Für jeden Kassenpatienten erhält Dr. Thomas Scharmann noch 18 Euro pro Quartal.
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Für jeden Kassenpatienten erhält Dr. Thomas Scharmann noch 18 Euro pro Quartal.

Interview

„Wir Fachärzte werden ausgehungert“

Bei den niedergelassenen Fachärzten liegen die Nerven blank. Seit 1. Januar regelt ein neues System das Honorar, das sie für gesetzlich versicherte Patienten erhalten. Viele fürchten um ihre Existenz und reagieren mit massiven Protesten. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbands, Dr. Thomas Scharmann.

-Sie haben eine Augenarzt-Praxis in München. Wie ist ihre Situation seit der Reform?

Nehmen wir zum Beispiel einen Patienten mit Makuladegeneration, der typischen Altersblindheit. Er muss gründlich untersucht werden und braucht mehrere Spritzen ins Auge. Dafür muss er mehrmals im Quartal in die Praxis kommen. Für die komplette Behandlung erhalte ich 18 Euro. Davon muss ich meine Praxis mieten, meine Angestellten und medizinische Geräte zahlen. Das kann sich nicht rechnen. Bei anderen Fachärzten sieht es nicht besser aus. Mit der Honorarreform hat es Berlin geschafft, den Ärzten schwarz auf weiß zu zeigen, was ihre Arbeit wert ist.

-Gleichen die Patienten, die nur ein Mal kommen, das nicht aus?

Nein. Das Honorar, das wir Fachärzte erhalten, orientiert sich an der Patientenzahl, die wir im entsprechenden Quartal des Vorjahres behandelt haben. Die Berechnungen liegen uns bereits vor. Tatsache ist: Die Einbußen sind enorm. Für viele sogar existenzbedrohend. Die sogenannten freien Leistungen, also Zusatzbehandlungen, die extra honoriert werden, fallen kaum ins Gewicht. Bei einem Augenarzt machen sie im Schnitt vielleicht zehn Prozent aus.

-Die Kassenbeiträge sind gestiegen. Vonseiten der Politik hört man, dass für die niedergelassenen Ärzte mehr Honorar zur Verfügung steht als im Vorjahr.

Wo das abbleibt, kann ich Ihnen nicht sagen. Nur so viel: Bei uns kommt es jedenfalls nicht an. Das einzige, was wir erhalten haben, ist eine Zusicherung: Kein Arzt soll demnach mehr als fünf Prozent seines Umsatzes einbüßen. Wie das allerdings umgesetzt werden soll, hat man uns nicht gesagt.

-Welche Folgen wird die Honorarreform haben?

Ich will es so ausdrücken: Man kann zwar sparen, indem man nicht mehr isst. Doch wird man das auf Dauer nicht überleben. Die Reform wird langfristig die ambulante Facharztebene aushungern. Für die Patienten wird damit ein großer Vorzug unseres Gesundheitssystems wegbrechen: der niederschwellige Zugang zum Facharzt. Um einen Termin bei einem spezialisierten Mediziner zu bekommen, müssen die Patienten in die Klinik, was lange Wartezeiten bedeutet. Unsicher ist hier auch, ob sie von einem erfahrenen Facharzt behandelt werden. Politisch gewollt ist weiter die Entstehung von medizinischen Versorgungszentren, in denen die Patienten weitgehend anonym behandelt werden. Insgesamt bedeutet das: die Versorgung wird schlechter.

-Der bayerische Gesundheitsminister Söder stellt sich klar auf die Seite der Ärzte. Die Initiative der CSU soll die Reform rückgängig machen.

Wir rechnen dem Minister seinen Einsatz hoch an. Er hat sich rasch in das Thema eingearbeitet und die zentralen Punkte sofort erkannt. Doch ein einfacher „Reset“ eine Rückkehr zum Alten, wird die Probleme nicht lösen. Das weiß auch die CSU. 90 Prozent der Deutschen sind gesetzlich versichert. Doch kaum ein Arzt kann überleben, indem er nur diese behandelt. Ein solches System ist doch aberwitzig.

-Die CSU hat angekündigt, langfristig das System der Kassenärztlichen Vereinigungen kippen zu wollen. Ist das der richtige Weg?

Ich denke, man sollte nicht zu rasch etwas zerstören. Oder zumindest zuvor eine gute Alternative entwickeln. Denn wenn bald jeder einzelne Arzt mit den Kassen verhandeln müsste, wäre das sicher eine Überforderung. Am Ende ist es auch unwichtig, ob die Katze grau ist oder getigert. Die Ärzte müssen geschlossen agieren – mit oder ohne die Kassenärztliche Vereinigung. Und letztlich muss das System der Honorierung eines sicherstellen: Jede ärztliche Leistung muss bezahlt werden, angemessen und betriebswirtschaftlich kalkuliert. Und dieses Honorar muss in Euro und Cent erfolgen und nicht in Punkten und Pauschalen.

Das Interview führte Sonja Gibis

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