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SPD Kanzlerkandidat Martin Schulz sorgt für Aufschwung in der SPD.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt der große Hype um Kanzlerkandidat Martin Schulz?

Berlin - Wie hoch hinaus geht es noch für die SPD? Die Parteispitze jubelt über die guten Umfragewerte für ihren Kanzlerkandidaten. Doch bis zur Bundestagswahl sind es noch mehr als sieben Monate.

Seitdem die SPD Martin Schulz als Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl ausgerufen hat, gehen die Umfragewerte steil nach oben. In einer aktuellen Forsa-Umfrage für Stern und RTL legt die SPD auf 31 Prozent zu, die Union kommt auf 34 Prozent. In einer Insa-Umfrage im Auftrag der Bild-Zeitung hat die SPD die Union zuletzt sogar überholt. Wie erklärt sich der Hype um den ehemaligen Präsidenten des Europaparlaments? Und was bedeutet er für die kleineren Parteien? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Woher kommt der Schulz-Hype?

Schulz ist neu in Berlin. Er hatte bisher wenig mit der Regierungsarbeit der großen Koalition zu tun. Ein neuer, überraschender Kandidat genieße „grundsätzlich große Aufmerksamkeit“, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, vor allem nachdem „lange Zeit alles schon recht zementiert erschien“. Die SPD startete allerdings auch im Keller, ihre Umfragewerte lagen zeitweise um die 20 Prozent. Deswegen ist der Effekt besonders deutlich. Außerdem: SPD-Chef Gabriel hatte in den eigenen Reihen viele Gegner und mäßige Beliebtheitswerte beim Wahlvolk - es konnte also fast nur aufwärts gehen für Schulz.

Was bedeuten die guten Umfragewerte der SPD für das linke Lager?

Die SPD holt sich ihre Stimmen zwar zum Teil bei der Union, aber Linke und vor allem Grüne bekommen den Schulz-Effekt auch zu spüren. Die Grünen, die sich als eine Art „natürlicher“ Koalitionspartner der SPD sehen, liegen nur noch bei sieben bis acht Prozent. Sie wollen darauf reagieren, indem sie Öko-Themen nach vorn stellen. Ob das angesichts des aktuellen politischen Klimas zieht, ist fraglich.

Ist der Schulz-Faktor auch ein Problem für die AfD?

Wenn Kanzlerin Angela Merkel nicht mehr „alternativlos“ scheint, dann zieht der Faktor „Protest“, von dem die AfD profitiert, nicht mehr ganz so stark. Das solle man aber nicht überschätzen, sagt Wahlforscher Jung. Die Menschen hielten eine Bundestagswahl für wichtiger als Landtagswahlen und neigten daher weniger zu Experimenten - deswegen sei der Zuspruch für die AfD im Bund begrenzt. „Für die AfD ist Schulz ein schwierigerer Gegner als Sigmar Gabriel“, sagt Gero Neugebauer, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Gabriel habe Teile der potenziellen AfD-Wählerschaft als „Pack“ bezeichnet. Auch sei Schulz für den von der AfD umgarnten „kleinen Mann“ ein Mensch, mit dem er sich identifizieren könne.

Wünschen sich viele Menschen in Deutschland einen Politikwechsel?

Ein gewisser Überdruss ist schon spürbar, was auch der Aufstieg der AfD zeigt. Doch aus Sicht der Mehrheit sollte der Wechsel nicht zu radikal ausfallen. Für viele Wähler wäre ein Wechsel der Gesichter wohl schon ausreichend. Studien haben gezeigt, dass der Überdruss bei den Anhängern der Sozialdemokraten bereits nach der ersten Legislaturperiode mit SPD-Regierungsbeteiligung auftauchen kann. Bei den Konservativen ist dieser Effekt erst nach zwei bis drei Legislaturperioden zu beobachten.

Ist das ein Strohfeuer oder kann Schulz die SPD zum Wahlsieg tragen?

Das kann noch niemand vorhersagen. „Es sind große Veränderungen in kurzer Zeit möglich nach oben und nach unten, sonst wäre auch eine so starke Stimmungsveränderung jetzt nicht möglich“, sagt Wahlforscher Jung. „Der Hype kann anhalten, aber nur wenn es Schulz gelingt, die Partei in den Griff zu bekommen“, vermutet Neugebauer.

Wie will die SPD den Schulz-Effekt am Leben halten?

Weil er nicht in die Regierungsverantwortung in Berlin eingebunden ist, kann Schulz glaubwürdiger als Gabriel einen Neubeginn ankündigen. Gerechtigkeit soll die wichtigste Wahlkampf-Botschaft werden. Wie links die SPD sich positioniert, ist aber noch nicht gesagt. Scharfe Angriffe auf Merkel gehören nicht zur Strategie - damit punkte man bei den Wählern nicht, heißt es in Führungskreisen.

Wissen die Wähler überhaupt, wofür Schulz politisch steht?

Eher nicht - bisher verwendet er hauptsächlich Schlagwörter wie Gerechtigkeit und Europa. Die SPD arbeitet allerdings auch noch an ihrem Wahlprogramm. Wofür Schulz als EU-Parlamentspräsident eingetreten ist, haben die meisten Deutschen nicht auf dem Schirm. Deswegen verfängt auch die Strategie der AfD, ihn als personifizierten EU-Bürokraten darzustellen, bisher nicht.

Gab es schon mal einen vergleichbaren Senkrechtstart?

Ja. 1994 trat Rudolf Scharping (SPD) gegen Kanzler Helmut Kohl (CDU) an. Er hatte Björn Engholm überraschend als Kanzlerkandidaten abgelöst, ging mit einem großen Vertrauensvorschuss ins Rennen und führte in der K-Frage vor Kohl, der wie Merkel bereits drei Amtszeiten hinter sich hatte. Am Ende lag die Union fast fünf Prozentpunkte vor der SPD.

dpa

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