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Erdogan bei Anhängern nach den Kommunalwahlen in der Türkei.

Türkische Journalistin

„Das würde Erdogan zu offensichtlich entlarven“

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Die türkische Autorin Ece Temelkuran, große Kritikerin des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, ist vorsichtig hoffnungsvoll nach den Regionalwahlen in ihrem Land.

München– Die türkische Autorin Ece Temelkuran, 46, warnt bei einem Besuch in München vor dem erstarkenden Rechtspopulismus weltweit. Ihr neues Buch trägt den Titel „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder sieben Schritte in die Diktatur“.

Haben Sie Ihr Land, die Türkei, verloren?

Die Türkei ist immer noch mein Land. Der Titel greift die Frage auf, ob ein Land noch das Land ist, wie man es bislang kannte. Ich beobachte in vielen Ländern, dass die Menschen anfangen, sich diese Frage zu stellen: Ob in Großbritannien mit dem Brexit, in den USA unter Präsident Trump. Und vielleicht stellen sich auch Deutsche diese Frage. Die Ursache ist ein erstarkender Rechtspopulismus.

Haben Sie wieder Hoffnung für Ihr Land nach der Kommunalwahl am vergangenen Wochenende, bei der Erdogans Partei AKP knapp Ankara und Istanbul an die Opposition verloren hat?

Ich bin vorsichtig optimistisch. Das türkische Volk hat entschlossen die Demokratie verteidigt und das ist großartig. Das autoritäre Regime ähnelt aber einem Tiger, der am Schwanz gepackt wurde. Und das macht einen Tiger aggressiv. Nur ein paar Tage nach der Wahl ist nicht sicher, ob die AKP den Verlust der urbanen Zentren hinnehmen wird. Ich glaube aber nicht, dass Erdogan mit Gesetzen die Kompetenzen der Kommunen beschneidet für seinen Machterhalt. Das würde ihn zu offensichtlich als autoritären Führer entlarven.

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Neuer Mega-Flughafen: Schillerndes Denkmal Erdogans fordert viele Tote

Droht Deutschland das Schicksal der Türkei?

Sie ziehen in Ihrem Buch Parallelen zwischen der Türkei und westlichen Staaten mit erstarkendem Rechtspopulismus. Wie kommt das an?

Ich habe mein Buch schon in Großbritannien und in den Niederlanden veröffentlicht, Deutschland ist das dritte Land. In Amsterdam hat mich ein Journalist gefragt, warum ich so viele Parallelen zwischen dem türkischen und dem niederländischen Populismus ziehe. Er sagte: Ihr seid aber doch Moslems. Ich antwortete: Glauben Sie, das Christentum schützt vor Populismus? Es ist nicht die Religion, die zur Gefahr wird, es sind autoritäre Regime, die die Religion für ihre Zwecke nutzen. Natürlich gibt es große nationale Unterschiede, aber der Rechtspopulismus betrifft nicht nur die Türkei, er ist ein globales Problem. Wir Türken haben schon erfahren müssen, was auch auf Europa zukommen könnte.

Die türkische Autorin Ece Temelkuran, 46.

Sehen Sie auch mit Sorge auf Deutschland?

Deutschland ist eine der stärksten Demokratien der Welt. Aber Deutschland ist nicht immun gegen Rechtspopulismus. Leider ist keine Demokratie dagegen gefeit. Wenn der Rechtspopulismus beginnt, die politische Atmosphäre zu vergiften, erstarren viele, sogar die größten Demokratien.

Autoritäre Führungen in der Türkei und anderswo: Weil die Menschen wütend sind

Woher kommt die Sehnsucht nach autoritären Führungen? 

Ich sehe hier einen zentralen Punkt darin, dass der Neoliberalismus in der Krise ist. Er definiert Menschen als Maschinen, die aus der Angst heraus funktionieren, nicht genug zu bekommen. Aber die Menschen brauchen mehr, sie brauchen Würde und soziale Gerechtigkeit. Sie sehen aber Ungerechtigkeit, sie fühlen sich abgehängt, unterprivilegiert. Das macht sie wütend. Und diese Wut machen sich Populisten zu Nutze.

Und was ist die Lösung?

Als erstes müssen wir unsere Arroganz loswerden. Jedes Land denkt, es wäre einzigartig. Wir müssen aber erkennen, dass wir gemeinsame Probleme haben. Wir brauchen eine weltweite Solidarität und sollten für eine Demokratie kämpfen, die auf sozialer Gerechtigkeit basiert. Mut machen die jungen Klimakämpfer. Sie haben sich global vernetzt. Über die Klimafrage werden die jungen Menschen hoffentlich das politische Leben umgestalten.

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