Tumult vor dem Gericht

NSU-Prozess: „Wir fordern Gerechtigkeit“

Hunderte Demonstranten und ein Großaufgebot der Polizei haben den Auftakt des NSU-Prozesses begleitet. Zwei türkische Frauen sorgten für einen Tumult vor dem Gericht – und ließen sich erst von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude beruhigen.

Der Prozess im Strafjustizzentrum hat noch gar nicht begonnen, da wird es vor dem Gericht plötzlich laut. Flaschen zerbrechen, zwei Frauen stürmen mit spitzen Schreien auf ein Absperrgitter am Vorplatz zu. Binnen Sekunden sind sie von einem Dutzend Polizisten umringt – und dem fünffachen an Journalisten. Vor laufenden Kameras halten die Beamten die Frauen fest, sie wehren sich, strampeln, stürzen zu Boden. Die Straße wird gesperrt. Nach chaotischen Minuten ist klar: Die Frauen wollen in den Verhandlungssaal – und sind viel zu spät dran. „Wir sind türkische Mitbürger“, sagt die eine, vollkommen aufgelöst. „Wo bleiben unsere Rechte?“

Die Beamten bleiben ruhig, doch die Frau wird immer aufgebrachter, ihre Argumente immer wirrer – bis Oberbürgermeister Christian Ude mit ihr redet. „Sie können nicht mit Gewalt in ein Gericht eindringen“, sagt er. Für ihre Enttäuschung über den zu kleinen Saal zeigt er Verständnis – „aber diese Entscheidung ist gefallen“. Am Ende stehen die Frauen immer noch an der Absperrung, aber friedlich. Auf ihrem Transparent steht: „Wir fordern Gerechtigkeit.“

Es bleibt der einzige Tumult, der sich am Montag vor dem Gericht abspielt – kurz bevor die Verhandlung gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und vier Helfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) beginnt. 500 Polizisten sind an diesem Tag im Einsatz, rund 200 Demonstranten aus dem linken und bürgerlichen Spektrum sind gekommen. Doch das große Chaos bleibt aus – genau wie der erwartete Zuschaueransturm. Eine Warteschlange bildet sich nur bei den Journalisten, wenige Bürger sind gekommen.

„Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf des Einsatzes“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Wenger am Ende des Tages. Er habe weder Festnahmen noch größere Störungen zu melden – nur die beiden türkischen Frauen mussten ihre Personalien angeben. Auch der Transport der Angeklagten habe wie geplant geklappt, sagt Wenger. Und während es im Saal am ersten Tag um juristische Winkelzüge geht, stehen auf der Straße die zehn Mordopfer des NSU im Mittelpunkt: Die Demonstranten erinnern mit Fotos und Plakaten an die Toten, vor dem Gebäude lassen Vertreter des türkischen Vereins „Tüdek“ schwarze Ballons aufsteigen und legen einen Trauerkranz nieder. Die Aufschrift: „In Memoriam“.

Ann-Kathrin Gerke

Rubriklistenbild: © dpa

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