Willy Brandt (SPD) legt wenige Stunden nach seiner Wiederwahl am 14.12.1972 im Deutschen Bundestag in Bonn den Amtseid ab.
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Unter Kurt Georg Kiesinger wurde Willy Brandt Außenminister, 1969 wurde er dann zum Bundeskanzler gewählt.

Leben und Karriere des Altkanzlers

Willy Brandt geht als erster sozialdemokratischer Bundeskanzler in die Geschichte ein

Willy Brandt: Der charismatische Kanzler kann eine Annäherung Westdeutschlands an den Ostblock erreichen.

  • Willy Brandt wird 1913 in Lübeck als uneheliches Kind geboren. Schon früh begeistert er sich für sozialistische Politik.
  • Während der NS-Zeit geht Willy Brandt ins Exil und wird von den Nationalsozialisten ausgebürgert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt er nach Deutschland zurück und beginnt seine politische Karriere.
  • Unter Kurt Georg Kiesinger wird Willy Brandt Außenminister, 1969 wird er dann zum Bundeskanzler gewählt. Mit seiner Annäherung an die Ostblockstaaten schlägt er eine neue politische Richtung ein.

1913 in Lübeck geboren, wächst Willy Brandt größtenteils bei seinem Stiefgroßvater auf, der sein Interesse an der Politik fördert. Schon früh setzt sich Brandt für die SPD ein, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernehmen, geht er als Widerstandskämpfer in den Untergrund und später ins Exil nach Norwegen und Schweden. Zeitweise staatenlos, kehrt Willy Brandt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurück und beginnt seine Karriere in der Politik.

Bereits 1949 ist er als Berliner Abgeordneter Mitglied des Deutschen Bundestags, 1955 wird er dann zum Regierenden Bürgermeister der Hauptstadt gewählt. Nachdem er 1961 und 1965 erfolglos als Kanzlerkandidat antritt, kann er die Bundestagswahlen 1969 für sich entscheiden und wird somit zum ersten sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Brandts Amtszeit ist geprägt durch seine Annäherung an die Ostblockstaaten, mit den Ostverträgen macht er diese neue politische Richtung offiziell. Mit dem Kniefall von Warschau geht Brandt 1970 in die Geschichte ein, ein Jahr später wird ihm der Friedensnobelpreis verliehen. 1974 tritt Brandt nach der Enttarnung eines DDR-Agenten in seinem Umfeld überraschend zurück.

Willy Brandt: Kindheit und politische Anfänge

Willy Brandt kommt am 18. Dezember 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck zur Welt. Seine Eltern sind nicht verheiratet: Brandts Mutter Martha Fram gibt den Namen des Vaters nicht beim Standesamt an und lässt ihren Sohn evangelisch taufen. Brandt lernt seinen Vater John Heinrich Möller, einen Hamburger Lehrer, nie persönlich kennen, obwohl dessen Identität ihm seit 1947 bekannt ist.

Der spätere Bundeskanzler wächst in einem Arbeiterviertel auf, seine Familiensituation beschreibt er als chaotisch. Ab 1919 lebt er bei seinem Stiefgroßvater Ludwig Frahm, der ihn auch nach dem Tod seiner Großmutter bei sich behält. Seine Mutter sieht er nur noch selten. Ludwig Frahm ist es auch, der Brandts Interesse für Politik weckt. Durch Frahms Einfluss wird er 1925 Mitglied der Kinderfreunde, 1929 tritt er dann der Sozialistischen Arbeiter-Jugend bei. Ab 1930 ist Brandt Mitglied der SPD, wechselt jedoch ein Jahr später aus Enttäuschung über die Untätigkeit der SPD zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD).

Sein Abitur legt Willy Brandt 1932 am Johanneum zu Lübeck ab. Im selben Jahr beginnt er ein Volontariat bei einer Schiffsmaklerfirma in Lübeck.

Willy Brandt während des NS-Regimes

Als Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, tauchen die Mitglieder der SAPD in den Untergrund ab. Der spätere Bundeskanzler geht im Zuge der Widerstandsarbeit nach Oslo, wo er den Kampfnamen Willy Brandt annimmt, den er Zeit seines Lebens nicht mehr ablegen sollte. Dort beginnt Brandt 1934 auch ein Geschichtsstudium, das er jedoch nie abschließt.

Als norwegischer Journalist getarnt reist Willy Brandt 1936 unter falschem Namen zurück nach Deutschland, um Kontakt zu Widerstandskämpfern der SAPD aufzunehmen. Um nicht aufzufliegen, spricht er sogar Deutsch mit norwegischem Akzent. 1938 wird Brandt durch die Reichsregierung ausgebürgert und ist fortan staatenlos. Zwei Jahre später flieht er nach dem deutschen Überfall auf Norwegen weiter nach Schweden. In der dortigen Botschaft erhält er die norwegische Staatsbürgerschaft. Brandt gründet eine Presseagentur und unterstützt weiterhin die Widerstandsbewegung.

Willy Brandt: Nachkriegszeit und Aufstieg zum Bundeskanzler

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt Willy Brandt nach Deutschland zurück und berichtet zunächst als Korrespondent über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. 1948 erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft zurück und macht „Willy Brandt“ fortan zu seinem bürgerlichen Namen.

Ab 1949 ist er als Berliner Abgeordneter der SPD Mitglied des deutschen Bundestages. In den Folgejahren übernimmt der ehemalige Widerstandskämpfer verschiedene politische Posten, bis er 1955 zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt wird. Sowohl 1958 als auch 1963 wird Brandt wieder gewählt, beide Male bildet er trotz absoluter Mehrheit der SPD Koalitionen mit der CDU und der FDP. Mit seinem bestimmten und charismatischen Auftreten in der Krisensituation des Mauerbaus 1961 beeindruckt Brandt ganz Deutschland und kann Wähler für sich gewinnen.

Ab 1962 ist Willy Brandt stellvertretender Parteivorsitzender der SPD, ab 1964 hat er den Bundesvorsitz inne. 1961 und 1965 tritt er jeweils erfolglos gegen Konrad Adenauer und Ludwig Erhard als Kanzlerkandidat an. Als Erhard 1966 zurücktritt und Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler gewählt wird, legt Brandt sein Bürgermeisteramt nieder und wird Außenminister der ersten Großen Koalition in Deutschland.

1969 tritt Willy Brandt erneut als Kanzlerkandidat an und kann die Bundestagswahl dieses Mal für sich entscheiden. Er bildet entgegen der Wünsche von Parteigenossen eine Koalition mit der FDP, die nur über eine geringe Mehrheit verfügt.

Besonderheiten in Willy Brandts Amtszeit

Als erster sozialdemokratischer Kanzler der Bundesrepublik will Willy Brandt die deutsche Politik reformieren. Seine Regierung beschließt die Herabsetzung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre. Brandt setzt sich für Familien und insbesondere für die Rechte der Kinder ein, außerdem initiiert er Reformen des Bildungssystems und stärkt die Betriebsräte.

Besondere Bedeutung während seiner Amtszeit haben die sogenannten Ostverträge: Mit ihnen erkennt die Bundesregierung unter anderem die Grenze zur DDR an und schlägt damit eine neue politische Richtung ein. Brandt erhofft sich eine Entspannung der Beziehungen zu den Ostblockstaaten, seine Politik trägt das Motto „Wandel durch Annäherung“. Als er im Dezember 1970 den Vertrag unterschreibt, legt Brandt einen Kranz am Ehrenmal des Warschauer Ghettos nieder und fällt dabei auf die Knie. Die als Kniefall von Warschau bekannt gewordene Geste macht weltweit Schlagzeilen und trägt zu Brandts Beliebtheit bei. 1971 erhält Brandt für seine Versöhnungspolitik den Friedensnobelpreis.

Am 6. Mai 1974 verkündet Willy Brandt überraschend seinen Rücktritt. Der offizielle Grund ist die Enttarnung des DDR-Agenten Günter Guillaume, der zuvor ein enger Mitarbeiter des Kanzlers war. Doch auch die Ölkrise, vermehrte Streiks und die wachsenden Arbeitslosenzahlen bringen Brandt dazu, sein Amt niederzulegen.

Auch nach seiner Zeit als Bundeskanzler ist Willy Brandt weiter politisch aktiv, er leitet unter anderem die Sozialistischen Internationale und ist bis 1987 SPD-Parteivorsitzender. Nach seinem Rücktritt von dieser Position wird er Ehrenvorsitzender der Partei.

Willy Brandt: Verhältnis zur Partei und öffentliches Image

Für die SPD ist Willy Brandt ein wegweisender Politiker. Während er heute als eine Art Parteilegende gilt, war er zu Beginn seiner Karriere durchaus umstritten. Seine Koalition mit der FDP stieß damals bei einigen Parteigenossen auf Kritik, viele hatten sich eine Weiterführung der Großen Koalition gewünscht.

Brandts Politik der Annäherung, die eine Öffnung Richtung Osten vorsah und eine Entspannung der Verhältnisse in Europa zum Ziel hatte, wird heute von vielen als Grundstein der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland gesehen.

Das Gedenken an Willy Brandt wird nicht nur von der SPD am Leben gehalten, zahlreiche Städte haben Straßen und Plätze nach ihm benannt. Auch außerhalb Deutschlands gibt es zahlreiche Willy Brandt-Denkmäler. Die Bundeszentrale der SPD in Berlin-Kreuzberg trägt seit ihrer Eröffnung im Jahr 1996 den Namen Willy-Brandt-Haus. Im Atrium des Gebäudes ist eine überlebensgroße Bronzestatue des Altkanzlers aufgestellt.

Die Bundesrepublik Deutschland gründete zu seinen Ehren die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung. In mehreren deutschen Städten gibt es außerdem Willy-Brandt-Foren, die sich gesellschaftspolitischen, kulturellen und sozialen Themen widmen.

Willy Brandt: Seine Familie und sein Privatleben

Willy Brandt ist ab 1941 mit Carlota Thorkildsen verheiratet. Das Ehepaar hat die gemeinsame Tochter Ninja, die bereits 1940 zur Welt kommt. 1948 folgt die Scheidung, noch im selben Jahr heiratet Brandt die Witwe Rut Bergaust, mit der er drei Söhne bekommt: Peter (*1948) wird Historiker, Lars (*1951) beginnt eine Karriere als Schriftsteller und Matthias (*1961) arbeitet als Schauspieler. 1980 lassen sich Brandt und seine zweite Ehefrau scheiden.

Seine Lebensgefährtin Brigitte Seebacher heiratet Willy Brandt im Jahr 1983. Gemeinsam wohnen die beiden bis zu seinem Tod in Unkel. Nach langjährigen gesundheitlichen Problemen stirbt der Altkanzler am 8. Oktober 1992. Am 17. Oktober 1992 wird ihm zu Ehren ein Staatsakt abgehalten. Beigesetzt ist Willy Brandt in einem Ehrengrab in Berlin.

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