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Droht Putin seinen Soldaten mit Erschießung? Russische Mütter flehen angeblich um Gnade

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Von: Patrick Mayer

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Müssen an die Ukraine-Front: Eine Frau überreicht einem jungen russischen Soldaten ein Kreuz.
Müssen an die Ukraine-Front: Eine Frau überreicht einem jungen russischen Soldaten ein Kreuz. © IMAGO / SNA

Per Videos: Öffentliche Proteste russischer Soldatenmütter und Ehefrauen gegen den Fronteinsatz von Rekruten nehmen offenbar zu. Sie richten sich im Ukraine-Krieg direkt an Wladimir Putin.

München/Moskau/Wolgograd - Mehr als 85.000 russische Soldaten sollen im Ukraine-Krieg seit dem 24. Februar getötet oder verwundet worden sein. Das ukrainische Medienprojekt beruft sich bei seiner täglichen Aktualisierung der „feindlichen Verluste“ wegen der militärischen Kämpfe auf Angaben des Generalstabs in Kiew. Aus Moskau gibt es keine Bestätigung, kein Dementi, keine eigenen Zahlen, einfach keine Reaktion.

Ukraine-Krieg: Riesige Verluste auf russischer und wohl auch ukrainischer Seite

Unabhängig überprüfen lassen sich die Statistiken der ukrainischen Streitkräfte nicht. Laut einem Bericht des US-Militärs, der am 10. November veröffentlicht wurde, sind es auf russischer Seite bislang sogar weit mehr als 100.000 getötete oder verwundete Soldaten. Dasselbe gelte wahrscheinlich für die Ukraine, hieß es aus den USA.

Zuletzt häuften sich Berichte, wonach neu rekrutierte russische Soldaten - mehr als 300.000 sind es laut Kreml - nur schlecht ausgerüstet und unzureichend ausgebildet an die Ukraine-Front vor Charkiw im Osten, im Donbass oder bei Cherson im Süden geschickt würden. Jetzt mehren sich offenbar zudem öffentliche Proteste russischer Soldatenmütter und von Ehefrauen per Video. Die Frauen flehen den russischen Präsidenten Wladimir Putin demnach regelrecht an, bitten um Gnade für die meist jungen Männer. Adressat der Appelle sei nicht selten auch Verteidigungsminister Sergej Schojgu.

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News üner aktuelle Lage im Russland-Ukraine-Krieg

Darüber schreibt der Moskau-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) in einer aktuellen Analyse der Tageszeitung. Die Frauen würden mittlerweile reihenweise vor Supermärkten, Kasernen und auf Parkplätzen stehen, um digitale Video-Botschaften an die russische Politik aufzunehmen.

Russische Rekruten: Ehefrauen und Mütter klagen an - sie wenden sich direkt an Wladimir Putin

Die Soldaten seien weder vorbereitet, noch bewaffnet, noch mit Essen und warmer Kleidung ausgestattet worden und „direkt im Kampfgebiet“ gelandet, meinte demnach eine Frau aus dem Gebiet Wladimir - das wirklich so heißt - östlich von Moskau. Eine Mutter erzähle in einem der Videos, dass ihr Sohn in einem Militärkrankenhaus behandelt werde, weil er von Granatsplittern „am Kopf verwundet“ worden sei. Er solle ihren Aussagen zufolge trotz Verletzungen direkt wieder an die Front geschickt werden.

Sie haben nicht den Weg absolviert, der es ihnen ermöglichen würde, sich an vorderster Front sicher zu fühlen.

Soldaten-Frau aus Wolgograd per Video an Wladimir Putin (laut F.A.Z.)

Russlands Soldaten: Frauen berichten von drohender Erschießung oder Strafverfahren als Deserteure

Die F.A.Z. zitiert aus einer der Videobotschaften, die sich wegen der Rekruten direkt an Putin wenden. „Wir bitten nicht darum, unsere Männer nach Hause zu bringen“, sagt eine Frau in dem Mitschnitt aus Wolgograd: „Unsere Männer sind keine Feiglinge, keine Deserteure.“ Sie seien stattdessen „bewusst ausgezogen, um die Heimat zu schützen“. Sie relativiert: „Sie sind keine professionellen Soldaten. Sie haben nicht den Weg absolviert, der es ihnen ermöglichen würde, sich an vorderster Front sicher zu fühlen. Wir bitten Sie sehr, Wladimir Wladimirowitsch: Nehmen Sie unsere Situation unter Kontrolle. Klären Sie das. Wir wissen, dass nur Sie uns helfen können.“

Damit nicht genug: Manche Frauen berichteten laut F.A.Z., ihren Männern werde mit Erschießung oder Strafverfahren als „Deserteure“ gedroht, sollten sie ihre Stellungen an der Front verlassen.

Ukraine-Krieg: Beschwerden von russischen Soldaten und deren Angehörigen häufen sich

Verschlechtern sich die Zustände in der russischen Invasionsarmee ungebremst? Die Washington Post konnte eigenen Angaben zufolge mit einer Transportarbeiterin aus St. Petersburg sprechen, Yana genannt, deren Mann im Zuge der Teilmobilmachung in den Ukraine-Krieg geschickt worden sei.

„Sie bekommen keine Befehle und haben keine Aufgaben“, wird die Ehefrau des russischen Rekruten zitiert: „Ich habe gestern mit meinem Mann gesprochen und er sagte, sie haben keine Ahnung, was zu tun ist. Sie wurden einfach im Stich gelassen und haben jegliches Vertrauen, jeglichen Glauben an die Behörden verloren.“

Stehen unter Druck: russische Soldaten an der Front in der Ukraine. (Symbolfoto)
Stehen unter Druck: Russische Soldaten an der Front in der Ukraine, hier unweit von Charkiw. (Symbolfoto) © IMAGO / SNA

Eine Frau namens Irina Sokolowa klagte Russlands Militärführung angeblich direkt an. „Natürlich hatte er keine Ahnung, wie schrecklich es dort sein würde“, sagte Sokolowa laut Washington Post: „Wir sehen unsere staatlichen Fernsehsender und sie sagen, dass alles perfekt ist.“ Ihr Mann habe sie schluchzend und komplett gebrochen aus einem Wald angerufen. „Sie lügen im Fernsehen“, habe er gesagt, erzählte sie der US-amerikanischen Zeitung. Das deckt sich mit Einschätzungen westlicher Militärs.

Ukraine-Krieg: Bringen neue russische Rekruten der Armee kaum Kampfkraft?

„Neu verpflichtete Rekruten erhalten wahrscheinlich eine minimale Ausbildung oder überhaupt keine Ausbildung“, erklärte der britische Geheimdienst zum Einsatz neu aufgestellter russischer Rekruten an der Ukraine-Front Anfang November. Erfahrene Offiziere und Ausbilder seien bei den Kämpfen wahrscheinlich zum Teil getötet worden, hieß es in dem damaligen Update des Londoner Verteidigungsministeriums. Der Einsatz unausgebildeter Kräfte trage somit kaum zur Kampfkraft bei. Nehmen die Probleme unter Putins Truppen zu? Gibt er gar keine militärischen Fortschritte mehr zu verzeichnen?

Das amerikanische Pentagon wähnt Russland zudem im Munitionsdilemma, Moskau wende sich wegen fehlender Geschosse bereits an Iran und Nordkorea, erklärte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin laut Foreign Policy. Wie die F.A.Z. in ihrer Analyse zudem schreibt, hätten russische Einheiten an vielen Frontabschnitten nicht mehr als Sturmgewehre. Das Töten geht derweil weiter. Und das Sterben. (pm)

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