1. Startseite
  2. Politik

Wie hat sich das Putin-Bild in Deutschland im Laufe der Zeit gewandelt?

Erstellt:

Von: Bettina Menzel

Kommentare

wladimir putin rede Bundestag russland Präsident Bundespräsident Rau, Bundestagspräsident Thierse bundeskanzler Schröder
Nach seiner Rede im Deutschen Bundestag geht der russische Präsident Wladimir Putin durch den Plenarsaal im Reichstagsgebäude gefolgt von Bundespräsident Rau, Bundestagspräsident Thierse und Bundeskanzler Schröder (Archivbild, 2001). © picture-alliance / dpa/dpaweb | Ralf_Hirschberger

Es gab eine Zeit, da erschien Russland als Partner und Putin erhielt stürmischen Stehbeifall im Deutschen Bundestag. Doch das Bild der Deutschen vom Kremlchef wandelte sich über die Jahre.

Moskau - Aus der Ferne lässt sich nicht in den Kopf des russischen Machthabers Wladimir Putin blicken. Doch anhand von öffentlichen Reden und politischem Handeln lassen sich die Standpunkte des Kreml-Chefs verfolgen - und wie sie das Bild der Deutschen auf Putin im Laufe der Zeit wandelten.

Wladimir Putins berühmte Rede im Deutschen Bundestag erhält langanhaltenden Beifall

Die gemeinsame Geschichte von Russland und Deutschland reicht viele Jahrhunderte zurück, zeitweise war mit Katharina der Großen sogar eine Deutsche Zarin von Russland. Wladimir Putin ist seit 2000 Präsident der russischen Föderation, im Jahr 2001 hielt er eine viel beachtete Rede vor dem Deutschen Bundestag. „Die russisch-deutschen Beziehungen sind ebenso alt wie unsere Länder“, sagte Putin damals. „Ich bin überzeugt: Wir schlagen heute eine neue Seite in der Geschichte unserer bilateralen Beziehungen auf und wir leisten damit unseren gemeinsamen Beitrag zum Aufbau des europäischen Hauses.“ Der Begriff „gemeinsames Haus Europas“ stammt vom früheren Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow, der 1990 der deutschen Einheit zustimmte.

„Wir sind natürlich am Anfang des Aufbaus einer demokratischen Gesellschaft und einer Marktwirtschaft. Auf diesem Wege haben wir viele Hürden und Hindernisse zu überwinden. Aber abgesehen von den objektiven Problemen und trotz mancher - ganz aufrichtig und ehrlich gesagt - Ungeschicktheit schlägt unter allem das starke und lebendige Herz Russlands, welches für eine vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet ist“, so Putin damals.

Für seine Rede erhielt er damals langanhaltenden Beifall der Abgeordneten im Deutschen Bundestag. Russland galt plötzlich als Partner, wegen des Irak-Krieges wuchs damals die Skepsis gegenüber der USA. Im Jahr 2000 sahen nur rund 37 Prozent der Deutschen Russland als Weltmacht, wie eine Umfrage des Instituts Allensbach* im Auftrag des Russisch-Deutschen Forums ergab.

Putin Schröder biolek "Boulevard Bio"
Ein Bild aus anderen Zeiten: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin im Jahr 2002 zu Gast bei Alfred Bioleks ARD-Talkshow „Boulevard Bio“. (Archivbild, 2002). © picture alliance / dpa | WDR Bockemühl

Putins Siko-Rede: Mehr Deutsche nahmen Russland als Weltmacht wahr

In seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz (Siko) im Jahr 2007 leitete Putin schließlich eine Abkehr vom Westen ein. „Ich denke, dass für die heutige Welt das monopolare Modell nicht nur ungeeignet, sondern überhaupt unmöglich ist“, spielte der russische Präsident auf die Weltmacht der USA an. „Niemand fühlt sich mehr sicher“, so der Kremlchef damals. Er warnte zudem die Nato, weiter nach Osten zu rücken und forderte Sicherheitsgarantien.

„Legitim ist eine Anwendung von Gewalt nur dann zu nennen, wenn ihr ein UNO-Beschluss zugrunde liegt. Und man darf die UNO nicht durch die NATO oder die EU ersetzen“, beschrieb der russische Präsident seine Befürchtungen. Die Öffentlichkeit zeigte sich überrascht von der Rede, die der Kremlchef „ohne übertriebene Höflichkeit“ angekündigt hatte. Beobachter sahen darin eine Rückkehr zu „Elementen des Kalten Krieges“.

Dadurch änderte sich auch der Blick der Deutschen auf Russland. Etwa zwei Drittel der Befragten (62 Prozent) gaben in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Jahr 2008 an, Russland als Weltmacht zu sehen. 2000 waren noch 20 Prozent weniger dieser Meinung. Der Blick auf Russland als Gefahr verstärkte sich über die Zeit - und Putins Image litt. Generell hätten die Deutschen kein schlechtes Russlandbild, erklärte der Experte des Instituts für Demoskopie Allensbach, Thomas Petersen, dazu dem Tagesspiegel. Doch sie hätten ein schlechtes Bild von Wladimir Putin. Demnach hatten im Jahr 2004 nur 17 Prozent eine schlechte Meinung über den Kremlchef, 2008 waren es bereits 45 Prozent, 2014 dann 65 Prozent und kurz vor Ausbruch des Krieges schon rund zwei Drittel (67 Prozent), so Petersen weiter.

Münchner Siko 2007: Edmund Stoiber (li.) und Wladimir Putin im Auto auf dem Weg zur Konferenz.
Münchner Siko 2007: Edmund Stoiber (li.) und Wladimir Putin im Auto auf dem Weg zur Konferenz. © UPI Photo/Imago

Putins Annexion der Krim: Deutsche sehen Russland wieder vermehrt „als Gefahr“

Das Jahr 2014 gilt vielen als eigentlicher Beginn des Ukraine-Kriegs. Damals fiel Russland auf der ukrainischen Halbinsel Krim ein und brachte sie in einem bewaffneten Konflikt unter seine Kontrolle. Das Gebiet wurde aus russischer Sicht in das eigene Staatsgebiet eingegliedert. Daraufhin setzte etwa die Nato die Zusammenarbeit mit Russland aus und Putin fiel aus dem Kreis der G8-Staaten.

Durch die Annexion der Krim verschlechterte sich auch das Russlandbild in Deutschland erheblich. Rund 25 Jahre nach Ende des Kalten Krieges galt das Land vielen Deutschen wieder als Gefahr. Im Jahr 2014 verbanden mehr als die Hälfte aller Deutschen (55 Prozent) Russland mit Gefahren, 76 Prozent hielten das deutsch-russische Verhältnis für gestört. Nur jeder zehnte Deutsche sah Russland als verlässlichen Partner. Das ging aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Allensbach vom Jahr 2015 hervor. Besonders nach der Krim-Annexion verschlechterte sich auch das Russlandbild in den deutschen Massenmedien, was wiederum einen Einfluss auf die Meinungsbildung der Bundesbürger hatte.

Die damalige Allensbach-Umfrage machte aber auch deutlich, dass die Deutschen jenseits der Politik viele positive Aspekte an Russland sahen. 65 Prozent schrieben Russland etwa eine große kulturelle Tradition zu, fast jeder Zweite auch eine Kultur der Gastfreundschaft. Außerdem verbanden die Befragten Russland mit einem ausgeprägten Nationalstolz, beeindruckenden Landschaften, einem Reichtum an Bodenschätzen und herausragenden sportlichen Leistungen.

Nach Ukraine-Krieg: Deutsch-russisches Verhältnis aus Sicht der Bundesbürger dauerhaft beschädigt

In seiner Brandrede auf der Sicherheitskonferenz in München im Jahr 2007 zitierte der Kremlchef selbst die Worte des US-amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt aus den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs: „Wo auch immer der Frieden gebrochen wird, ist er gleichzeitig überall bedroht und in Gefahr.“ Das Zitat scheint aktueller denn je.

Der Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar markierte eine Zeitenwende, wie Bundeskanzler Olaf Scholz oft betonte. Selbst Putin-Verbündete gingen aufgrund seines brutalen Vorgehens in der Ukraine teils auf Distanz. Meldungen über mysteriöse Todesfälle russischer Oligarchen oder ein geheimes Putin-Netzwerk sowie Lobbyarbeit russischer Staatsunternehmen in Brüssel trugen ihrerseits weiter zu einem negativen Bild der Öffentlichkeit vom russischen Präsidenten bei.

Eine Mehrheit der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger hält das deutsch-russische Verhältnis wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine nun für dauerhaft beschädigt. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Zeitschrift Internationale Politik hervor. Demnach hielten es im Juni mehr als zwei Drittel der Befragten (71 Prozent) für ausgeschlossen, dass mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Rückkehr zu den Beziehungen zwischen Moskau und Berlin möglich ist, wie sie vor Kriegsbeginn bestanden hatten. (bm mit Material von dpa).

Auch interessant

Kommentare