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Putin-Coup in Kasachstan? Warum Experten zweifeln - und die Lage für Russland explosiv ist

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Von: Florian Naumann

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Wladimir Putin und Kasachstans Kassym-Schomart Tokajew bei einem Treffen im November 2019.
Wladimir Putin und Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew bei einem Treffen im November 2019. © Kremlin Pool/Imago

Russland hat Truppen nach Kasachstan geschickt. Doch Experten sehen für Wladimir Putin vor allem Probleme. Ein Grund: Nationalistische Tendenzen im Land.

Almaty/München - Weit über 100 Tote und fast 6.000 Menschen in Haft: Die jüngsten offiziellen Zahlen rund um die Unruhen und die Antwort der Regierung in Kasachstan bereiten europaweit Sorge. Verknüpft ist aber auch eine weiterreichende machtpolitische Frage - spätestens seit Russland auf kasachische Anfrage Truppen in das Land entsandt hat. Wird Wladimir Putin versuchen, direkte Kontrolle über den zentralasiatischen Staat zu erlangen? Oder ein eng an den russischen Staat angebundenes Marionettenregime zu errichten, wie es das Ansinnen in Belarus zu sein scheint?

Eine klare Antwort gibt es zunächst nicht. Doch mehrere Experten vermuten einen anderen Fortgang des Konflikts. Nicht zuletzt aufgrund der in Deutschland kaum bekannten politischen Gemengelage in Kasachstan. Denn Kasachstan ist ein „multinationaler“ Staat - in dem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur eine Minderheit von einem guten Viertel der Bevölkerung russischstämmig ist. Einige Beobachter sehen bereits jetzt „nationalistische“ Tendenzen in den Unruhen - und zwar aus Richtung der turksprachigen Bevölkerungsmehrheit.

Kasachstan: Russland ohne Machthebel? „Gefahr eines zweiten Afghanistan“

Auch vor diesem Hintergrund glaubte Arman Melikyan, früherer armenischer Botschafter in Kasachstan, nicht an Bestrebungen Russlands, militärisch die Kontrolle im Land zu übernehmen - jedenfalls nicht mit Erfolg: „Wenn Russland auf diese Weise Kasachstan an sich binden will, dann halte ich diese Entscheidung für falsch“, erklärte er der taz am Wochenende in einem Interview. „Das wird antirussische Stimmungen hervorrufen und zu antirussischen Aktionen im Land führen.“ Für den Fall des Versuchs sah Melikyan gar „die Gefahr, dass Kasachstan zu einem zweiten Afghanistan wird“. Auch eine wirtschaftliche Abhängigkeit sei unwahrscheinlich, meinte er - unter Verweis auf die vergleichsweise gute ökonomische Lage Kasachstans.

Melikyan verwies auch darauf, dass viele junge Kasachen „in der Türkei oder an den türkischen Hochschulen in Kasachstan und anderen Städten Zentralasiens ausgebildet“ worden seien. Der Armene nahm zugleich die missliche Lage der Bevölkerungsminderheiten in Kasachstan in den Blick. Die politische Repräsentation etwa russischsprachiger Christen unter den kasachischen Regierungen Nasarbajew und Tokajew gehe „gegen null“: „Nationale Minderheiten sind vom politischen Leben ausgeschlossen“, urteilte er - auch Armenien ist christlich geprägt. Das könne zu weiteren Abwanderungsbewegungen dieser Gruppe führen. Bereits nach dem Ende der Sowjetunion hatten viele Menschen mit russischen oder auch deutschen Wurzeln das Land verlassen.

Wladimir Putin und der Kasachstan-Einsatz: Sorge vor „Ultra-Nationalisten“

Im englischsprachigen Portal The Moscow Times mutmaßte der Politikwissenschaftler Dmitri Trenin unterdessen, die Krise in Kasachstan habe Putin „kalt erwischt“ - und gab einen Einblick in die Sichtweise des Kreml: Zwar sei Kasachstan wegen seiner vielfältigen internationalen Beziehungen ein schwieriger Partner für die russische Regierung. Allerdings könne Russland einen Umsturz nicht zulassen: Ein solcher könne „in Moskaus Denkweise“ kasachischen Ultra-Nationalisten den Weg ebnen oder in letzter Instanz gar radikalen Islamisten. „Also muss Tokajew gerettet werden, genau wie Belarus‘ Langzeit-Machthaber Alexander Lukaschenko im Sommer 2020“, urteilte Trenin.

Den Schritt, Truppen des Militärbündnisses OVKS zu senden, beurteilte der Experte als „riskant“: In Russland zeigten erste Umfragen geringe Zustimmung zu dem Schritt - zugleich könne eine ausgeweitete Militärpräsenz zu Widerstand in Kasachstan führen, warnte auch Trenin. Zu erklären sei die Intervention mit einem anderen Kalkül: Wenn es gelinge, Machthaber Kassym-Schomart Tokajew zu stützen und auf pro-russischen Kurs zu steuern könne Putin auf einen weiteren engen Verbündeten hoffen. Denkbar könnten auch stärkere wirtschaftliche Verknüpfungen sein - wenn Tokajew aus politischem Kalkül mitspielt.

Türkei, China und die EU in der Kasachstan-Krise: Viele Interessen - aktuell kaum Einfluss

Außen vor scheinen damit nun vorerst andere Partner Kasachstans - etwa China, das seine Neue Seidenstraße auch in dem zentralasiatischen Staat vorantreibt. Oder auch die Türkei. Die Regierung von Recep Tayyip Erdogan kündigte am Sonntag ebenfalls Unterstützung für Kasachstan Machthaber an, auch in der Rolle als Mitgliedsstaat der Organisation der Turkstaaten; die Gruppe will am Dienstag (11. Januar) über die Lage debattieren - wenngleich sie von Kasachstan bei der Bitte um Hilfe links liegen gelassen worden war. Erdogans Außenminister Mevlüt Cavusoglu telefonierte nach Ministeriumsangaben am Sonntag zudem mit seinem katarischen Amtskollegen Mohammed bin Abdulrahman Al Thani über das Thema Kasachstan.

China hatte zuletzt ebenfalls schlicht das Durchgreifen der kasachischen Regierung gelobt. Tokajew hat Demonstranten, die teilweise auch bewaffnet sein sollen, als „Terroristen“ und „Banditen“ bezeichnet - und einen Schießbefehl erteilt. Ob die Türkei und China das Geschehen weiter von der Seitenlinie verfolgen bleibt abzuwarten. Klar ist aber, dass die Lage komplex ist. Russland und die Türkei etwa dürfen unterschiedliche Interessen in Kasachstan haben; wie auch in der Ukraine. So hatte es etwa Streit zwischen den Ländern um türkische Drohnenlieferungen an die Ukraine gegeben.

Aber auch Westeuropa pflegt Kooperation mit Kasachstan: Etwa über Raketenstarts am Weltraumbahnhof Baikonur - oder über Erdöllieferungen. So berichtete zuletzt etwa die Wiener Zeitung, Kasachstan sei Österreichs größter Erdölllieferant. Deutschland hatte zuletzt massive Sorge über die Menschenrechtslage in Kasachstan geäußert - und einen Stopp für Rüstungslieferungen verhängt. (fn)

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