Was wussten der V-Mann und sein Führer?

München - Im NSU-Prozess war am Mittwoch Benjamin G. geladen - er war rechter Informant des Verfassungsschutzes. Doch der Geheimdienst erschwert nun seine Aussage.

Im NSU-Prozess sitzen nur Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ auf der Anklagebank des Münchner Oberlandesgerichts. Doch stets klingen in dem Verfahren auch die Fragen mit: Wie konnte der Staat so versagen? Was wussten die Behörden – insbesondere der Verfassungsschutz – wann?

Zu den dubiosesten Gestalten, die schon auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen mussten, zählt der ehemalige hessische Verfassungsschützer Andreas T. Der war bei einem der neun Morde an Migranten am Tatort. Eigentlich hätte er zumindest die Leiche von Halit Yozgat sehen müssen, der im April 2006 in seinem Kasseler Internetcafé erschossen wurde. Doch T. beteuert, nichts gemerkt zu haben. Das ist nicht sehr glaubwürdig, die Indizien sprechen dagegen. Außerdem macht T. erhebliche Erinnerungslücken geltend – insbesondere wenn es um Gespräche mit einem seiner V-Männer aus der rechten Szene geht.

Dieser ehemalige V-Mann, Benjamin G., musste nun gestern im Prozess aussagen. Der 33-jährige Gebäudereiniger arbeitete von 2001 bis 2007 beim hessischen Landesamt für Verfassungsschutz (LfV). 275 Euro kassierte er anfangs pro Monat für Informationen. Das Geld erhielt G. von einem „Alex“, mit dem er sich einmal im Monat traf. „Alex“, das war der Deckname von Andreas T., dem sogenannten V-Mann-Führer von G.

Auch an dem Tag, an dem Halit Yozgat ermordet und Andreas T. womöglich Zeuge wurde, telefonierten die beiden miteinander. Erst rief G. auf T.s Handy an, das Gespräch dauerte 17 Sekunden, später rief T. zurück, diesmal sprach man mehr als elf Minuten. Ungewöhnlich, weil beide am Telefon eigentlich nur Treffpunkte und Zeiten vereinbarten. An den Inhalt der Telefonate will sich auch G. nicht erinnern können.

Ob er denn mal mit T. über die Tat im Internetcafé gesprochen habe, fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Ja, er habe mal danach gefragt, sagt G. Kurze Pause. „Nein, gebilligt habe ich das nicht“, schiebt er nach. Immer wieder hakt der Richter scharf nach, weil sich G. widerspricht. Erst will er nicht mehr wissen, ob er T. persönlich oder am Telefon auf die Tat angesprochen habe. Dann erzählt er, dass T. nicht wie sonst seine Jacke ausgezogen und sich Notizen gemacht habe. Als er ihn nach der Schießerei gefragt habe, „wurde er plötzlich nervös“, erzählt G. Andreas T. habe gestottert, sich ständig umgesehen. „Diesmal war nicht ich der Beobachtete“, glaubt G.

Tatsächlich geriet T. später nicht nur unter Beobachtung, sondern sogar unter Tatverdacht. Seinen Job übernahm „Heinz“, ein anderer Verfassungsschützer, der G. auch über die Verstrickungen von Andreas T. informierte. Ob das der letzte Kontakt zum Verfassungsschutz war, will Nebenklage-Anwalt Thomas Bliwier wissen. „Ja“, antwortet G. Aber er habe doch bei der Polizei ausgesagt, dass ihn zwei LfV-Mitarbeiter kurz vor der Vernehmung bei den Ermittlern unbedingt sprechen wollten. Ja, gibt G. zu und will anfangen zu erzählen, da unterbricht ihn sein Anwalt. Eine Antwort auf diese Frage sei durch die Aussagegenehmigung des Geheimdienstes nicht abgedeckt.

Das regt die Nebenklage-Vertreter auf. Wen der Anwalt eigentlich vertrete, will Bliwier wissen – den Zeugen oder den Verfassungsschutz. Er bekommt keine Antwort, doch die steht in den Akten. Dort heißt es in einem Schreiben des LfV, der Anwalt werde G. „zur Wahrung Ihrer Interessen“ gestellt – ausgewählt und bezahlt hat ihn aber der Geheimdienst. Eine Lösung des Streits gibt es gestern nicht mehr, Richter Götzl unterbricht, G. muss heute weitere Fragen beantworten. Danach will das Gericht Andreas T. noch einmal hören – und mit G.s Aussagen konfrontieren.

Philipp Vetter

Rubriklistenbild: © dpa

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