jetzt ist klar, dass das Verhalten Zschäpes für Heer, Sturm und Stahl ein herber Schlag ist. Bislang waren sie im Prozess vor allem mit Anträgen aufgefallen, die das Verfahren verzögern sollten. Mehrfach agierten sie aus Sicht von Beobachtern ungeschickt – zuletzt am Mittwoch, als sie die Neonazi-Größe Tino Brandt dazu brachten, sein Verhältnis zu Zschäpe als „echte Freundschaft“ zu bezeichnen. Stahl machte von sich reden, als er seine zu geringe Bezahlung monierte, Heer legte sich mehrfach mit Richter Götzl an – ohne, dass eine Taktik dahinter erkennbar gewesen wäre. Anja Sturm war wegen des Mandats aus ihrer Kanzlei in Berlin gedrängt worden, wechselte in Heers Kanzlei und zog nach Köln – sicher auch mit dem Ruhm im Blick, der mit so einem Verfahren einhergeht.

Besonders ruhmreich steht nun keiner der Drei da. Sollten tatsächlich neue Verteidiger benötigt werden, müsste sich erstmal jemand für diese Aufgabe finden.

akg

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hollande-Kritiker Hamon gegen Ex-Premier Valls
Paris - Bei der Abstimmung über die Präsidentschaftskandidatur von Frankreichs Sozialisten liegt der frühere Bildungsminister Benoît Hamon überraschend vorne.
Hollande-Kritiker Hamon gegen Ex-Premier Valls
Kollegen stürzen Hohlmeier
Straßburg – Bittere Stunde für Monika Hohlmeier im Europaparlament: Die Fachpolitiker der konservativen EVP-Fraktion haben die CSU-Abgeordnete als …
Kollegen stürzen Hohlmeier
Möglicher Komplize des Wiener Terrorverdächtigen in Neuss gefasst
Neuss - Planten sie einen Anschlag auf Bundeswehrziele? Nach der Verhaftung eines Terrorverdächtigen in Wien nimmt die Polizei in Nordrhein-Westfalen einen mutmaßlichen …
Möglicher Komplize des Wiener Terrorverdächtigen in Neuss gefasst
G20-Minister: Sparsamere Wassernutzung in der Landwirtschaft
Berlin - Die Grüne Woche ist nicht nur eine „Fress-Messe“. Parallel zum Treff der Agrarbranche beraten Minister über globale Ernährungssicherung. Und Tausende gehen in …
G20-Minister: Sparsamere Wassernutzung in der Landwirtschaft

Kommentare