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Er oben, die unten: Alt-Bundespräsident Christian Wulff präsentiert in Berlin vor der Presse sein neues Buch.

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Wulff-Buch: Die Abrechnung

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Berlin - Wird Wulff nachtreten? Lamentieren? Viel war über sein Buch spekuliert worden. Gestern bei der Vorstellung versucht der Ex-Bundespräsident, in die Rolle des Vermittlers zu schlüpfen, der sich um die Demokratie sorgt – nicht ohne Eigennutz.

Am Tag seines persönlichen „Neuanfangs“ gibt sich Christian Wulff, 54, Bundespräsident a. D., höchst staatsmännisch. „Ich hege keinen Groll“, sagt er am Dienstagnachmittag in Berlin. Doch seine Stimme ist belegt, die Verbitterung steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er sein Buch „Ganz oben Ganz unten“ vorstellt. Denn in Wahrheit ist der Tag seines persönlichen Neuanfangs ein Tag der Abrechnung: mit der Justiz, mit der Politik – und mit den Medien.

Wulff, blauer Anzug, graue Haare, starrer Blick, sieht müde aus, ausgelaugt. Er steht am Rednerpult, stützt sich mit beiden Armen. Vor ihm sitzen mehr als 200 Journalisten – und denen erzählt das ehemalige Staatsoberhaupt nun, wie sich „Medien und Justiz die Bälle zugespielt“ hätten, um ihn niederzuringen, und wie die Politik bei all dem „weitgehend abgetaucht“ sei.

Vor allem die aus seiner Sicht übereifrigen Staatsanwaltschaft in Hannover kritisiert er, die „unter dem Druck der veröffentlichten Meinung meinte handeln zu müssen“. Der Antrag auf Aufhebung der Immunität Wulffs durch die Staatsanwaltschaft hatte dessen Rücktritt vor gut zwei Jahren schließlich ausgelöst. Mit Blick auf die Medien rügt Wulff „Jagdfieber“ und „zerstörerische Häme“ und forderte „mehr Respekt und mehr Wohlwollen“. Und weil sein Fall – aus welchen Gründen auch immer – beispielhaft sei, sieht er gar die Demokratie in Gefahr.

Auf die Frage, ob sein Rücktritt politisch richtig gewesen sei, auch wenn es keine juristische Grundlage dafür gegeben habe, antwortet Wulff zunächst etwas überraschend: „Der Rücktritt war falsch. Und ich wäre auch heute der Richtige in dem Amt.“ Auf Nachfrage erklärt er dann: „Hätte die Staatsanwalt korrekt gehandelt in Hannover und die Aufhebung der Immunität nicht beantragt, wäre ich noch im Amt. Der Rücktritt war richtig.“

Immerhin: Der frühere Präsident gibt zu, Fehler gemacht zu haben. Es wäre „gelegentlich gut gewesen, größere Distanz zu wahren“, sagte er mit Blick auf Urlaube bei befreundeten Unternehmern. Auch hätte er eine Anfrage im niedersächsischen Landtag nicht nur formal korrekt, sondern „umfassender“ beantworten sollen. Dabei ging es um die Herkunft eines Kredits für sein Privathaus.

Wulffs neues Buch wird erst nach der Pressekonferenz verteilt. Der hochseriöse Münchner C.H.Beck-Verlag hatte zuletzt darum ein Geheimnis gemacht, als enthalte es die Fortsetzung der NSA-Enthüllungen. Es erzählt aber nicht mehr als die Causa Wulff aus Sicht des Hauptbeteiligten – und die Tendenz ist nicht überraschend: „Niemals zuvor haben die Medien unseres Landes einen Politiker so erbarmungslos verfolgt – die Demütigungen reichten noch über den Tag hinaus“, steht im Klappentext.

Wer ins Buch hineinblättert, wird sich angesichts des Inhaltsverzeichnisses womöglich erst mal die Augen reiben: Es ähnelt fatal dem von „Jenseits des Protokolls“, dem stupiden Krisenbewältigungsbuch von Noch-Gattin Bettina. Dort heißen die ersten Kapitel „Die Männer“, „Das Haus“, „Die Wahl“, bei Christian Wulff heißen sie „Die Wahl“, „Der Kandidat“, „Der Präsident“. Hinten heraus wird es dramatisch: „Die Jagd“, „Die Kugel“ und dann, ganz am Ende, Zumindest „Das Recht“. Puh.

Sonst ist den beiden Werken nicht viel gemein. Denn Christian Wulff schreibt sachlich, nüchtern, wenn auch bisweilen in jenem betulichen Stil, den man aus seinen Reden kennt, und in dem längst vergangene Jahrhunderte sprachlich nachhallen.

Was die Medienschelte anbelangt, merkt man schnell, dass Wulff es vor allem auf die Bild-Zeitung abgesehen hat, die mit Hilfe unlauterer journalistischer Methoden einen „Tsunami“ auf ihn losgeschickt habe, der „in drei Wellen“ über ihn hereingebrochen sei: die Hauskredit-Welle, die Mailbox-Welle, die Syltwelle.

Der 500 000-Euro-Kredit von Unternehmer-Gattin Edith Geerkens war, wie man heute weiß, astrein, was Wulff detailreich belegt. Und dass er Bild-Chefredakteur Kai Diekmann eine kaum verhohlene Drohung auf die Mailbox sprach, bezeichnet er zu Recht als „Riesendummheit“ – und liefert den Text gleich im Wortlaut mit. Neu bei dieser zweiten Welle ist aus Wulffs Sicht: Bild, Spiegel und FAZ, die jeweils Auszüge brachten, hätten „erstmals zu dritt“ zugeschlagen. Wulff wittert einen „Komplott“.

Wer Wulffs Buch „ergebnisoffen liest“, wie der Autor es in Berlin fordert, wird zugeben, dass manche Medien übers Ziel hinausgeschossen sind, indem sie zum Beispiel hinter einem Bobbycar seines Sohnes einen Skandal witterten. Aber all das ist hinlänglich bekannt – Wulff müsste neue Fakten liefern statt nur einige neue Details. Er fragt nicht, was ihn so angreifbar gemacht hat. Marcus Knill, Experte für Medienrhetorik, hat eine Antwort: „Wulff war verstrickt in ein Geflecht von Kumpaneien, Abhängigkeiten und Gefälligkeiten.“ Und das ist etwas ganz anderes als ein Komplott.

Von Barbara Nazarewska und Robert Arsenschek

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