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Medizinische Versorgung von Asylsuchenden.

Wirtschaftsfachmann beantwortet häufige Fragen

Experte: „Wir könnten auch fünf Millionen Flüchtlinge versorgen“

München - Kosten die Flüchtlinge den Staat nur Geld? Und bekommen sie nur schlechte Jobs? Solche Fragen kommen oft am Stammtisch auf. Wir haben sie einen Experten beantworten lassen.

Wir haben den Wirtschaftsexperten Prof. Gabriel Felbermayr damit konfrontiert. Felbermayr ist Leiter des Zentrums für Außenwirtschaft am ifo-Institut München und lehrt als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität.

Herr Felbermayr, stimmt es, dass uns die Flüchtlinge die Arbeit wegnehmen?

Wirtschaftsexperte Gabriel Felbermayr

Das stimmt nur teilweise. Noch bekommen Aslysuchende nur dann eine Arbeitsstelle, wenn es für die gleiche Stelle keinen europäischen Bewerber gibt. Aber sobald sie ein Bleiberecht bekommen, fällt diese Regelung weg. Ein Problem haben dann eher niedrig qualifizierte Arbeitnehmer in Berufen, für die Deutsch nicht so wichtig ist. Zum Beispiel könnte ein Hilfsarbeiter in einem Gärtnereibetrieb Konkurrenz bekommen.

Noch so eine These: Flüchtlinge schicken das verdiente Geld doch nur nach Hause.

Stimmt, aber das ist kein Argument gegen Migranten. Im Gegenteil. Das Geld ist gut angelegt und wirkt viel besser als Entwicklungshilfe. Es landet nämlich nicht auf dem Konto irgendeines korrupten Politikers, sondern kommt direkt bei den Leuten an, die sich damit beispielsweise endlich eine neue Kuh kaufen können.

Dritte These: Flüchtlinge kriegen nur schlechte Jobs.

Das stimmt teilweise. Wer nicht gut Deutsch spricht, findet eher eine Stelle als Hilfsarbeiter – vor allem, wenn er keine in Deutschland anerkannte Ausbildung nachweisen kann. Natürlich gibt es auch hochqualifizierte Flüchtlinge. Aber wie viele genau, wissen wir nicht. Zurzeit gibt es nur Spekulationen und verzerrte Stichproben. Hier muss das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nachliefern. Studien über die Bildung der Syrer vor dem Bürgerkrieg lassen aber vermuten, dass der Anteil der hochqualifizierten Flüchtlinge nicht besonders hoch ist.

Vierte These: Flüchtlinge kosten uns Geld.

Das muss nicht sein. Am Ende könnte eine schwarze Null herauskommen, weil sich die negativen und positiven Effekte ausgleichen. Zum einen belasten die Flüchtlinge natürlich die Sozialkassen. Das kann auch dann der Fall sein, wenn sie einen Job bekommen. Denn selbst ein niedrig qualifizierter Arbeitnehmer kostet den Staat mehr Geld, als er durch Steuern einzahlt. Trotzdem können Flüchtlinge gerade durch diese Jobs gut für die Wirtschaft sein. Ein hohes Angebot an niedrig qualifizierten Arbeitern gibt Firmen Anreize, im Land zu bleiben. Und wenn Firmen nicht nach Mexiko oder Asien umsiedeln, sichert das Arbeitsplätze.

Letzte These: Zwei Millionen Flüchtlinge hält der Staat nicht aus.

Stimmt nicht. Wir könnten in Deutschland drei, vier, fünf Millionen Flüchtlinge versorgen. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und haben auch organisatorisch die Kapazität dazu. Fragt sich nur, ob die deutsche Gesellschaft das dulden würde. Es geht nicht um die Leistungsfähigkeit des Staates, sondern um den politischen Willen. Die Einwanderung hat kulturelle Auswirkungen, und es gibt Ängste in der Bevölkerung. Als in den Neunzigern die Russlanddeutschen zurückkehrten, war das anders. Da hat man die Neuankömmlinge als Teil der Familie gesehen, ja, als Teil einer Schicksalsgemeinschaft.

Interview: Sebastian Meineck

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